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Kippenberger-Retrospektive in Berlin Der Mann mit dem Melancholiemodul

In Berlin erinnert eine große Retrospektive an den Künstler Martin Kippenberger. Lange galt er als Außenseiter, mittlerweile will jeder von seinem anarchischen Glanz etwas abbekommen. Wie steht es heute um sein Werk?

Das erste Bild in dieser Ausstellung zeigt einen Mann, der zerzaust, wie nach einer durchtrunkenen, schlaflosen, verzweifelten, vielleicht auch herrlichen Nacht, auf der Straße steht, er hat etwas von der ramponierten Schönheit eines Jean-Paul Belmondo, um seinen Hals hängt ein Schild, auf dem „Bitte nicht nach Hause schicken“ zu lesen ist. Es ist ein Selbstporträt von Martin Kippenberger, ein Gemälde von 1983. Im selben Jahr malte Markus Lüpertz ein düsteres Großformat mit dem Titel „Drei Grazien“, Jörg Immendorff ein noch düstereres Bild mit dem Titel „Kaltmut“, in dem Eisschollen durch eine dunkle Rätselwelt holpern, Anselm Kiefer begann ein kratzig-superdüsteres Riesenformat mit dem Titel „Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland“, wo der antisemitische Dichter das „Lied der Deutschen“ schrieb. So sah die etablierte Malerei des Jahres 1983 aus; Kippenberger, geboren 1953, Sohn eines Dortmunder Zechendirektors, war anders.

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1978 war er nach Berlin gezogen, wo er unter anderem als Geschäftsführer der Konzerthalle SO 36 bekannt wurde, er hatte einen Roman mit dem Titel „Durch Pubertät zum Erfolg“ begonnen und in Brasilien eine Tankstelle gekauft, die er „Tankstelle Martin Bormann“ taufte: Das war seine Art politischer Aktionskunst in einer Zeit, in der die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit immer noch mühsam voranging und von Restitution noch keine Rede war. Als die einstmals experimentellen, politisch aktiven Künstler in Deutschland sich gerade in dunkle, langweilige, bierernste Mythenmaler verwandelten, begann er, als Maler aufzutreten, und zerlegte die neue Ernsthaftigkeit. Wo Anselm Kiefers Malerei immer mehr an einen historiometaphorisch aufgeladenen Strohschlammsalat erinnerte, baute Kippenberger kleine Sprengsätze, die das neue Pathos freundlich verpuffen ließen.

Kippenberger hatte etwas, was den neuen Ernsten der deutschen Malerei eher fehlte: lakonischen Humor und einen Witz, der, im Gegensatz zum angestrengt aus den Farbtuben herausgepressten Unheilsatmosphärendonner, Ernst und Tiefe hatte. Eines von Kippenbergers berühmtesten Bildern zeigt eine winterliche Straßenszene. Es hat geschneit, jemand hat „kein Capri“ auf einen Wagen geschrieben, was stimmt: Das Auto ist kein Ford Capri, sondern ein baufälliger Ford 20M, der es bei diesem Wetter nicht über den Brenner schaffen würde, die Insel Capri ist weit, kein Paradies in Sicht. Kein Capri: Es gibt eine Aura des Schiefgegangenen in Kippenbergers Kunst, und es ist Teil seiner Kunst, diesem Scheitern eine unnachahmlich gute Laune abzupressen. Wo Depression um sich zu greifen droht, rettet Klamauk, wo Klaumaukverflachung droht, tun sich die Falltüren einer aparten Traurigkeit auf. „Don’t force me to kill you“, heißt eine Zeichnung, man sieht einen Mafiaboss neben einem Riesenfisch sitzen und weiß nicht, wer hier zu wem spricht.

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Kippenberger war, trotz seiner energischen Liebe zum Kalauer, kein Klamaukeur, eher ein warmherzig verzweifelnder Melancholiker, der sich vorsichtshalber, sooft es ging, in eine rasende Gutgelauntheit floh. Es gibt ein Bild, das ihn in Italien zeigt, darunter steht: „Rotwein Como. Birra Italia, Grappa Sud. Der arme Jung“: lakonische Ratlosigkeit angesichts der Projektionen und Zumutungen des guten Lebens, von dem im Caprifischerdeutschland immer geträumt wurde.

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