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Brief aus Istanbul : Erdogans System ist demaskiert

  • -Aktualisiert am

Wer eine Maske hat, gehört zur Minderheit: Corona-Alltag in Istanbul Bild: EPA

Die Ankündigung „Gratis-Masken für alle“ ist einen Monat her. Alle starren auf ihr Handy, doch der Staat schickt keine SMS. In der Krise zeigt sich das Erdogan-System von seiner schlimmsten Seite.

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          Offiziell gab es in der Türkei den ersten Covid-19-Fall am 10. März, der erste Tote wurde am 17. März verzeichnet. Zahlreiche dubiose Todesfälle vor diesem Datum weisen allerdings darauf hin, dass die Epidemie zuvor Einzug in die Türkei gehalten haben muss. Einer der Verstorbenen vor der Verkündung des „ersten Verlustes“ war der ehemalige Oberkommandierende der Landstreitkräfte, Aytaç Yalman. Seine der Öffentlichkeit verheimlichte Beerdigung wurde erst mehrere Tage später dank der Kolumne eines oppositionellen Journalisten bekannt. Yalmans Frau verschied wenige Wochen später, sein Arzt und sein Leibwächter wurden auf der Intensivstation behandelt.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Die Bestattung des Generals a.D., bei der Kalk über den Leichnam geschüttet wurde, weckte Zweifel an der Glaubwürdigkeit der offiziellen Verlautbarungen zur Epidemie. Als zu diesem Argwohn noch die Unzulänglichkeit der angeordneten Maßnahmen hinzukam, regte sich Protest. Vorkehrungen wie der Abbruch der Verkehrsverbindungen zu China und Iran, die Aussetzung der Fußballligen und die Schließung der Moscheen wurden viel zu spät getroffen. Der Vorwurf an die Regierung lautet, sie habe, um der krisengeschüttelten Wirtschaft nicht vollständig den Stecker zu ziehen, nur oberflächliche Schritte eingeleitet und damit der Eskalation der Epidemie Vorschub geleistet.

          Mehr als Empfehlungen

          Als die Zahl der Todesfälle anstieg, wurde an die Bürger lediglich appelliert, zu Hause zu bleiben. Die rasante Ausbreitung der Epidemie erforderte aber mehr als Empfehlungen. Doch jenen, die nach einer Ausgangssperre riefen, wurde vorgeworfen, einem Putsch den Boden zu bereiten und das Land aufzuwiegeln. Die Regierung weigerte sich, den Lockdown auszurufen, vielmehr versprach sie, um die Proteste einzudämmen, kostenlos Schutzmasken an die Bevölkerung zu verteilen. Wie sich das dann gestaltete, zeigt den Niedergang des Systems in der Türkei.

          Bülent Mumay

          Am Abend des 6. April, einem Montag, beruhigte eine Erklärung von Regierungsseite all jene, die die bisherigen Maßnahmen für unzureichend gehalten hatten. Demnach sollten die Bürger auf der Website der türkischen Post PTT unter Angabe ihrer Ausweisnummer einen Antrag stellen, daraufhin bekämen sie automatisch fünf Masken pro Woche zugeschickt. So einfach schien das zu sein, dabei fing das Maskenabenteuer damit erst an. Bürger, die tagelang nirgendwo Masken auftreiben konnten und darum nur ängstlich aus dem Haus gingen, stürmten die PTT-Website. Innerhalb weniger Stunden brach sie zusammen. Gegen Mitternacht gab die Regierung eine neue Erklärung ab, der zufolge man nun seinen Antrag auf der staatlichen E-Government-Site stellen sollte. Wiederum sollten die beantragten Masken nach Hause geschickt werden. Erdogan trat vor die Kameras und verkündete: „Wir sind entschlossen, alle unsere Bürger mit kostenlosen Masken zu versorgen.“

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