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Kommentar : Druck im Druck

  • -Aktualisiert am

Für Manroland kommt jede Hilfe zu spät. Die Branche hat es nicht hingekriegt, der Staat wird es auch nicht hinkriegen. Die Allianz hat „ihr Kind“ zu lange vernachlässigt.

          Die Druckmaschinenbauer waren zu lange von ihrer Bedeutung berauscht Als es dem größten Hersteller von Druckmaschinen auf der Welt schlecht ging, kam der Staat und bürgte. Das ist jetzt gut zwei Jahre her. Heute steht der drittgrößte Druckmaschinenbauer vor dem Kollaps und wie es aussieht muss der Insolvenzverwalter diesmal die Sache alleine regeln. Ohne Landesbürgschaften hätte Heidelberger Druckmaschinen vielleicht nicht überlebt und Manroland wäre heute nicht in dieser Lage. Das ist auch ein Teil der Wahrheit in der unendlichen Geschichte vom Niedergang der deutschen Druckmaschinenbauer.

          Tatsächlich hatte die Finanzkrise 2009 die wahren Schwierigkeiten nur überdeckt. Während andere Maschinenbauer sich danach vor Aufträgen kaum retten konnten, blieb das Geschäft der Druckmaschinenbauer schwach. Seit Jahren schon leidet das führende deutsche Branchentrio Heideldruck, Koenig&Bauer und Manroland an Überkapazitäten und einem erbarmungslosen Strukturwandel. Diese Misere hat drei Ursachen: Eine ist die digitale Revolution, die den Herstellern von Rollendruckmaschinen zu schaffen macht. Die komplexen Anlagen, Meisterwerke der Handwerkskunst, werden immer seltener gekauft. Die Zeitungsindustrie in Amerika und Europa investiert kaum noch in Druckereien, viele Schwellenländer springen direkt ins digitale Zeitalter, dort werden große Zeitungshäuser europäischer Prägung erst gar nicht entstehen.

          Zu diesen strukturellen Schwierigkeiten kommt ein konjunkturelles Problem: Die vieltausend mittelständischen Druckereien, die auf Bogendruckmaschinen Werbebroschüren und Verpackungen bedrucken, halten sich mit Investitionen zurück. Dafür sind in erster Linie die trüben Konjunkturaussichten verantwortlich. Außerdem laufen neue Maschinen länger und sie drucken mehr als alte, man benötigt also schlicht weniger davon.

          Dennoch: Das weltweite Druckvolumen vor allem für die Verpackungsindustrie wächst und es wird weiter wachsen. Die Menschen in den Schellenländern werden vielleicht weniger Zeitung lesen, sie werden aber ganz sicher immer mehr konsumieren. Das Druckvolumen in Büros und in der Verwaltung nimmt ebenfalls seit Jahren zu. Diesen Markt haben allerdings die lange belächelten Digitaldrucker wie Canon, HP, Ricoh oder Xerox besetzt, sie verdienen schon heute ein Vielfaches der Pioniere aus der „Heavy-Metall“-Branche.

          All das ist nicht neu. Die deutschen Druckmaschinenbauer konnten in den vergangenen Jahren die Beschäftigung gar nicht so schnell abbauen wie der Umsatz sank. Den Glauben an die eigene Stärke hat das nicht erschüttert. Der Mythos der deutschen Druckmaschinenbauer hielt alle im Bann. Druckmaschinenbau war eben nie ein Geschäft wie jedes andere. Johannes Gutenberg hat 1452 nicht einfach eine neue Maschine erfunden, er hat das Tor zur Neuzeit aufgestoßen. Ohne Buchdruck gäbe es keine Bildung, keinen Humanismus, keine Aufklärung. Die dampfgetrieben Schnellpresse, auf der 1814 die Times als erste Tageszeitung der Welt gedruckt wurde, war ebenfalls eine Erfindung eines Deutschen. Auf die von dem Bauernsohn Friedrich Koenig gegründete Schnellpressenfabrik Koenig&Bauer sind noch heute alle deutschen Hersteller zurückzuführen. Jede zwei Tageszeitung wird auf einer deutschen Maschine gedruckt, der Weltmarktanteil im gesamten Druckmaschinengeschäft beträgt 60 Prozent - die Branche war zu lange von ihrer eigenen Bedeutung berauscht, um das Bröckeln der Fundamente zu bemerken und etwas dagegen zu tun, bevor die Risse zu groß wurden. Denn das ist der dritte, entscheidende Grund für ihren Niedergang.

          Animositäten der Branche

          Obwohl die Rendite den Anforderungen einer kapitalmarktgetriebenen Wirtschaft schon seit Jahren nicht mehr genügt, hat auch die Allianz auf diesen Mythos vertraut. Bald nach dem Einstieg 2006 musste sie erkennen, dass es mit einem schnellen Börsengang oder anderweitigen lukrativen „Exit“ für Manroland nicht klappen könnte. Der Versicherer hat viel Geld verloren, man sollte ihm nicht vorwerfen, dass er die Subventionen jetzt stoppt. Die Zeiten für Problemkinder in Bilanzen von Finanzdienstleistern sind schlecht. Man kann der Allianz aber sehr wohl vorwerfen, dass sie „ihr Kind“ über viele Jahre vernachlässigt hat. Ausgerechnet in der vom Strukturwandel weniger betroffenen Bogendrucksparte ist der Marktanteil von Manroland zurückgegangen, von technologischer Marktführung ist das Unternehmen nach Jahren in der Hand eines Finanzinvestors weit entfernt.

          Die Hoffnung auf eine gemeinsame Lösung, auf die Deutsche Druckmaschinen AG, wird nicht aufgehen. Wer die Animositäten der Branche kennt, wer weiß, wie selbst intern bei Manroland die „Bogendrucker“ den „Rollendruckern“ in misstrauen, weiß auch, dass es nicht klappt. Die Branche hat es nicht hingekriegt, der Staat wird es auch nicht hinkriegen.

          Der Verpackungsdruck wächst, das ist der einzige Trost. Wenn es den verbliebenen Hersteller nicht gelingt, daraus endlich ein funktionierendes Geschäftsmodell zu machen, werden auch sie ihre Probleme nicht in den Griff bekommen. Für Manroland kommt jede Hilfe zu spät.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

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