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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Deutschland wird älter Mehr vom Leben erleben

 ·  Der Fortschritt führt dazu, dass der Tod immer weiter zurückgedrängt wird. Die Menschen müssen aus der gewonnenen Zeit nur noch etwas machen. Und sie müssen länger arbeiten, um sich das lange Leben auch leisten zu können.

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© F.A.S. Mit Macht drängt die Menschheit den Tod zurück. Aber eine Veränderung unseres Verhaltens ist schon nötig

Peter Bartel steigt immer noch aufs Dach. Dabei ist der Dachdecker schon 70 Jahre alt. Seit 43 Jahren macht er das nun schon. Damals, mit 27 Jahren, hat er den Dachdeckerbetrieb im Norden von Berlin vom Schwiegervater übernommen.

So einen wie ihn, der in dem Alter noch auf Dächer klettert, dürfte es in Deutschland eigentlich gar nicht geben seit Kurt Becks berühmtem Diktum: „Ich kann einen Dachdecker mit 67 nicht mehr auf dem Dach arbeiten lassen.“ Aber Peter Bartel tut es, mit 70. „Warum sollte ich denn nicht mehr aufs Dach steigen“, fragt der Mann. „Ich werde so lange noch hochgehen und meinen Betrieb führen, wie ich kann.“

„Unsere Lebenserwartung wird immer noch weit unterschätzt“

Peter Bartel ist die Zukunft. So wie er könnten immer mehr Menschen im alternden Deutschland werden. Fit und vor allem produktiv bis weit über die 70 hinaus. Von Vergreisung keine Spur. Man darf sich Deutschland im Jahr 2050, wenn es doppelt so viele alte wie junge Menschen geben wird und ein Drittel der Bevölkerung älter als 65 ist, getrost als ein Land voller rüstiger Siebzigjähriger vorstellen.

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Jeder Farbpunkt steht für die Veränderung der Sterberate verglichen mit der Sterberate von vor zehn Jahren. Geht es ins schwarze oder sogar weiße, hat sich die Rate erhöht, die Menschen sind also früher gestorben. Bei den Punkten in den Farben rot, grün, gelb und blau hat sich die Lebenserwartung erhöht. Im Regelfall sind die Menschen älter geworden. © F.A.Z. Jeder Farbpunkt steht für die Veränderung der Sterberate verglichen mit der Sterberate von vor zehn Jahren. Geht es ins schwarze oder sogar weiße, hat sich die Rate erhöht, die Menschen sind also früher gestorben. Bei den Punkten in den Farben rot, grün, gelb und blau hat sich die Lebenserwartung erhöht. Im Regelfall sind die Menschen älter geworden.

Mit Macht drängt die Menschheit den Tod zurück. Wer wissen will, was das heißt, sollte sich mit Jutta Gampe unterhalten. Sie ist Statistikerin und forscht am Rostocker Max-Planck-Institut für Demographie. Dass wir alle immer älter werden, ist zwar seit Jahren bekannt. „Doch unsere Lebenserwartung wird immer noch weit unterschätzt“, sagt Frau Gampe. Einem neugeborenen Mädchen werden heute nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes 83 Lebensjahre prognostiziert. Gampe vermutet, dass die Kleine mit hoher Wahrscheinlichkeit einhundert Jahre oder sogar älter werden wird.

Wie erklärt sich der Unterschied zwischen Statistischem Bundesamt und Max-Planck-Statistik? Ganz einfach: Die Vorhersagen des Amtes tun so, als würde es den medizinischen und technologischen Fortschritt, der das Leben verlängert, in Zukunft nicht mehr geben. „Das wirft ein völlig falsches Licht auf die Dynamik“, sagt Gampe.

