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Mieter-Rausschmiss : Vonovia zieht den Zorn auf sich

Wütende Mieter: Initiativen zur Enteignung von Wohnkonzernen haben großen Zulauf. Bild: Reuters

Der Wohnungskonzern will Mieter trotz der Energiekrise rausschmeißen, wenn sie ihre Nachzahlung nicht leisten? So simpel ist es nicht.

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          Auf der Bühne im Bochumer Ruhrstadion haben am Freitagabend die „Fantastischen Vier“ gestanden, im Publikum Mitarbeiter des Wohnungskonzerns Vonovia. Der hatte eingeladen zum „Vonovia Day“, auch um die Beschäftigten aus der milliardenschweren Übernahme des Konkurrenten Deutsche Wohnen im Unternehmen willkommen zu heißen. „Gebt uns ruhig die Schuld, den Rest könnt ihr behalten“, haben die Musiker unter anderem gesungen und das dürfte den Mitarbeitern bekannt vorgekommen sein – sind sie es doch, die vor Ort mit den Mietern sprechen und es ausbaden müssen, wenn es für die Bewohner wieder Hiobsbotschaften gibt.

          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Erst im Juni hatte der Vonovia-Vorstandsvorsitzende Rolf Buch mit dem Vorschlag irritiert, dass man die Mieten an die Inflationsrate koppeln solle. Nach heftigem Druck aus der Politik ruderte er etwas zurück. Am Dienstag sorgte der größte private Vermieter in Deutschland, der hierzulande gut 490.000 Wohnungen besitzt, mit einem Dokument zum Investorentag für Aufregung. Darin stand nämlich, dass der Wohnungskonzern Mietern notfalls kündigen will, wenn die über Monate ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen, etwa weil die stark gestiegenen Nebenkosten zu hoch werden. „Letzter Ausweg: Versendung der Räumungsaufforderung“, heißt es in den Dokumenten.

          Gerade in den Sozialen Netzwerken befeuerte das am Dienstag die Enteignungsdebatte, die nicht erst schwelt, seitdem im September vergangenen Jahres die Mehrheit der Berliner in einem Volksentscheid für die Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne gestimmt hatte. Auf ihrem Gewerkschaftstag hatte die IG Bau zudem schon am Montag eine Teilverstaatlichung großer Wohnungskonzerne wie Vonovia gefordert. Die Debatte um Wohnraum wird emotional geführt.

          „Niemand muss sich sorgen machen“

          Allein: Mieter rauswerfen will Vonovia selbst nicht, das hat Buch zuletzt immer wieder betont und das auch mit der moralischen Verantwortung begründet. „Niemand muss sich Sorgen machen, wegen gestiegener Nebenkosten die Wohnung zu verlieren“, twitterte er vor einer Woche, am Dienstag wiederholte er: „Wenn ein Mieter Probleme hat und mit uns in Kontakt tritt, finden wir eine Lösung.“

          Das wird im genauen Blick auf die Dokumente für die Investoren auch klarer: Ein Stufen-Modell zeichnet der Konzern dort, zuerst kontaktiert Vonovia die Mieter, um Gründe für das Zahlungssäumnis zu erfahren. Wenn die Mieter Anspruch auf staatliche Hilfe haben, gebe es zudem Informationen, wie sie die beantragen können. Zudem gebe es individuelle Lösungen, wie etwa eine Vereinbarung über aufgeschobene Zahlungen oder Ratenzahlungen. Erst wenn die Mieter ihren Verpflichtungen weiterhin nicht nachkämen, gebe es eine formelle Zahlungsaufforderung. Wenn der Rückstand die Summe von zwei Monatsmieten erreiche, könne es im Notfall und letzten Schritt zu der Räumungsklage kommen und die Wohnung weiter vermietet werden.

          Rund 55 Prozent der Heizungen in den Vonovia-Beständen werden mit Gas versorgt, das Unternehmen mahnt seit längerem seine Mietern, dass sie sich auf stark steigende Nebenkosten-Abrechnungen einstellen müssen. Schon jetzt reduziert das Unternehmen die Temperatur in den Gebäuden zwischen 23 und 6 Uhr deutlich, um Energie zu sparen. Die Mieter wurden kontaktiert, damit sie ihre monatliche Vorauszahlung anpassen, inzwischen erhöht der Wohnungskonzern mitunter auch auf eigene Faust die Abschlagszahlungen seiner Mieter für Strom und Gas, wie er auf Nachfrage mitteilt.

          Vonovia streckt Zahlungen vor

          Vonovia streckt die Zahlungen an die Energieversorger als Vermieter freilich erst einmal vor und muss sich dann darum kümmern, die Auslage wieder reinzuholen. Das kann unter Umständen, bei zu vielen säumigen Mietern, finanziell herausfordernd werden, auch deshalb hat der Wohnungskonzern ein Interesse daran, die Mehrbelastung durch gestiegene Energiekosten schon zuvor zu steuern, um das abzufedern. Gleichzeitig auch das Unternehmen selbst unter der Inflation, denn die Zinsen und Baukosten steigen deutlich.

          Währenddessen ist der Aktienkurs im Tiefflug, seit Jahresbeginn hat der Kurs des Dax-Konzerns gut die Hälfte an Wert verloren, am Dienstag sanke er auf ein neues Fünfjahrestief. Über den Kapitalmarkt kann sich das Unternehmen derzeit also nicht ordentlich finanzieren, weshalb Vonovia zuletzt die Strategie gewechselt hat und etwa jeglichen Neubau direkt verkaufen will.

          Zudem sucht das Unternehmen für seine Wohnungsbestände in Schweden und Baden-Württemberg Partner, also etwa Pensionsfonds oder Staatsfonds wie Norges, die schon als Großaktionär bei Vonovia engagiert sind. Der Wohnungskonzern will dabei aber die Mehrheit behalten und die Gebäude selbst weiter bewirtschaften, dabei geht es um 60.000 Einheiten, also etwas mehr als 10 Prozent des gesamten Bestandes von 550.000 Wohnungen. Hinzu kommt, dass das Management Immobilienpakete für den Verkauf vorbereitet, dabei geht es um Wohnungen und Einfamilienhäuser im Volumen von rund 13 Milliarden Euro. Auch die Pflege-Immobilien, die sich Vonovia mit der Deutsche-Wohnen-Übernahme ins Portfolio geholt hat, sollen unter Umständen veräußert werden, dabei geht es um 72 Senioreneinrichtungen, die zu Ende 2021 mit einem fairen Wert von 1,2 Milliarden Euro in den Büchern standen.

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