Autonomer Lkw : Lidls Raumschiff liefert

Eine Lidl-Filiale in Nordhessen testet die fahrerlose Belieferung. Der autonome Lastwagen legt wenige Hundert Meter zurück. Er könnte die Logistik auf lange Sicht verändern.
Vorsichtig lugt er um die Ecke. Die Lidar- und Radar-Sensoren am kabinenlosen Körper suchen die Umgebung ab. In der herbstkalten Nacht sieht der Elektrolastwagen aus wie ein schüchternes Raumschiff, das sich nicht recht vom Fleck traut. Ein paar Meter liegen noch vor ihm, dann ist die erste Fahrt der Schicht geschafft. Ihm gibt in weißer Transporter Geleit. Darin sitzt ein menschlicher Betreuer, der seinen Schützling immer im Blick hat. Im Notfall greift er mit der Fernsteuerung ein. Aus der Ferne ist eine weitere technische Aufsicht aktiv und steht mit dem Fahrer des Transporters in Verbindung. Das Fahrzeug fährt an, die kurze Straße hinunter und biegt auf den Parkplatz ein. Das Rückwärtsparken gelingt.
Bis zum Ende des Jahres übernimmt der autonom fahrende Lastwagen die Belieferung einer Lidl-Filiale am Rande der Stadt Edermünde in Hessen. Das Pilotprojekt prüft, ob der Einsatz solcher Fahrzeuge in der Warenbelieferung eines Supermarkts funktionieren kann. Die gesammelten Erfahrungen im Realbetrieb sollen in weitere Testreihen einfließen. Der Lastwagen stammt vom schwedischen Technologieunternehmen Einride, welches auf autonome elektrische Fahrzeuge spezialisiert ist, und entspricht dem SAE-Level vier. Der fahrerlose Wagen ist mit Genehmigung des Kraftfahrt-Bundesamts auf einer öffentlichen Straße unterwegs. Diese zählt nur wenige Hundert Meter und verbindet das regionale Logistiklager mit der Filiale.
Bisher ist alles gut gelaufen
Im Gegensatz zu einem Fahrzeug, das dem Automatisierungslevel drei entspricht und dem Fahrer beispielsweise erlaubt, Mails zu lesen, ihn aber zur Eingreifbereitschaft verpflichtet, benötigt ein Fahrzeug des Levels vier keinen Fahrer mehr. Auch definieren sich die Einsatzbereiche unterschiedlich: Während ersteres nur in bestimmten Situationen das Automatisierungssystem einsetzt, fährt letzteres komplett selbständig in einem festgelegten Einsatzgebiet. Dass der Lkw in Edermünde doppelt beaufsichtigt wird, liegt in den vorsichtigen behördlichen Auflagen für den Feldversuch begründet. Das Pilotprojekt läuft seit Mitte September, bisher ist alles glatt gelaufen. Trotzdem will man offensichtlich auf Nummer sicher gehen. Gesetzlich vorgeschrieben wäre eigentlich nur ein „Remote Operator“, also die technische Aufsicht aus der Ferne.

Filiale und Logistikzentrum liegen in Edermünde in direkter Nachbarschaft. Den ganzen Tag über fahren hier Lkw an die Verladetore, werden neu befüllt und bringen die Ware zu den Filialen in der Region. Bis zur Auffahrt auf die A 49 haben sie es nicht weit, nur ein Kilometer trennt die Autobahn von dem Lager. In Deutschland sind rund 3250 Lidl-Filialen und 39 Verwaltungs- und Verteilzentren in Betrieb, nicht alle haben solch günstige Bedingungen. Was die Kunden tagsüber in den 65 Filialen der Region rund um Edermünde gekauft haben, müssen die Mitarbeiter nach und nach auffüllen.
Auf dem großen Parkplatz des Logistikzentrums steht nun also bis Jahresende das schüchterne Raumschiff zwischen den bemannten Lastwagen. Es tritt dem Fahrermangel in der Logistikbranche entgegen, der aktuell in Deutschland ein Minus von 80.000 bis 120.000 Fahrern beträgt. In den autonomen Wagen passen 15 Paletten. Das zulässige Gesamtgewicht des Lkw beträgt 26 Tonnen, ist zwei Meter breit, vier Meter hoch und mit sieben Metern ungefähr halb so lang wie ein durchschnittlicher Sattelauflieger im Fernverkehr.
Seine Schicht beginnt nachts, wenn die Filiale geschlossen und das Lager zwar hellerleuchtet, aber nur noch spärlich besetzt ist. In bis zu acht Stunden und durchschnittlich drei Fahrten zwischen Lager und Filiale kann er die tägliche Belieferung des Ladens mit dem Trockensortiment abdecken. Darunter fällt alles, was nicht gekühlt werden muss, vom Sechserpack Wasser bis zur Dose Mais. Für den viermonatigen Probezeitraum veranschlagen die Verantwortlichen laut einer Pressemitteilung rund 3000 Paletten, die der Lkw bewegen kann.
Als Nächstes steht der „Milkrun“ auf dem Plan
Bevor das Fahrzeug losfährt, überprüft sein Betreuer mit der Fernbedienung eine Reihe von Funktionen, darunter Bremsen und Lenkung. Erst wenn alle Tests erfolgt sind, setzt sich der Wagen in Bewegung. Bis zu 25 Stundenkilometer kann er im autonomen Betrieb fahren. Die Batterie hat eine Reichweite von 150 bis 190 Kilometern, eine Schicht in der Warenauslieferung ist also kein Problem. Die technischen Herausforderungen lägen in den Rangieraufgaben und Abbiegevorgängen, sagen die Verantwortlichen.
Die Lkw-Betreuer aus der Nähe und Ferne weisen ihm ein Verladetor zu. Das ganze Gelände und die zu fahrende Strecke sind vor dem Projektstart digital erfasst worden, ebenso die Tore. Der Anlernprozess des Lastwagens hat rund drei Wochen gedauert. Der Wagen hält inne, fast wirkt es, als würde er angestrengt nachdenken. Dann dreht er sich, sodass die Hintertür dem Gebäude zugewandt ist, und setzt zurück. Der lokale Betreuer öffnet das Tor. Drinnen wartet die „Ameise“, ein elektrischer Hubwagen, außerdem eine schier unübersichtliche Menge von Paletten voller Lebensmittel. Die Beladung dauert nur einige Minuten, dann macht sich der autonome Lastwagen auf zur Filiale.
Er navigiert zur Rampe, damit die Lidl-Mitarbeiter ihn dort entladen können. Sein Begleiter im weißen Transporter ist immer in Reichweite. Sollte es doch einmal zu Störungen kommen, helfen eingebaute Redundanzen. Beispielsweise sind Lenkung und Bremsen doppelt vorhanden, auch sichern drei Provider die Kommunikation zwischen Fahrzeug und technischer Aufsicht ab. Kommt es zu Störungen, kann der Lkw von allein anhalten, um andere Verkehrsteilnehmer nicht zu gefährden.
Schon jetzt ist ein zweites Projekt mit autonomen Lkw geplant. Dann sollen von einem anderen Standort aus mehreren Filialen beliefert werden. Der Test des „Milkrun-Modells“, benannt nach der Tour eines „Milchmanns“, der nach einem festen Plan Milch bei den Bauern einsammelt und sie an Kunden ausliefert, werde wieder einige Monate in Anspruch nehmen. Auch seien künftig Versuche mit gekühlter Ware denkbar. Bis dahin werde jedoch noch einige Zeit vergehen. Erst einmal gelte es, das Pilotprojekt gut über die Bühne zu bringen.





