http://www.faz.net/-gqz-7yxnz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 24.01.2015, 16:41 Uhr

Aufstand der Youtuber Sie sind so frei und werden jetzt allein reich

Mit Filmen und Videos auf Youtube kann man gutes Geld verdienen, wenn man es nur richtig anstellt. Dass das nicht so einfach ist, zeigt nun ein Streit zwischen einigen Stars der Szene und ihrer Vermarktungsfirma Mediakraft.

von David Blum und Benjamin Denke
© dpa Da schien die Welt noch bewegt und in Farbe: Simon „Unge“ Wiefels (links) mit Kollegen auf Longboard-Tour. Weggefahren ist er inzwischen der Firma Mediakraft.

Die meisten von ihnen hätten niemals gedacht, dass sie ihr Hobby zum Beruf machen könnten. Oder dass sie wie LeFloid am Kölner Bahnhof von kreischenden Fans empfangen und in den Medien als Superstars bezeichnet würden. Nicht wenige dieser plötzlich Ruhmreichen geben sich in Interviews überrascht, dass alle etwas von ihnen wollen und – sie plötzlich ihre Privatsphäre schützen müssen. Die Rede ist nicht von Fußballprofis, auch nicht von Popsängern, sondern von Youtube-Stars. Sie produzieren allein oder in einer Gruppe Videos, die sie auf ihre Youtube-Kanäle hochladen. Eine Handvoll von Protagonisten hat es geschafft, so ein Millionenpublikum zu erreichen – wie LeFloid. Einige der namhaftesten deutschen Youtuber waren bis vor kurzem bei der Firma Mediakraft unter Vertrag. Die hat nun schmerzhafte Abgänge zu verzeichnen: Es hat gewaltig gekracht.

Mediakraft zählt zu den größten Internet-Vermarktungsunternehmen. Diese nehmen erfolgversprechende Youtuber unter Vertrag, unterstützen sie mit Logistik und teilen den durch Werbeumsätze entstehenden Gewinn. Das allerdings auf eine Weise, die einigen Youtubern nicht gefällt. Besagtem LeFloid zum Beispiel, der mit bürgerlichem Namen Florian Mundt heißt. Sein Markenzeichen: Er lädt Videos mit aktuellen und skurrilen Nachrichten oder Kommentaren hoch. Der ebenfalls recht erfolgreiche Simon „Unge“ Wiefels wiederum produziert für seine Youtube-Kanäle „Ungefilmt“ und „Ungespielt“ Videos zu den Themen Lifestyle und Gaming.

Diese beiden, genauso wie die Comedy-Truppe „ApeCrime“, haben sich nun von ihrem Partner Mediakraft getrennt. Vor allem Simon Wiefels sorgte bei seinem Abgang für Aufsehen. Er wirft dem Unternehmen Knebelverträge und mangelnde Unterstützung vor. Außerdem seien fünfstellige Beiträge unterschlagen worden. Der Anteil am Verdienst, den ein bei Mediakraft unter Vertrag stehender Youtuber leisten müsse, sei viel zu hoch. Bei den Youtubern kommen nach den Abzügen von Google und Mediakraft angeblich nur 27,5 Prozent der Werbeeinnahmen an. Von den 2500 Mediakraft-Vertragspartnern könnten nur 25 von ihren Einnahmen leben. Der Konflikt zwischen Wiefels und Mediakraft wird nun vor Gericht ausgetragen. Wiefels hat seine Youtube-Kanäle vorläufig eingestellt.

Die Kraft liegt darin Künstler aufzubauen

Nicht nur Wiefels macht Mediakraft Vorwürfe. Auch Florian Mundt alias LeFloid beschwerte sich über die angeblich mangelnde Unterstützung durch Mediakraft. Er vermisse es, als gleichgestellter Partner angesehen zu werden, sagte er, stattdessen werde er für die Akquise von Werbung instrumentalisiert.

