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Tropenmedizin : Der Keim des Elends

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Die Apothekerin Carina Vetye-Maler berät die Menschen in Villa Zagala, einem Armutsviertel von Buenos Aires. Bild: © AoG/paulhahn.de

Chagas ist eine Tropenkrankheit, die viel zu selten erkannt und behandelt wird. Ein Bericht.

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          In dem dunklen Wartezimmer mit Blick auf die Straße sitzt ein knappes Dutzend Patienten, fast alle übergewichtig. An diesem Morgen wollen sie zu Carina Vetye-Maler. Auf dem kurzärmeligen weißen Kittel der 51-jährigen Deutsch-Argentinierin prangt das grüne Logo von „Apotheker ohne Grenzen“. Durch ein vergittertes Fenster reicht sie einer zahnlosen, älteren Frau ein kleine Tube Cortison-Salbe: „Das ist keine normale Pflegecreme. Die dürfen Sie nur ausnahmsweise und für kurze Zeit verwenden“, erklärt Vetye-Maler in weichem Spanisch. Die Apothekerin unterstützt mit ihrer Organisation seit 2008 das lokale Gesundheitszentrum in Villa Zagala, einem der Elendsviertel von Buenos Aires. Von staatlicher Seite gebe es viel zu wenige Mittel, „zwei Drittel der Medikamente müssen wir stellen. Deshalb sind wir hier.“

          Die Menschen, die in den letzten Jahren unkontrolliert nach Villa Zagala gezogen sind, haben nicht nur ihre Armut, sondern auch ihre Krankheiten mitgebracht. Eine davon ist die Chagas-Erkrankung, benannt nach dem brasilianischen Arzt Carlos Chagas, der sie 1909 erstmals beschrieb. An ihr sterben heute noch jährlich weltweit mehr als 10.000 Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Chagas zu den vernachlässigten Tropenkrankheiten. Carina Vetye-Maler mag diese Bezeichnung nicht, sie spricht stattdessen von „vernachlässigten Menschen“. „Seit 2011 haben wir im Viertel mehr als zweitausend Blutproben gesammelt und ausgewertet“, erzählt sie. „Damit wir den Menschen eine Therapie anbieten können, mussten wir erst einmal herausfinden, wer infiziert ist.“ Und das sind überraschend viele. Etwa jeder fünfzehnte trägt hier den Parasiten Trypanosoma cruzi in sich, den Chagas-Erreger.

          Der Hauptgrund für Herzversagen in Lateinamerika

          Die meisten merken nichts von ihrer Infektion, nicht mal die Schwellung an der Einstichstelle, denn die Parasiten verstecken sich schnell im Gewebe. Dort sind sie unangreifbar für das Immunsystem und können über Jahre ausharren. Ungefähr ein Drittel der Betroffenen wird irgendwann ernsthaft erkranken. Der Einzeller T. cruzi, der nah mit dem Erreger der afrikanischen Schlafkrankheit T. brucei verwandt ist, befällt insbesondere das Herzmuskelgewebe. Das Reizleitungssystem des Herzens, das dafür sorgt, dass das Herz regelmäßig schlägt, der Herzschlag der körperlichen Belastung angepasst wird und sich Vorhöfe und Herzkammern aufeinander abstimmen, leidet. Ebenso kann sich der Herzmuskel entzünden, die Herzkammern weiten sich. Eine starke Belastung kann dann zum plötzlichen Herztod führen, und der Infizierte bricht einfach zusammen.

          Chagas gilt als Hauptgrund für Herzversagen in Lateinamerika. Aber auch das Nervengewebe des Verdauungstraktes kann betroffen sein, bis hin zum Darmdurchbruch oder Verschluss; diese Form tritt vor allem in Brasilien auf. Die Erreger werden von „Vinchucas“ übertragen. Diese Raubwanzen kommen normalerweise in den ländlichen Regionen Lateinamerikas vor und halten sich in den Ritzen unverputzter Wände auf, sind aber auch in Hühnerställen und schmutziger Kleidung zu finden. Inzwischen, so erklärt Sergio Sosa-Estani, Leiter des Nationalen Instituts für Parasitologie in Buenos Aires, sei man dabei, diesen Übertragungsweg zu unterbrechen: Wenn Raubwanzen auftauchen, können die Bürger das melden. Im Idealfall rückt kurz darauf ein Team an, das die ganze Gegend mit Insektiziden besprüht. Das nennt sich Fumigación, wörtlich übersetzt „Ausräuchern“. Darüber hinaus helfen Nichtregierungsorganisationen wie Mundo Sano, auf dem Land Häuser zu verputzen und wasserdichte Dächer zu bauen sowie Latrinen und kleine Wasserspeicher aufzustellen.

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