Home
http://www.faz.net/-gyg-7a09r
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Flugzeugbau Ein Triebwerk fliegt selten allein

Flugzeuge haben wenig Pannen. Von defekten Motoren hört man fast nie etwas. Das ist kein Zufall. Hersteller und Lufthansa Technik überwachen sie ständig. Auch in der Luft.

© Cunitz, Sebastian Vergrößern Triebwerk am linken Flügel einer Boeing 747

Kurz nach dem Start in Helsinki schlagen Flammen aus einem Triebwerk der Lufthansa D-AISL. Während die Piloten die zum Start benötigte volle Schubkraft im Steigflug auf Steigleistung reduzieren, tritt in rund 750 Meter Höhe eine spürbare Störung an Triebwerk Nummer 1, also dem linken, auf. Die Fachleute sprechen von „Stall“, einem Strömungsabriss, der zum Abfall der Leistung führt. Die Luft, die auf das Triebwerk trifft, strömt dann innen oder außen falsch oder nicht durch das Triebwerk. Passagiere berichten von Flammen am hinteren Teil. Die Piloten fahren die Schubkraft bis in den Leerlauf zurück, schalten das Triebwerk aber nicht vollständig ab. Im Leerlauf werden keine weiteren Stalls festgestellt. Die Piloten des Airbus A321-231 entscheiden sich zur Umkehr und landen nach rund 15 Minuten wieder in Helsinki. Bei der Sichtkontrolle werden geschmolzene Metallpartikel im hinteren Teil des Triebwerks entdeckt, der Fehlerspeicher weist die Warnmeldung „Engine Stall“ aus, das Triebwerk wird gewechselt. Bis zu diesem Ereignis am 4. Mai 2013 war es fünf Jahre im Einsatz, hatte nahezu 15 000 Stunden absolviert, ohne Auffälligkeiten.

Frank-Holger  Appel Folgen:  

Ohne Auffälligkeiten, da ist sich die Lufthansa sicher. Denn sie überwacht jedes Triebwerk, auch während des Fluges, und führt darüber Buch. Das macht Zwischenfälle unwahrscheinlicher. Es komme mal vor, dass der Pilot die Leistung eines Triebwerks zurückfahre oder es in den Leerlauf stelle, weil er ungewöhnliche Vibration oder Temperatur festgestellt habe, sagt ein Ingenieur von Lufthansa Technik. Gravierende Defekte aber seien ausgesprochen selten. Einen „vollen Ausräumer“, wie die Techniker einen kapitalen Schaden innerhalb der vor umherfliegenden Trümmerteilen schützenden Hülle nennen, habe er in den vergangenen zehn Jahren nur zweimal erlebt.

Triebwerksüberwachung bei Lufthansa Technik - Zur Überwachung von Triebwerken während des Betriebes elektronische Geräte und am Boden Mechaniker eingesetzt © Cunitz, Sebastian Vergrößern Luftloch: Drei der mächtigen Schaufeln im Triebwerk einer Boeing 747 sind während der Inspektion ausgebaut

Am Flughafen Frankfurt sitzen die Spezialisten des Engine Condition Monitoring (ECM), die vom Boden aus den Gesundheitszustand der Triebwerke in der Luft kontrollieren. Rund 670 eigene und fremde Flugzeuge mit 1600 Triebwerken überwacht Lufthansa Technik. Mit 11 Triebwerksfamilien und 55 Triebwerksversionen kennen sich die Fachleute aus. 1,2 Millionen Datensätze werden in jedem Jahr verarbeitet, mehr als 7 Millionen sind gespeichert. Weil doppelt genäht besser hält, haben Triebwerkshersteller zusätzlich eigene Überwachungszentren, die Station von Rolls Royce etwa befindet sich in Großbritannien.

Wie so oft ist Erfahrung ein wichtiges Gut. Und technischer Fortschritt. An das früher gebräuchliche Blatt Papier, auf dem ein paar Werte festgehalten wurden, kann sich heute kaum jemand erinnern. Auf den Bildschirmen der acht Wache haltenden Mitarbeiter erscheint ein Wust aus Punkten und Linien, die für den Laien zusammenhanglos aussehen. Der Fachmann liest daraus Temperaturen, Drücke und Vibrationen und weiß, ob ein Triebwerk einwandfrei läuft oder ob sich ein Schaden abzeichnet. Meist treten Fehler schleichend auf und können frühzeitig entdeckt werden. Das erhöht Sicherheit und Einsatzzeit, es gibt mithin auch einen ökonomischen Aspekt. Unterschieden wird in Analysten, die aufkommende Warnmeldungen bearbeiten und Ingenieure, die den Motor langfristig im Auge behalten. Zur Überwachung stehen drei Systeme zur Verfügung, eines von GE Diagnostics, ein eigens von der Lufthansa in Kooperation mit Intel entwickeltes und ein Osys genanntes für die Trent 900 Motoren von Rolls Royce. Der große Airbus A380 ist ein Sonderfall, für ihn ist ein eigenes Maintenance Control Center zuständig.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Flugzeuglärm So werden Flugzeuge leiser

Wo geflogen wird, ist der Lärm nicht weit. In der Branche wird an vielen Schrauben gedreht, damit das Fliegen in Zukunft leiser wird. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Mehr Von Lukas Will

18.12.2014, 16:15 Uhr | Technik-Motor
Germanwings-Piloten drohen mit Streik am Freitag

Alle Germanwings-Flüge am Freitag zwischen 6.00 und 12.00 Uhr mit Abflügen von allen deutschen Flughäfen sollen bestreikt werden, wenn es zu keiner Einigung kommt. Germanwings ist die Billigtochter der Lufthansa. Mehr

28.08.2014, 13:20 Uhr | Wirtschaft
Emirates will A380 kaufen Frische Hoffnung für den Riesen-Airbus

Airbus stellt die Zukunft seines größten Flugzeugs A380 in Frage. Daraufhin äußert sich der wichtigste Kunde und sagt, er will weitere Flieger kaufen. Aber nur mit Triebwerken, die weniger Treibstoff verbrauchen. Mehr

11.12.2014, 11:42 Uhr | Wirtschaft
Pilotenstreik Zwei von drei Flügen annuliert

Nach den Lokführern streiken jetzt die Piloten. In Frankfurt hat die Lufthansa fast alle Flüge gestrichen. Nur in München sieht es etwas besser aus. Kanzlerin Merkel will konkurrierende Gewerkschaften notfalls per Gesetz zur Tarifeinheit zwingen. Mehr

20.10.2014, 15:49 Uhr | Wirtschaft
Wasserfliegen lernen Landen auf der Mosel

Mit der Piper auf einem Fluss mitten in Deutschland Wasserflug lernen? Das geht – und ist eine spektakuläre Erfahrung, die mit einem Start vom Flughafen nicht zu vergleichen ist. Mehr Von Jürgen Schelling

14.12.2014, 12:12 Uhr | Technik-Motor
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.06.2013, 06:00 Uhr

Models wie Eisbergsalat

Von Hans-Heinrich Pardey

Erstens lässt sich die Lieblingsfotozeitschrift von hinten erkennen. Und zweitens wird sie meist auch von dorther aufgeblättert, weil da gleich das Inhaltsverzeichnis der beiliegenden DVD kommt. Mehr

Hinweis
Die Redaktion