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Aktualisiert: 23.04.2015, 17:37 Uhr

Fall Tugce Ein Epos, das noch aufzuklären ist

Tugce Albayrak wurde zum Symbol für Zivilcourage und Emanzipation, für Integration und für das Gute schlechthin. Das ist viel für einen frühen Tod und viel für das früh verkorkste Leben des mutmaßlichen Schlägers Sanel M. Am Freitag beginnt gegen ihn der Prozess.

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© Imago Ikonisches Porträt: Das Gesicht von Tugce Albayrak wurde in den Wochen nach dem tödlichen Angriff tausendfach in sozialen Netzwerken geteilt. Am 22. November, wenige Tage vor dem Tod der Studentin, halten es Trauernde am Tatort in Offenbach hoch.

Im Saal 3 des Landgerichts Darmstadt haben 52 Zuschauer Platz. Als feststand, wann sich dort Sanel M. wegen seines Schlags gegen Tugce Albayrak wird verantworten müssen, schickte das Gericht eine E-Mail an die Pressevertreter. Auf zwei DIN-A4-Seiten erklärte es, wie sich Journalisten einen der Plätze sichern können, die man für sie freihalten werde. Die Plätze würden verlost, stand in der Mitteilung. Das Gericht hatte ein kompliziertes Verfahren entwickelt, teilte Zeitungen, Radio- und Fernsehsender in Gruppen ein, in Untergruppen.

Denise Peikert Folgen:

Ein Aufwand, wie er zuletzt beim Münchner Prozess um die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) betrieben wurde. Knapp zwei Dutzend Zuschauer werden zusätzlich in dem Gerichtssaal sitzen können, in dem die 10. Große Strafkammer des Landgerichts, eine Jugendkammer, über die Schuld von Sanel M. befinden muss.

© Marcus Kaufhold, dpa, AP Prügelopfer Tugce Albayrak: Warum es kein einfacher Prozess wird (April 2015)

Zwei Wochen nach dem Tod von Tugce Albayrak kamen rund 2000 Menschen zu einem Gedenken an die Studentin vor der Klinik in Offenbach zusammen. Schon diese Diskrepanz und der Aufwand des Gerichts machen deutlich, wie groß der öffentliche Druck ist, unter dem der Prozess gegen Sanel M. geführt werden wird. Er beginnt am Freitag, geplant sind zehn Sitzungstage.

Tugce war diejenige, die reagierte

Von Hauptverhandlungen wird oft erwartet, sie mögen die letzte und reine Wahrheit über ein Verbrechen aufdecken, mögen erklären und sogar sühnen. Die Hoffnung wird oft nicht erfüllt. Nur selten ist sie so groß, wie in diesem Fall. Das Epos von Tugce Albayrak und Sanel M. war schon geschrieben, bevor die Geschichte der beiden zu Ende erzählt worden ist, sogar schon, bevor die Ermittlungen der Polizei überhaupt richtig begonnen hatten. Ein Umstand, von dem sich ein Gericht freimachen können muss, ganz sicher. Aber eine leichte Aufgabe ist das nicht.

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Die Nacht zum 15. November 2014. Es ist kurz nach vier Uhr, als Tugce Albayrak nach einem Schlag von Sanel M. auf dem Parkplatz vor dem McDonald’s am Offenbacher Kaiserlei zu Boden geht. Zuvor soll sie zwei noch sehr junge Mädchen auf der Toilette des Fastfood-Restaurants gegen eine Anmache des Achtzehnjährigen verteidigt haben. Eine Situation, auf die womöglich auch andere Gäste hätten aufmerksam werden können, aber Tugce Albayrak war diejenige, die reagierte. Schnell wurde sie deshalb zu einem Symbol für Zivilcourage und Emanzipation, für die Ansichten dieses Landes über Integration, für das Gute schlechthin.

Der Erinnerung könnte kippen

In einer Petition forderten rund 300.000 Unterzeichner, der Studentin das Bundesverdienstkreuz zu verleihen, in Offenbach dachten die Stadtverordneten daran, eine Brücke nach ihr zu benennen. Polizei und Staatsanwaltschaft kritisierten, dass das alles geschah, bevor die Ermittlungen abgeschlossen waren.

Später wurde mehr über diese Ermittlungen bekannt. Demnach sagten mehrere Zeugen, Tugce Albayrak habe Sanel M. vor dem Angriff gegen sich beleidigt. Das ist nichts, was den späteren Schlag rechtfertigt, das aber, sofern es stimmt, die Geschichte der beiden in mehr Graustufen zeichnet, sie lebensnäher macht. So schnell und so früh als unfehlbar verklärt, kann die Erinnerung an Tugce Albayrak, an die Frau hinter dem Mythos, jetzt eigentlich nur noch verlieren, wenn ihr Tod vom nächsten Freitag an aufgearbeitet wird.

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