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Corona-Testzentren : Der teuerste Briefkasten der Welt

Andreas Gassen, Vorkämpfer der deutschen Kassenärzte Bild: EPA

In der Debatte um den Abrechnungsbetrug in Corona-Testzentren erklären sich die Kassenärztlichen Vereinigungen für nicht zuständig. Dabei verdienen auch sie am Schnelltest-Boom.

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          Dass in den mehr als 21. 000 Corona-Schnelltestzentren hierzulande nicht immer alles mit rechten Dingen zugeht, hat sich herumgesprochen. Rund 700 Millionen Euro hat der Staat allein zwischen Mitte April und Mitte Mai an die Betreiber überwiesen, ohne sich nennenswert darum zu kümmern, ob die Tests ordentlich gemacht und sauber abgerechnet werden. Wie es in den Testlokalen zugeht, sollen nun die Gesundheitsämter stärker kontrollieren. Aber wie steht es um die Abrechnungen?

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) findet, die Kassenärztlichen Vereinigungen könnten sich darum kümmern – schließlich sammeln sie jetzt schon die Abrechnungen, leiten sie nach Berlin weiter und verteilen dann das en gros überwiesene Geld an die Testzentren. Andreas Gassen, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), gibt sich entgeistert von Spahns Ansinnen. „Das sieht die Testverordnung nicht vor, und es wäre für die Kassenärztlichen Vereinigungen auch nicht leistbar“, sagte Gassen der F.A.Z. Sie könnten nicht einmal die Plausibilität der Abrechnungen nachvollziehen. „Wir sind nicht viel mehr als der Briefkasten.“

          Wie viele Tests wurden eigentlich abgerechnet?

          Ja, wie kommt der Minister dann bloß auf seine kühne Idee? Vielleicht war es Paragraf 8 der Testverordnung, der ihn darauf gebracht hat. Dort ist in schönem Bürokratendeutsch geregelt, was die 17 Vereinigungen – jeder Kassenarzt im Land muss einer von ihnen angehören, denn sie schließen die Verträge mit den Krankenversicherungen ab und verteilen das von den Kassen für ärztliche Leistungen erstattete Geld unter ihren Mitgliedern  – für ihren Einsatz in der Testzentren-Bürokratie bekommen. „Für den Aufwand der Beschaffung und Verteilung des zu verwendenden Vordrucks sowie der Abrechnung von Leistungen“ erhalten sie 2 Prozent der für die Testkits abgerechneten Kosten; dazu kommen 3,5 Prozent der Pauschale von 12 Euro, die private Betreiber darüber hinaus je Test bezahlt bekommen.

          Ist das viel oder wenig? Kaum eine Kassenärztliche Vereinigung (KV) war willens oder in der Lage, auf F.A.S.-Anfrage genauer aufzuschlüsseln, wie viele Tests auf Steuerzahlerkosten bisher mit ihr abgerechnet wurden. Hamburg ist die rühmliche Ausnahme. Dort waren es im März und April exakt 831.824 Stück für zusammen 15.624.886,99 Euro. Aus den Angaben ergibt sich nach den in der Testverordnung festgelegten Sätzen: Die KV bekam dafür 467.698,44 Euro. Rund 500.000 Euro in zwei Monaten also. Und worin genau besteht der Aufwand, den dieser Betrag abdecken soll? Mit der Bearbeitung sei aktuell „ein Abrechnungsspezialist in Vollzeit“ beschäftigt, sagt der Hamburger KV-Chef Walter Plassmann. „Darüber hinaus haben wir eine spezielle Software programmieren müssen.“ Abrechnungsspezialisten verdienen heutzutage gewiss gut. Und Software ist nicht billig. Aber das hört sich nicht so an, als wäre der Verwaltungskostenersatz nicht gut auskömmlich für die KVen.

          Nun wird von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich häufig getestet, in Großstädten tendenziell mehr als auf dem Land, und auch die Betreiberstruktur ist nicht überall gleich. Die Hamburger Zahlen lassen sich deshalb nicht ohne Einschränkungen durch einfaches Multiplizieren auf die ganze Republik hochrechnen, indem man sie dem Bevölkerungsanteil der Hansestadt entsprechend vervielfacht.

          (Tut man es versuchsweise trotzdem einmal, um zumindest eine Ahnung davon zu bekommen, wie viel Geld der Boom der Testzentren als Verwaltungskostenersatz in die Kassen der KVen gebracht haben dürfte, kommt man für ganz Deutschland auf eine Summe von 21,5 Millionen Euro, wohlgemerkt nur für zwei Monate.)  Die Pointe an der Geschichte ist aber, dass die Hamburger KV Plausibilitätsprüfungen schon vornimmt, also mehr leistet, als der KBV-Chef für möglich hält. Man muss also nicht besonders mutig sein für die Behauptung: Einen teureren Briefkasten als diesen wird man lange suchen müssen. Schade, dass KBV-Chef Gassen dazu nichts sagen wollte.

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