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Sexismus-Debatte auf Twitter Es ist zum Schreien

Auf Twitter explodiert gerade eine Sexismus-Debatte, die den „Stern“-Artikel zu Rainer Brüderle zwar zum Anlass hat, aber weit darüber hinausgeht. Die Debatte ist großartig.

Bestimmt ist der „Stern“, welcher in seiner letzten Ausgabe dem Sexismus den Krieg erklärte, genauso eine sexistische Wildsau wie Rainer Brüderle mit ein paar Umdrehungen an einer Hotelbar. Aber das ist nur einer von vielen Schauplätzen, wenn es um die Diskussion #Aufschrei geht, welche sich seit vergangenem Donnerstag auf Twitter entwickelte, hervorgerufen durch Brüderle und seine Entgleisungen der „Stern“-Journalistin gegenüber, die Gegenstand ebendieses Artikels waren.

Antonia Baum Folgen:  

Der Schauplatz könnte weiter nicht sein: Es geht darum, wie Männer sich gegenüber Frauen verhalten dürfen, darum, wie Frauen sich gegenüber Männern verhalten dürfen, und auch darum, wie Frauen zu Frauen sind. All das wird verhandelt, sehr viele Frauen schreiben, mit welchen Sexismen sie im Alltag umzugehen haben.

Vor allem aber benennen sie, wo Sexismus für sie anfängt. Und sie tun das im Internet, nicht wenige bleiben dabei anonym, was uns unglaublich viel über das Wesen unseres Sexismus sagt, und auch das ist Thema der Aufschrei-Debatte: Frauen sagen, sie seien froh, mit ihrem Unbehagen nicht alleine zu sein, denn im echten Leben würden sie sexistische Bemerkungen oder Handlungen nicht zurückweisen.

Der Rat des wirklich klugen Freundes

Weil sie sich nicht trauen, weil der Sexist ihr Chef ist oder weil man als humorlos und verklemmt gilt, wenn man sich aufregt. Wenn Frauen sich aufregen gelten sie schnell als hysterisch, was schon wieder ein Sexismus, ein sexistisches Klischee ist, welches in dem sexistischen Eintopf herumschwimmt.

Außerdem immer mit dabei ist die Unterstellung, dass die Frau, welche sich aufregt, selber Schuld hat. Weil sie es doch eigentlich auch wollte, weil sie sich anzieht, wie sie sich anzieht, nämlich reizend; zieht sie sich aber nicht so an, dann ist sie irgendwie „underfucked“, und man muss sie eben mal daran erinnern, was sie wirklich will.

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In meiner Uni gab es einen Dozenten, der einen fast aufgegessen hat, wenn man zu ihm in die Sprechstunde kam. Kommilitoninnen von mir gingen entweder in Begleitung zu ihm, weil sie es eklig fanden, oder sie sagten, dass sie den „alten Sack“ eben für ihre Zwecke dienstbar machten, er sei nicht zu ändern und man habe eben mit ihm umzugehen.

Wo man geht und steht

Als ich das einem Freund erzählte, sagte er, der wirklich klug und nett ist: „Ja, was hast du denn an, wenn du bei dem bist?“ Eben weil dieser Freund klug und nett ist, begann ich wirklich zu zweifeln. Will ich, wenn ich mich schick mache, irgendetwas anderes, als anderen zu gefallen? Bin ich ein Sexist, wenn ich mich schick mache? Was will man, wenn man sich schick macht, außer gefallen? Warum will man gefallen? Ist es nicht das allertiefste Menschenbedürfnis zu gefallen, das von Männern wie das von Frauen, nur eben mittels anderer Strategien? Muss die Strategie gewechselt werden? Bin ich denn nicht aber ein noch viel größerer Sexist, wenn ich mich nicht mehr schick mache? Wie weit geht meine Sexismus-Verantwortung, wo fängt die des anderen an? Will ich, dass das Geschlecht keine Rolle mehr spielt? Geht das überhaupt? Ab wann ist etwas sexistisch? Ist meine Großmutter nicht vielleicht die allergrößte Sexistin, weil sie mir sagte, ich solle mich nicht im Spiegel angucken, weil das nur Mädchen machten, die auf die Welt gekommen sind, um anderen zu gefallen?

Das Sexismus-Feld ist vermint, man könnte auch sagen, das Männer-Frauen-Feld ist, wo man geht und steht, explosionsgefährdet. Bei der Twitter-Debatte explodiert gerade dauernd irgendwas, und das ist nur großartig.

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 27.01.2013, 12:37 Uhr

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