Die Menschen sind mit 60 heute noch lange nicht alt

Noch lieber als mit der Lebenserwartung rechnen die Rostocker Statistiker mit der Sterberate. Das ist das Risiko, zu einem bestimmten Alter das Zeitliche zu segnen. Und dieses Risiko nimmt weltweit seit mehr als 100 Jahren unaufhörlich ab. Man muss sich das so vorstellen, als würde sich das Leben mit jedem Jahr ein kleines Stückchen verlängern, weil sich die Lebensbedingungen durch den medizinischen Fortschritt und eine im Allgemeinen gesündere Lebensweise permanent verbessern. Das geht natürlich nicht ewig so, weil wir nicht ewig leben können. Jenseits der 80 schießt das Sterberisiko schließlich dann doch in die Höhe. Aber eben erst dann. Wahrscheinlich beginnt dieser Prozess einer drastisch ansteigenden Sterbewahrscheinlichkeit in ein paar Dekaden erst mit 85 Jahren. „Wir drängen den Tod immer weiter zurück“, sagt Frau Gampe.

Wie der Fortschritt das Leben erleichtert, kann man an Dachdecker Bartel studieren. Mit der Plackerei von vor 40 Jahren hat das alles nichts mehr gemein. Die Arbeit ist deutlich leichter als früher, körperschonender. Die Maschinen bringen das Material nach oben. 1960 hätte ein Sechzigjähriger womöglich wirklich nicht mehr mitarbeiten können, weil seine Knie und der Rücken derart verschlissen waren von dem Gewicht der Ziegel, der Dachpappe und Balken, die er tagein, tagaus hinaufwuchten musste. Heute hat sich ein Handwerker gleichen Alters weniger verbraucht, weil ihm mit jedem Jahr bessere Hilfsmittel zur Verfügung standen. Und genau deswegen kann er heute im Allgemeinen auch noch mit anfassen. „Die Arbeit hält mich übrigens auch fit“, sagt Bartel. Sie verlängert sozusagen seine Lebenszeit.

„Der Sinkflug der Mortalität ist eine der großen zivilisatorischen Errungenschaften der jüngeren Menschheitsgeschichte“, sagt Jutta Gampe, ein für Statistiker ungewöhnliches Pathos. Der frühe Tod wird immer unwahrscheinlicher. Wie gewaltig die Veränderungen sind, kann man an einem Datensatz für französische Frauen erkennen, der bis 1816 zurückreicht. „Das Sterberisiko einer heute Siebzigjährigen ist so groß wie das einer Vierzigjährigen zu Beginn des 20. Jahrhunderts“, sagt Gampe. „Der Alterungsprozess hat sich innerhalb eines Jahrhunderts um fast 30 Jahre aufgeschoben. Das ist eine wahre Mortalitätsrevolution.“ Das eigentlich Revolutionäre daran ist, dass das richtige Altern sehr viel später einsetzt. Die Menschen verjüngen sich sozusagen permanent. Seit den siebziger Jahren holt sich die Menschheit ihre zusätzlichen Lebensjahre vor allem in der Alterszone jenseits der 60. Die Menschen sind mit 60 heute eben noch lange nicht alt. Und irgendwann werden sie es wahrscheinlich mit 75 auch noch nicht sein.

Eine Art ökonomisches Naturgesetz

Das alles ist ein Gewinn für die Menschen. Wer von „Vergreisung“ redet, hat nichts verstanden. Aber eine Veränderung unseres Verhaltens ist schon nötig. So sieht es der Münchener Max-Planck-Forscher Axel Börsch-Supan, Leiter des „Centers for the Economics of Aging“: Die Deutschen müssten eben nur anders vorsorgen, mehr lernen und mehr arbeiten, um den Lebensstandard in den hinzugewonnenen Jahren zu halten. Schließlich sind der Kapitalstock (das Sparen), die Produktivität (das Lernen) und die Erwerbstätigkeit (die Arbeit) die Schlüsselgrößen des Bruttoinlandsproduktes.

Was heute jeder weiß, aber nicht jeder wahrhaben will: Den Tod immer weiter zurückdrängen und nicht länger arbeiten – das kann nicht funktionieren. „Es gibt eine einfache Faustregel“, sagt Börsch-Supan: „Man muss doppelt so viele Jahre arbeiten, wie man Rente bezieht, um seine Rente überhaupt zu finanzieren.“ Das ist in unseren Systemen eine Art ökonomisches Naturgesetz.

