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„Nymphomaniac“ auf der Berlinale : Höchste moralische Luftfeuchtigkeit

Nicht nur zwischen Sex und Seele sucht und findet „Nymphomaniac“ Kontraste – Charlotte Gainsbourg bei der Kalibrierung einer Versuchsanordnung Bild: dpa

Ein Porno für Filmfachleute? Ein Kunstwerk für Lustmolche? Der Film „Nymphomaniac“ von Lars von Trier ist weder das eine noch das andere, sondern schlimmer (und sogar besser) als beides.

          5 Min.

          Zuschauen ist Abwarten. Wer aufmerksam guckt, macht gerade nicht mit. Wenn dann etwas getan und gezeigt wird, das man nicht tun soll, fühlt man sich, da Abwarten immer auch Überlegung erlaubt, nach der Bereitschaft gefragt, gutzuheißen oder zu verurteilen, was zu sehen ist.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Lars von Triers „Nymphomaniac“ - zwei Filme, eine Geschichte; am Sonntag zeigte die Berlinale die ungekürzte Fassung des ersten Teils als Weltpremiere - führt mehr vor, als man sonst meist im Kino sieht: Fellatio und Cunnilingus in Großaufnahmen, eine Diashow unbeschnittener wie beschnittener männlicher Zeugungsglieder, den träumerischen glossy Glanz auf verschiedenen Sorten weiblicher Lippen, aber auch einen Sterbenskranken, der delirierend in seinem eigenen Schmutz liegt, ferner verpixelte, grob videographierte Dokumentaraufnahmen von Kirchenchören und Sportfischern sowie immer wieder Info-Graphisches und andere Diagramme, die sich auf Szenenbilder mitten in deren Bewegung legen wie die milde Besserwisserei eines liebevoll-verschämten Hauslehrers.

          Wie man Sachen und Menschen umkrempelt

          Das also soll die Sauerei sein, von der Gerüchte seit Monaten zischeln? Der Regisseur Lars von Trier, hieß es, hat nach zahlreichen mal brüsken, mal zarten Eigenbröteleien einen „Sexfilm“ verbrochen, einen „Porno“ sogar. Die beiden Wörter sind Verkürzungen, die plattmachen, was höchstens ein Moment von mehreren einander umspielenden Melodien dieser Erzählung beschreibt. Man könnte schwierigeres Vokabular bemühen, um genauer zu benennen, was an diesen Worten bestenfalls stimmt; man kann sie aber auch einfach als produktive Fehlinformationen stehenlassen, immerhin sind sie griffiger als gelehrte Präzisierungen - „inauguraler globaler militärischer Konflikt“ klingt ja auch weniger wahr als „Erster Weltkrieg“.

          Von Triers sogenannter Porno handelt davon, wie man Sachen und Menschen von innen nach außen krempelt, daher die anatomischen Details, und davon, wie man glaubwürdige oder unglaubwürdige Äußerlichkeiten von Lebensläufen umgekehrt von außen nach innen krempelt, das Zufällige (außen) also als immanent zwingend (innen) beschreibt, was seine Zeit braucht; daher die Dauer des Werks.

          Nur einen Feind hat sie zu fürchten: die Liebe

          Es schneit im kalten Hinterhof, die Flocken trudeln saumselig zu Boden, zahlreiche Nachzügler wird man später immer wieder durch ein Fenster sehen. Der glaubenslose Jude Seligman, mit entsagungsvoll onkeliger Würde gespielt von Stellan Skarsgård, findet die misshandelte Joe, die gleich das edle Kinn so vorzeigt, dass man ihr starkes Gebiss ahnt, wie das Charlotte Gainsbourg bei Lars von Trier eben immer tut. Sie will nicht, dass der Samariter ihr Ambulanz oder Polizei ruft; sie will lieber Tee. Er nimmt sie mit in seine gemütlich abgenutzte Gelehrtenstube, reicht ihr einen Pyjama, bringt ihr den verlangten Tee samt Gebäck.

          Dann gibt er ihr Gelegenheit zum ersten zentralen Umkrempelkunststück des Films: Sie darf Scheherazade spielen, aber verkehrt herum. Denn sie darf ihm von ihrer Sexsucht zwar so viele Geschichten erzählen, wie er fassen und mit studienrätlichen Gleichnissen verzieren kann. Aber das tut sie nicht, wie die Geschichtenflechterin in Tausendundeiner Nacht, um sich zu retten, sondern um dem Zuhörer zu beweisen, dass sie nicht zu retten ist, böse von Jugend auf. Sigmund Freud zum Trotz lässt sie Oralität und Analität, wie ein Rückblick behauptet, schon im Alter von zwei Jahren hinter sich und errichtet als Feldzeichen im sozialen Krieg aller gegen alle den stolzen Vorrang des Genitales. Nur einen Feind hat sie später zu fürchten: die Liebe. Soweit ist das tatsächlich Porno - jedenfalls würde Porno so ähnlich denken, wenn Porno denken könnte und wollte.

          Wie ein Kuckucksei ins gemachte Nest

          Aber Porno ist nicht nur eine mögliche Lebenseinstellung, die Sex benutzt, um nicht lieben zu müssen, sondern auch ein Filmgenre, und von Trier hat in der Vergangenheit bekanntlich mit einer in seinem Berufsstand ebenso wünschenswerten wie selten derart rein gelebten Konsequenz bewiesen, dass er nichts lieber tut, als Filmgenres durch obsessives Einspeicheln und Durchkauen ihrer Konventionen auf die mögliche Tauglichkeit zur Formulierung seiner zahlreichen vorfilmischen oder nachfilmischen Vollmacken zu überprüfen - von der Endzeit-Science-Fiction (das war die Europa-Trilogie, mit der sein Werk in den Achtzigern begann, und an die dann „Melancholia“ als eine Art Coda 2011 anschloss) übers Musical und das Ensembletheater („Dancer in the Dark“, 2000, „Dogville“ 2003) bis zum Horrorfilm („Antichrist“, 2009).

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