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Steigender Bedarf : Wo es bei den Ganztagsschulen hakt

Beim Ausbau von Ganztagsangeboten scheitert es meist nicht nur am Geld. Bild: dpa

Eltern wünschen sich mehr Ganztagsangebote für ihre Kinder. Aber das Angebot ist beschränkt und der Ausbau geht langsamer voran als erhofft. Das liegt nicht nur am Geld.

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          Der Anteil der Eltern, die sich für ihre Kinder einen Ganztagsplatz in der Schule wünschen, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen: auf fast drei Viertel. Gleichzeitig wurde das Angebot ausgebaut – allerdings stand im Schuljahr 2015/2016 nur für rund 40 Prozent der Schüler ein Ganztagsschulplatz zur Verfügung. Das berichtet die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie, die am Dienstag veröffentlicht worden ist.

          Lisa Becker
          Redakteurin in der Wirtschaft

          Der Wirtschaft gefällt das nicht, ihre Verbände fordern schon lange einen Ausbau der Ganztagsschulen. Sie schafften Freiraum für individuelle Förderung, heißt es in einem Positionspapier des Arbeitgeberverbands BDA. Die zusätzliche Zeit könne für Sport, Schülerfirmen, Musik- oder Technik-AGs genutzt werden, für die Persönlichkeitsentwicklung und die Berufsorientierung beispielsweise durch Betriebsbesichtigungen und Tagespraktika, meinen die Arbeitgeber. Es dürfe aber nicht nur die Zahl der Ganztagsschulen steigen; auch auf eine gute Qualität des Angebots müsse viel Wert gelegt werden.

          Nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung wurden zwischen 2003 und 2009 jährlich 175.000 zusätzliche Plätze in Ganztagsschulen geschaffen und in den Jahren danach nur noch 120.000. Wolle man bis 2025 die Versorgung auf 80 Prozent steigern und bis 2030 auf 100 Prozent, müssten jedes Jahr 300.000 neue Plätze hinzukommen – die Anstrengungen müssten also verdreifacht werden. Die Autoren der Studie, Klaus Klemm und Dirk Zorn, haben ausgerechnet, was ein solcher Ausbau bis 2025, bei dem man auch in Qualität investierte, kostete: Man brauchte 31.400 zusätzliche Lehrkräfte und 16.200 pädagogische Fachkräfte wie Erzieher und Sozialpädagogen, was jedes Jahr Kosten von 2,8 Milliarden Euro verursachen würde. Für die räumliche Infrastruktur müssten die kommunalen Schulträger insgesamt rund 15 Milliarden Euro zusätzlich ausgeben.

          Bild: F.A.Z.

          Bildungsforscher Wido Geis vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln mahnt, beim Ausbau des Ganztags nicht nur die pädagogische Qualität im Blick zu haben, sondern auch die Betreuungszeiten. Da brauche es Flexibilität, damit Eltern guten Gewissens und entspannt arbeiten gehen könnten. Pädagogisch wertvoll kann der Besuch einer Ganztagsschule vor allem dann sein, wenn sie einen rhythmisierten Tagesablauf hat: wenn sich Bildung und Betreuung abwechseln. Das ist in gebundenen – verpflichtenden – Ganztagsschulen der Fall, in denen den ganzen Tag Lehrer zur Verfügung stehen.

          In Deutschland sind allerdings die offenen Schulen der Standard: Der Nachmittag ist optional, die Betreuung wird in der Regel nicht von Lehrern, sondern von Personen mit höchst unterschiedlicher Qualifikation übernommen. IW-Forscher Weis warnt allerdings vor einem zu schnellen Ausbau. „Lieber etwas langsamer und die Qualität in den Blick nehmen.“ Ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte, ist der Ausbau der frühkindlichen Bildung, bei dem nach Ansicht vieler Fachleute die Qualität auf der Strecke geblieben ist.

          Angebote stärken Motivation

          Die Zahl der Ganztagsschulplätze so stark zu erhöhen, wie die Bertelsmann-Stiftung fordert, dürfte schon aus einem anderen Grund schwierig werden: Man wird wohl nicht die dafür benötigten Betreuer finden, vor allem wenn man Personal mit guter pädagogischer Qualifikation einstellen möchte. Schon jetzt herrscht an einigen Orten in Deutschland ein deutlicher Lehrer- und Erziehermangel, der sich noch verschärfen dürfte.

          Der Ausbau werde zwar vorangehen, sagt Weis, aber nicht in dem von den Eltern gewünschten Tempo. Er werde zudem je nach Finanzkraft der Länder und Kommunen höchst unterschiedlich verlaufen. „Eine flächendeckend gute Qualität wird es auch in den kommenden Jahren nicht geben.“ Schon jetzt ist die Ganztagsschullandschaft sehr heterogen, weshalb sich Forscher mit dem Nachweis, Ganztagsschulen machten die Schüler schlauer, schwertun. Bisher zeigen Untersuchungen aber, dass qualitativ hochwertige Nachmittagsangebote die Motivation der Schüler, ihr Selbstbild und ihr soziales Verhalten stärken – gerade wenn sie aus bildungsfernen Schichten stammen.

          Der Schulforscher Horst Weishaupt vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (Dipf) hat für Hessen und Rheinland-Pfalz herausgefunden, dass nur ein ganz geringer Anteil der Grundschulkinder die Möglichkeit hat, an fünf Unterrichtstagen in der Woche eine gebundene Ganztagsschule zu besuchen. Beim Wechsel vom Kindergarten in die Schule werde also keine Kontinuität in der Betreuung gewährleistet. Und man sei offensichtlich nicht bestrebt, Bildungsbenachteiligungen zu verringern. Die Forschung zeigt, dass gerade Kinder aus bildungsfernen Familien von Ganztagsschulen profitieren.

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