Christoph Krachten, der Vorstandsvorsitzende von Mediakraft, wollte sich auf Anfrage zu den Vorwürfen im Einzelnen nicht äußern. Aufgrund des laufenden Verfahrens, sagte Krachten dieser Zeitung, könne er sich zu der Causa Wiefels nicht äußern. Zu den Youtubern, die sich von seiner Firma getrennt haben, sagte er: „Natürlich wünsche ich mir, dass solche prominenten Abgänge nicht vorkommen, aber das war nicht unerwartet. Die Branche befindet sich in einem Prozess der Konsolidierung, sowohl die Netzwerke als auch die Youtuber.“ Zu dem Vorwurf, man kümmere sich zu wenig um die Youtuber und gebe ihnen zu wenig von den Umsätzen ab, sagte er, es sei der Anspruch bei Mediakraft, „unseren Partnern die bestmögliche Betreuung anzubieten. Wir hören aber auch gut zu und haben die vergangenen Ereignisse zum Anlass genommen, unsere Prozesse kritisch zu hinterfragen.“

Doch wie schädlich ist der Abgang einiger Youtube-Stars? „In der Musikindustrie“, sagt Krachten, sei „das gang und gäbe“, und so gehöre „eine gewisse Fluktuation unter den Künstlern zum Alltag auch in unserer jungen Branche. Die einen gehen, die anderen kommen. Die Kraft eines Netzwerks zeigt sich an der Fähigkeit, Künstler aufzubauen.“ Und das habe Mediakraft „besser bewiesen als jeder andere im Markt. Unsere Kanäle erzielen pro Monat 480 Millionen Views. Das ist ein Spitzenwert für Netzwerke in Europa.“

„Ein Freundeskreis. Ein Verein.“

An den Zahlen kann man erkennen, dass es bei Youtube längst um ganz großes Geld geht, für die Google-Tochter sowieso, für Firmen wie Mediakraft und für einige – ganz wenige – Youtuber. Wie viel diese verdienen, darüber gibt es nur Schätzungen. So will die Monitoring-Website „Statsheep“ errechnet haben, dass der deutsche Branchenprimus Erik „Gronkh“ Range aufgrund seiner enormen Reichweite 73.750 Euro netto pro Monat verdiene. „Gronkh“ lädt sogenannte „Let’s-Plays“ hoch – Videos, auf denen der Zuschauer den Youtuber dabei verfolgen kann, wie er Spiele ausprobiert und bewertet.

Mehr zum Thema

Geld oder Spielfreude, Vermarktung oder Vernetzung, das ist für Youtuber, die ihr Hobby zum Job gemacht haben, von Beginn an die Frage. Netzwerke sind entstanden, die – ebenso wie landläufig arbeitende Firmen – für bessere Verbreitung, Professionalisierung und Vermarktung sorgen sollen. Zu diesem Modell kehrt LeFloid nun zurück. Er hat sich mit anderen Youtubern zu der Organisation „301+“ zusammengeschlossen. Die Gründer bezeichnen „301+“ jedoch bewusst nicht als Netzwerk. Es gehe vielmehr um eine gemeinsame Basis, um Ideen zu produzieren, gemeinsame Projekte auf die Beine zu stellen und um den Spaß an der Sache – am Produzieren eigener Videos und Video-Blogs. Erstes Ergebnis: ein Bild, auf dem alle Mitglieder in lockerer Stimmung beisammensitzen. Die Überschrift lautet: „Ein Freundeskreis. Ein Verein.“

Bei diesem Verein trifft LeFloid auf Marie Meimberg, die nicht nur selbst Youtuberin ist, sondern bei Mediakraft war und dort andere Youtuber betreute. Der Firma erwächst unter Umständen also neue Konkurrenz. Nur Spaß, Freizeit und die große Freiheit? Man wird sehen. Simon „Unge“ Wiefels betitelt seine Kampagne gegen Mediakraft jedenfalls mit „#Freiheit“.

Glosse

Eine absolute Ausnahmeliste

Von Helmut Mayer

Erst befördert ein Spiegel-Redakteur das umstrittene Buch auf die Bestsellerlisten, nun befördert es das Magazin wieder heraus. Über einen kontraproduktiven Eiertanz. Mehr 19 128

Zur Homepage