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Annette Feldmann : Nichts sagen

Bild: Andreas Brand

Als Vierzehnjähriger wurde Nils von dem Freund seiner Mutter sexuell missbraucht. Lange Zeit versucht er, das Erlebte zu verdrängen. Zehn Jahre später lernt er, sich der Vergangenheit zu stellen. Und den Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

          Annette Feldmann, Jahrgang 1975, studierte Kanadistik und Vergleichende Literaturwissenschaften in Augsburg und Vancouver. Nach dem Volontariat bei der Rheinischen Post in Düsseldorf arbeitete sie in mehreren Lokalredaktionen am Niederrhein. Seit 2008 ist sie freiberufliche Journalistin und lebt mit ihrem Mann in Kempen.

          „Ihr seht euch gar nicht ähnlich.” Ari musterte Daniel und mich kritisch. Hinter uns schoben sich lautlos die Schleppkähne auf dem Rhein vorbei, die in der Dunkelheit zu weißen, grünen und roten Lichtern geschrumpft waren. Es roch nach Grillanzünder, nach Bier und nach Fluss. Dort, wo jemand rauchte, glühten orangefarbene Punkte auf. Gunnar hatte einen uralten Ghettoblaster und noch ältere Kassetten mitgebracht, und die Beatles untermalten unsere Party.
          Daniel und ich sahen uns wirklich nicht ähnlich. Er hatte seinen Zehn-Zentimeter-Vorsprung gehalten und auf 1,95 Meter ausgebaut. Mit seinen dünnen Armen und den Storchenbeinen wirkte er schlaksig und ungelenk, doch der Eindruck täuschte. Er spielte Handball in der Regionalliga, studierte Sport und war allein schon deshalb fit und gut bemuskelt. Ich stieg nur ab und zu auf mein Rennrad und kickte höchstens mal im Park.
          Ich hatte auf die Geisteswissenschaften gesetzt: Linguistik und Kulturwissenschaft. „Professor Nils“ nannte Daniel mich, wenn ich beim Lernen meine Bartstoppeln kraulte oder meine blonden Haare zerwühlte. Obwohl, viel zerwühlen konnte ich da nicht. Das Wort „Frisur“ war für das dichte, widerspenstige Zeug auf meinem Kopf definitiv zu hoch gegriffen. Ich sah eher aus wie Anakin Skywalker nach einem Elektroschock.
          Daniel hatte vor kurzem seine kinnlange, schokobraune Matte abrasiert und entkräftete alle paar Meter den Vorwurf „Scheiß- Nazi“.
          „Biologisch gesehen sind Nils und ich auch keine Brüder”, Daniel holte Luft, um eine seiner pseudowissenschaftlichen Erklärungen abzugeben. Wenn er ein bisschen knülle war, fielen die endlos aus.
          „Ja, was denn jetzt?“ Verwirrt sah Ari fast noch süßer aus. Sie kniff ihre blauen Augen leicht zusammen und guckte von einem zum anderen.
          „Nils hat...”, fing Daniel wieder an.
          „Quasi adoptiert.” Ich fand diese Worte passend. Ich war bei Daniels Eltern, Karin und Hannes, aufgewachsen. Ich betrachtete sie, und nicht etwa Maren, meine Mutter und meinen Stiefvater Robert, als meine Eltern. Den schon mal gar nicht.
          „Wer ist adoptiert?“
          „Ich”, sagte ich.
          „Ach so.“
          Ich merkte, dass sie gern weitergefragt hätte, sich aber nicht traute. Ich bemerkte auch diesen bestimmten Ausdruck in ihren Augen, der signalisierte, dass sie sich für mich interessierte. Ich kannte diesen Blick. Und wahrscheinlich hatte ich sie den ganzen Abend genauso angeguckt. Daniel erzählte plötzlich von Bierdosen, deren Inhalt er vernichten müsse und wankte davon, um selbige aus dem Rhein-Kühlschrank zu holen.
          „Möchtest du noch was trinken?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf.
          „Wie wär’s damit?“ Ich hielt ihr eine Lucky Strike hin.
          „Nee, ich rauch’ nicht.“
          „Willst du anfangen?“
          „Ich bin seit einem Jahr nikotinfrei, also verführ mich nicht.“
          „Zumindest nicht zum Rauchen”, sagte ich leise, rückte näher an sie heran und legte ihr meinen Arm um die Schultern. Schweigend saßen wir eine Weile so da. Irgendwann begann ich, sie vorsichtig zu streicheln. Haare, Gesicht, Nacken. Ihre Haut war weich und kühl.
          „Das ist wunderschön”, murmelte Ari mit geschlossenen Augen.
          Du bist wunderschön”, flüsterte ich und legte meine Hand auf ihre Brust. Ari erschauerte. „Du fühlst dich gut an.“ Meine Stimme klang atemlos. Dann fasste sie mir zwischen die Beine. „Du dich auch.” Ich zog sie ins Gras, und endlich küssten wir uns.
          „Das war ja klar!“ Eine Bierfahne wehte auf uns herunter.
          Markus, der mit Daniel und unserem Mitbewohner Gunnar Sport studierte, stand vor uns. „Du stürzt dich ja echt auf alles, was Titten hat!“
          „Du bist besoffen, Markus. Hau ab!“
          „Ich hab dich vor dem Kerl gewarnt, Ari, hab ich doch.“
          „Was ich mache, geht dich nichts an.“
          „Wenn du mit ihr deine übliche Nummer abziehst, mach ich dich fertig”, stieß Markus hervor und taumelte davon. Das Knistern zwischen uns nahm er mit. Ari strich ihr T-Shirt glatt.
          „Mein Exfreund. Mist. Ach, dieses Arschloch.“
          „Ist ja nicht deine Schuld. Markus und ich können uns halt nicht besonders gut riechen.“
          „Wieso?“
          „Einfach so.“ Wir saßen im Gras, ohne uns zu berühren, und sahen auf den Fluss.
          „Was hat Markus mit ‚deiner üblichen Nummer’ gemeint?“, fragte sie nach einer Weile.
          „Keine Ahnung.“
          Ari warf mir einen verächtlichen Blick zu.
          „Ich glaube, er spielt darauf an, dass ich noch nie eine feste Freundin hatte, sondern nur Affären, sozusagen”, sagte ich.
          „Warum?“
          „Weiß nicht. Es ist einfacher irgendwie.“
          „Hast du Angst vor Markus?“ Sie grinste.
          „Sehr witzig.“
          „Dann bring mich nach Hause.“





































