“Das Feuerzeug“, Andersens weltliterarisches Märchendebüt, legte im Jahr 1835 die Lunte an alles biedermeierliche Märchenerzählen, mit Spielwitz, satirischer Schärfe und in übermütiger Selbstparodie des Genres.
Von der jetzt in einem Archiv in Odense entdeckten und gestern im dänischen Original in der Zeitung „Politiken“ publizierten Geschichte von Feuerzeug und Talglicht wird man das schwerlich sagen können. In einer ebenso schlichten wie sentimentalen Allegorie führt sie ein moralisches Exempel vor (und lässt damit Andersens spätere Behauptung, sein Erzählen habe sich aus dem Volksmärchen entwickelt, als romantische Selbstfiktion erscheinen). Und doch ist dieser Versuch, den der Siebzehn- oder Achtzehnjährige 1822/23 einer Nachbarsfrau in Odense zum Geschenk machte, eine kleine Sensation: Es handelt sich um die mit Abstand früheste erhaltene Geschichte Andersens, gewissermaßen sein eigentliches Erzähldebüt.
Grundmotive vollzählig
Es zeigt, dass die berühmten „Dingmärchen“ schon zu seinen frühesten Erzählkonzepten gehören. Vor allem aber gibt sein simples Lebenslaufmuster Einblicke in die innere, die seelische Biographie. Es bestärkt Vermutungen seiner Biographen, die eine Traumatisierung durch die Begegnung mit einer Halbweltsexualität nicht erst in seinen frühen Jahren im Kopenhagener Rotlichtmilieu annehmen, sondern schon im Armenviertel zu Hause, in der Kindheit.
Die eigentümliche Verschränkung von innerer „Verschmutzung“ und äußerer Stigmatisierung - sie bildet den Kern, den Docht des Talglichts. Und die Befreiung von der Doppelqual aus Schmerz und Scham kann Andersen sich schon hier nur als eine Selbstverbrennung denken (oder als eine Partnerschaft, die so verzehrend ist wie die von Kerze und Feuerzeug). Sie soll aller Welt die wahre innere Reinheit des Helden leuchtend sichtbar machen. Dabei spukt durch diese letzten Zeilen schon die später obsessive Vorstellung, Selbstwerdung und Freiheit erst im verklärten Sterben zu finden.
Noch liegen diese Themen seiner reifen Dichtung in weiter Ferne. Und doch, die Grundmotive sind schon erstaunlich vollzählig versammelt. Und so ängstlich die Moral der Geschichte, so sicher wirkt ihre Erzählung. Es ist noch ein kleines Licht, das „Talglicht“, aber in ihm leuchtet schon der Vorschein des Kommenden.
Heinrich Detering
Für Madame Bunkeflod von ihrem ergebenen H. C. Andersen
Es brodelte und brauste, als das Feuer unter dem Kessel züngelte, es war die Wiege des Talglichts - und aus dieser warmen Wiege glitt eine formvollendete Kerze, ganz wie aus einem Guss; schimmernd weiß und schlank war sie geformt, so dass alle, die sie sahen, glaubten, sie sei das Versprechen einer hellen und strahlenden Zukunft - und die Versprechen, die alle sahen, wollte sie auch wirklich halten und erfüllen.
Das Schaf - ein niedliches kleines Schaf - war die Mutter der Kerze, und der Schmelztiegel ihr Vater. Geerbt hatte sie von der Mutter ihren blendend weißen Körper und eine Ahnung vom Leben, von ihrem Vater die Lust am flammenden Feuer, das ihr einmal durch Mark und Bein gehen - und ihr im Leben „leuchten“ sollte.
Ja, so war sie geschaffen und geraten, als sie sich mit den besten und lichtesten Hoffnungen hinaus ins Leben warf. Dort traf sie ganz erstaunlich viele Mitgeschöpfe, mit denen sie sich einließ, weil sie das Leben kennenlernen - und vielleicht den Platz finden wollte, an den sie am besten passte. Aber sie glaubte zu sehr an das Gute in der Welt, doch die hatte nur sich und nicht das Talglicht im Sinn. Sie verstand nicht, wozu eine Kerze nütze sein sollte, und daher versuchte die Welt, sie zu ihrem Vorteil auszunutzen, und fasste die Kerze falsch an - die schwarzen Finger hinterließen immer größere und größere Flecken auf der reinen Unschuldsfarbe. Nach und nach verschwand sie völlig und wurde zur Gänze überdeckt vom Schmutz der sie umgebenden Welt, mit dem sie allzu sehr in Berührung gekommen war. Viel näher, als die Kerze es ertragen konnte, da sie Recht von Unrecht nicht zu unterscheiden wusste - doch noch war sie in ihrem Innersten unschuldig und unverdorben.
Da sahen die falschen Freunde, dass sie deren Inneres nicht erreichen konnten - und warfen die Kerze wie ein unnützes Ding wütend weg.
Doch die äußere Hülle hielt alle Guten fern, sie hatten Angst, sich an der schwarzen Farbe zu beschmutzen und Flecken zu bekommen - und sie blieben auch fern.
Nun war das arme Talglicht so einsam und verlassen, dass es weder ein noch aus wusste. Die Kerze sah sich verstoßen von den Guten und entdeckte, dass sie nur als Werkzeug gedient hatte, um das Schlechte zu fördern. Sie fühlte sich so unendlich unglücklich, weil sie ihr Leben so nutzlos verbracht hatte, ja, vielleicht hatte sie sogar das Bessere in ihrer Lebenswelt befleckt. Sie verstand nicht, warum und wozu sie eigentlich geschaffen war, warum sie auf der Erde leben - und vielleicht sich und andere vernichten sollte.
Mehr und mehr, tiefer und tiefer grübelte sie, und je mehr sie nachdachte, desto größer wurde ihr Missmut, da sie überhaupt nichts Gutes finden konnte, keinen wirklichen Sinn für sich selbst - auch konnte sie das Ziel nicht sehen, das sie bei ihrer Geburt bekommen hatte. Als hätte die schwarze Hülle auch ihre Augen verdunkelt.
Doch dann begegnete ihr eine kleine Flamme, ein Feuerzeug. Das kannte die Kerze besser, als das Talglicht sich selbst kannte. Denn das Feuerzeug sah so klar - durch die äußere Hülle hindurch -, und es fand darinnen so viel Gutes. Daher näherte es sich der Kerze, und helle Erwartungen wurden in ihr geweckt - sie wurde angezündet, und ihr Herz schmolz.
Die Flamme strahlte - wie die Freudenfackel der Vermählung. Rundum wurde alles hell und klar, und sie erleuchtete den Weg für die, die sie umgaben, ihre wahren Freunde, die nun die Wahrheit im Schein der Kerze suchten.
Doch auch der Körper war kräftig genug, um das flammende Feuer zu nähren und zu tragen. Wie die Sprossen eines neuen Lebens rollten Tropfen um Tropfen herab, ließen die Kerze dicker werden und bedeckten mit ihren Leibern - den Schmutz der Vergangenheit.
Sie waren nicht nur ihr körperlicher, sondern auch ihr geistiger Ertrag der Vermählung.
Und das Talglicht hatte seinen rechten Platz im Leben gefunden - und gezeigt, dass es eine richtige Kerze war, die lange zur Freude ihrer selbst und ihrer Mitgeschöpfe leuchtete.