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EU-Verbot : Handel sieht Ruf des Plastiks in Gefahr

Einweggeschirr aus Plastik ist in der EU bald verboten. Bild: Imago

Bis 2021 sollen etliche Produkte aus Einweg-Plastik aus dem Handel verschwinden. Verbände und Hersteller nennen das Symbolpolitik. Doch einige unter ihnen werden auch profitieren.

          Beim Plastik sind die europäischen Abgeordneten sich einig – es muss weg, zumindest aus etlichen Alltagsprodukten: Am Mittwoch hat das Europäische Parlament ein Verbot für Wegwerfprodukte aus Plastik verabschiedet. Bis 2021 sollen bestimmte Einweg-Plastikprodukte nicht mehr im Handel erhältlich sein. Das Verbot betrifft Produkte, für die es umweltfreundlichere Alternativen gibt. Das soll beispielsweise bei Besteck, Tellern, Wattestäbchen oder Strohhalmen der Fall sein. Die neuen Regeln sollen vor allem die Meere vor Vermüllung bewahren. Während viele Verbraucher jubeln, stöhnen vor allem Händler und Hersteller über das neue Verbot. Denn für den Handel bedeutet es, dass Einweg-Plastikprodukte zukünftig aus dem Sortiment verschwinden müssen. Hersteller von Einwegprodukten müssen nun auf alternative Herstellungsmethoden setzen.

          Stefanie Diemand

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Der Handelsverband Deutschland (HDE) ist mit der Entscheidung des Parlaments nicht zufrieden. Schon vor dem Verbot kritisierte die Spitzenorganisation des deutschen Einzelhandels das Verbot scharf. „Die zur Abstimmung stehende Richtlinie ist lediglich eine Auflistung von Einzelmaßnahmen“, sagte Kai Falk, der HDE-Geschäftsführer für Nachhaltigkeit. Dies Sauberkeit der Weltmeere könne dadurch nicht erreicht werden. Wichtiger wäre ein Gesamtkonzept für hochwertiges Recycling. Der Handelsverband und das Bundesumweltministerium vereinbarten Anfang 2019 ein gemeinsames Verpackungsgesetz, das Hersteller verpflichtet, für umweltunfreundliche Verpackungen höhere Entsorgungskosten zu tragen.

          Der größte Verband der kunstoffverarbeitenden Industrie sieht gar den Ruf des Kunststoffs in Gefahr. „Das Verbot ist eine reine Symbolpolitik und löst keine Umweltprobleme“, sagt Ralf Olsen vom Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV). In Deutschland sei der Umgang mit Verpackungen klar geregelt. Wenn dieser eingehalten werde, dann lande auch kein Gramm in der Umwelt. Die Weltmeere könne man mit diesem Verbot nicht retten. Aber stimmt das?

          „Die Diskussion ist nicht wissenschaftlich“

          Viele Branchenexperten bezweifeln den Nutzen des Plastikverbots. Während es den einen nicht weit genug geht, meinen andere, dass es kaum Auswirkungen auf die verschmutzen Meere haben wird. Fakt ist: Nicht Europa, sondern Asien ist für den Großteil des Mülls in den Meeren verantwortlich. Rund 80 Prozent davon stammt aus asiatischen Ländern – allen voran China und Indonesien. Etwa ein Prozent des Meeresmülls kommt aus Europa. Alle europäischen Staaten zusammen haben rund 20 Prozent Anteil an der Plastikherstellung in der Welt. Nikolas Bastian von der Unternehmensgruppe Pelz ist ein Verfechter des Plastiks. Das Unternehmen produziert Wattestäbchen.

          Da diese aus Plastik bestehen und nur einmal benutzt werden, stehen sie von 2021 an auf der Verbotsliste. Verstehen kann das Bastian nicht. Er leitet das Unternehmen in dritter Generation. Mit der Marke Q-tips ist es in Deutschland Marktführer. Die wenigsten seiner Produkte würden in den Meeren landen, sondern beim Recycling verbrannt – egal, ob sie aus Papier oder Plastik sind. „Die Diskussion ist nicht wissenschaftlich“, sagt Bastian. Denn die oft angepriesen Alternativen seien in der Regel umweltschädlicher als Kunststoffe.

          Bastian stützt sich auf Studien, die vor allem Produkte aus Papier und Pappe kritisieren. Oftmals wird die Plastiktüte herangezogen, die im Handel schon weitgehend durch Papier oder Stofftaschen ersetzt werden. Jedoch ergeben Studien, dass Papiertüten in der Herstellung fast doppelt so viel Energie benötigen wie Plastiktüten. Die Herstellung verbraucht mehr Wasser, mehr Rohstoffe und erzeugt mehr Kohlendioxid. Wer das neutralisieren will, muss seine Papiertüte dreimal so oft verwenden wie eine Plastiktüte.

          Einige Hersteller werden profitieren

          Für Bastian ist die Debatte zwar ein „Unding“, große finanzielle Einbußen für Pelz sieht er jedoch nicht. Das Unternehmen aus Schleswig-Holstein müsse zwar nun mit Papier produzieren. Mit seinen Produktionsautomaten sei dies jedoch möglich. Auch andere Hersteller müssen nun auf die Alternativen setzen – nicht für jeden ist das so leicht wie bei der Unternehmensgruppe Pelz.

          „Die Umstellung wird für viele teuer werden“, sagt Ralf Olsen vom GKV. Wenn der Hersteller keine Alternative hat, dann wird ihm das Geschäftsmodell geraubt. Ein Unternehmen, das dies verlauten lies, war der Schweizer Getränkehersteller Capri Sun. Laut Medienberichten sieht sich der Hersteller nicht in der Lage, seine Strohhalme in kurzer Zeit zu ersetzen. Vor der Entscheidung des europäischen Parlaments gab Capri Sun bekannt, den europäischen Markt verlassen zu müssen.

          Während die Hersteller ihre Produktion umstellen müssen, haben viele Einzelhändler das schon längst getan. Schon heute arbeiten Lebensmittelhersteller an einer Reduzierung der Einweg-Plastikprodukte. So kündigte beispielsweise Rewe schon frühzeitig an, weniger Plastikeinwegartikel anzubieten. Lidl nahm gleich mehrere Einweg-Produkte aus dem Sortiment. Der Discounter gilt als einer der Befürworter des Verbotes. Einige Hersteller werden vom Verbot auch profitieren: In den Regalen der Supermärkte könnten beispielsweise vermehrt die Produkte des Unternehmens Hosti stehen. Das Familienunternehmen produziert seit 1949 Einweggeschirr – jedoch nicht aus Plastik, sondern aus Pappe. Nach der Entscheidung des Europäischen Parlaments sei dort erst einmal der Sekt kaltgestellt worden, die Nachfrage nach Papptellern sei schon jetzt angestiegen.

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