          Am nächsten Abend saßen Daniel und ich auf unserem Balkon. Wir hatten die Füße auf das Geländer gelegt und genossen die laue Sommerluft und den vom Sonnenuntergang spektakulär gefärbten Himmel. Rechts hinter den Bäumen blinkte der Fernsehturm. Daniel kapierte immer noch nicht, nach welchem System er die Zeit anzeigte, auch wenn ich es ihm schon hundertmal erklärt hatte. Es war 21.14 Uhr.
          „Wie lief’s gestern eigentlich mit Ari?“
          „Gut.“ Es war anders als mit allen anderen. Größer, intensiver, schöner. Ich hatte mich wohl gefühlt. Es ging nicht nur um Sex, sondern um viel mehr: Wir hatten stundenlang gequatscht, uns ewig geküsst und uns zwischendurch einfach nur angesehen.
          Ich war verliebt. Ich hatte furchtbare Angst.
          „Ist ’ne Wiederholung angesagt?“
          „Mal gucken.”
          „Weiß sie, dass du noch nie eine feste Freundin hattest?“ fragte Daniel gespielt streng.
          „Jaaahaaaa.“ Das Thema war nicht neu. Ich hatte ihm nie von Der Sache erzählt, aber manchmal glaubte ich, dass er Es ahnte. Er fragte mich nie danach, warum ich mich auf keine feste Beziehung einließ.
          „Wirst du sie anrufen?“
          „Nerv’ nicht, Danne.“








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