Fragt man die Menschen hierzulande, wann das Alter beginnt, dann sagen sie: ab 80. Nach einer Demographie-Studie der Europäischen Kommission ist das Alt-Sein für neunzig Prozent der Befragten nichts mehr, was sie selbst betrifft. Alt sind immer die anderen, die noch älter sind. Die Mehrzahl schätzt ihre Lebensmitte bei etwa 60 Jahre. Da überschätzen sie sich heute zwar ein bisschen. Doch wer jetzt 65 ist, ist so fit wie ein 55-Jähriger vor 30 Jahren. In 30 Jahren wird das noch besser aussehen.

Menschen extrapolieren meistens den Status quo

Wissenschaftler Börsch-Supan hat die Zukunft in drei Szenarien für die Entwicklung des Lebensstandards bis zum Jahr 2050 simuliert. Belassen wir alles auf dem Status quo, machen wir also den gleichen Denkfehler wie die Statistiker, dann wird der Lebensstandard in Deutschland unweigerlich sinken. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute dagegen: Passen sich Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen an, gelingt es also, die Erwerbsbeteiligung zu erhöhen, ältere Arbeitnehmer fit zu halten und die Sozialversicherungen auf einen höheren Anteil an Kapitaldeckung umzustellen, dann könnten sich die Lebensverhältnisse der Deutschen bis 2050 sogar noch verbessern. Die anderen Szenarien liegen dazwischen. Schlechtergehen wird es uns aber auch dann, wenn der Arbeitsmarkt zwar reformiert wird, die Menschen diesen Reformen allerdings auszuweichen versuchen. Wenn also die Einführung der Rente mit 67 nicht auch wirklich zu einer durchschnittlichen Erhöhung des Rentenalters um genau zwei Jahre führt.

Aber wie gesund sind die Menschen im Alter wirklich? Und vor allem, wie produktiv? Macht sich Börsch-Supan nicht selbst etwas vor? Und wird Dachdecker Bartel nicht eine Ausnahme bleiben? Tatsächlich steht der endgültige wissenschaftliche Beweis noch aus, dass die verlängerte Lebenszeit nicht ein mit allen technischen Mitteln künstlich hinausgezögerter Tod ist. Die Statistikerin Gampe argumentiert: „Wie kann sich der Alterungsprozess binnen eines Jahrhunderts um 30 Jahre aufschieben, wenn die Menschen nicht auch im Alter gesünder sind?“ Logisch, aber schwer zu akzeptieren. Denn Menschen haben, wenn sie ans Alter denken, immer ihre Großeltern vor Augen, wieder der gleiche Denkfehler wie die Statistiker. Menschen extrapolieren nun einmal meistens den Status quo.

Peter Bartel argumentiert mit seiner Erfahrung: Er kenne Leute, die früher als er mit der Arbeit aufgehört hätten. Sie seien mit Anfang oder Mitte 60 in Rente gegangen, auch wenn sie noch hätten hinaufklettern und arbeiten können. „Im Ruhestand haben sie innerhalb von ein paar Jahren richtig abgebaut.“ Arbeiten kann man lange. Körperlich und geistig. Es gibt eine Studie über die Lastwagenmontage bei Daimler, die zeigt, dass die Arbeitsproduktivität im Alter sogar noch steigen kann, weil der Zuwachs an Erfahrung die negativen Folgen des Alterungsprozesses wie etwa den Verlust an physischer Kraft oder Schnelligkeit mehr als ausgleicht. Es sieht also gar nicht so schlecht aus für die Menschen und auch nicht für Deutschland. Arbeiten mit 70? Für Bartel ist das kein Thema. Um 5 Uhr aufstehen und um 7 Uhr mit seinen Leuten raus auf die Baustelle und hoch aufs Dach – da geht es ihm richtig gut.

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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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