Gesundheitssystem :
Was ist der Wert einer Krebstherapie?

Gastbeitrag
Von
Patrick van der Loo
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Unterzieht sich einer Krebstherapie: Catherine ist Prinzessin von Wales.
Unterzieht sich einer Krebstherapie: Catherine ist Prinzessin von Wales.dpa

Zusätzliche Lebensjahre von Patienten gelten als Indikator für den Wert einer Therapie. Doch das greift zu kurz. Die Bewertung des Nutzens durch das Gesundheitssystem muss sich weiterentwickeln.

Die Medizin misst den Erfolg einer Krebsbehandlung in Monaten und Jahren. Für Menschen mit Krebs geht es um mehr: Kann ich weiter arbeiten? Die Reise im Frühling noch machen? Die Hochzeit meines Kindes erleben, bevor die Krankheit weiter fortschreitet?

Genau hier stößt unser System zur Bewertung neuer Arzneimittel an eine Grenze. Was für Patientinnen und Patienten einen Unterschied macht, findet in der Bewertung nicht immer ausreichend Gewicht.

Das klingt nach einer methodischen Debatte. Tatsächlich geht es um eine Grundsatzfrage: Was ist uns der Fortschritt gegen Krebs wert, und wie messen wir ihn?

Weniger altersbedingte Krebstote

Ich arbeite seit mehr als zwei Jahrzehnten für ein Pharmaunternehmen, das rund 40 Prozent seiner Forschungsinvestitionen in die Onkologie steckt und innovative Krebstherapien in Freiburg im Breisgau herstellt. Ich habe miterlebt, wie neue Therapien entstehen und wie lang der Weg bis zum Patienten sein kann.

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Moderne Krebsmedizin kann heilen, Lebenszeit schenken oder eine Erkrankung über längere Zeit unter Kontrolle halten. Laut Robert-Koch-Institut sterben in Deutschland heute altersbereinigt deutlich weniger Menschen an Krebs als noch vor 25 Jahren: Männer um 31 Prozent, Frauen um 21 Prozent seltener. Das RKI führt das auf Therapiefortschritte sowie auf Prävention und Früherkennung zurück.

Die Vorgaben der Arzneimittelbewertung in Deutschland sind klar: Entscheidend soll sein, was für Patientinnen und Patienten tatsächlich relevant ist. In der praktischen Nutzenbewertung hat jedoch ein zentraler Endpunkt moderner Krebsmedizin einen schweren Stand: das progressionsfreie Überleben, kurz PFS. Es misst, wie lange eine Krebserkrankung nicht weiter fortschreitet.

Schneller Zugang zu Innovationen

Natürlich zählt, ob eine Therapie Menschen länger leben lässt. Doch viele Patientinnen und Patienten erhalten heute nacheinander mehrere wirksame Therapien. Welchen Anteil eine einzelne Behandlung am Gesamtüberleben hat, lässt sich deshalb nicht immer bestimmen. Das Gesamtüberleben bleibt wichtig. Es braucht aber Ergänzung um weitere Endpunkte wie das PFS.

Wie lange hält eine Therapie die Erkrankung unter Kontrolle? Für Betroffene kann diese Zeit bedeuten, dass ein Therapiewechsel mit neuen Nebenwirkungen, Einnahmeschemata oder Behandlungsabläufen zunächst ausbleibt.

Deutschland macht bei der Nutzenbewertung neuer Therapien vieles richtig: Neue Arzneimittel sind vom Markteintritt an grundsätzlich erstattungsfähig. Patientinnen und Patienten erhalten so schnell Zugang zu Innovationen. Gerade weil das System im Kern funktioniert, sollten wir es weiterentwickeln.

Dass Bewegung möglich ist, zeigt die aktuelle Reformdebatte zum AMNOG, dem Gesetz, mit dem Bewertung und Preisverhandlung neuer Arzneimittel in Deutschland eingeführt wurden. Das Bundesgesundheitsministerium will für bestimmte Arzneimittel mit besonderen Zulassungsverfahren ein eigenes Bewertungsmodell schaffen. Damit soll berücksichtigt werden, dass bei diesen Arzneimitteln zum Zeitpunkt der Zulassung noch nicht alle Daten vorliegen können. Der Ansatz weist in die richtige Richtung, greift aber zu kurz: Denn auch bei regulär zugelassenen Arzneimitteln kann etwa das PFS wichtige Aussagen über den Nutzen einer Therapie liefern. Wie aussagekräftig und patientenrelevant ein Endpunkt ist, hängt nicht vom Zulassungsweg ab, sondern von Erkrankung und Datenlage.

Wenn wir anerkennen, dass moderne Therapien verändern, wie sich ihr Nutzen belegen lässt, sollten wir diese Erkenntnis auch zu Ende denken. Wir brauchen keine niedrigeren wissenschaftlichen Standards, sondern Standards, die mit dem medizinischen Fortschritt mithalten. Deshalb brauchen wir transparente Kriterien dafür, wann das progressionsfreie Überleben als patientenrelevant anerkannt werden kann.

Die Frage reicht über die Bewertungsmethodik hinaus. Die Nutzenbewertung beeinflusst die Erstattungsbeträge und damit die Bedingungen, unter denen neue Therapien in Deutschland eingeführt werden. Deutschland will ein führender Standort für die Erforschung, Entwicklung und Produktion neuer Arzneimittel sein. Dazu gehört auch ein Bewertungssystem, das mit medizinischem Fortschritt Schritt hält. Es wäre widersprüchlich, neue Krebstherapien hier erforschen, entwickeln und produzieren zu wollen, ihren Nutzen anschließend aber nach Maßstäben zu bewerten, die diesen Fortschritt nicht vollständig abbilden. Am Ende zählt, ob Menschen länger leben. Doch wir müssen auch verstehen, was auf dem Weg dorthin gewonnen wird.

Was ist also eine Krebstherapie wert? Die zusätzlichen Lebensjahre, die sie ermöglicht. Aber auch die Zeit, in der eine Erkrankung nicht fortschreitet. Die Zeit, in der ein Mensch weiterhin arbeiten kann. Reisen. Pläne machen. Die Hochzeit des eigenen Kindes erleben. Ein modernes Gesundheitssystem darf solchen Fortschritt nicht kleinrechnen, nur weil seine Bewertungsmethoden mit ihm nicht Schritt halten. Die Medizin hat sich weiterentwickelt. Die Bewertung ihres Nutzens muss es auch.

Patrick van der Loo ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Pfizer Deutschland.
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