Schulschwänzer : „Oft steckt hinter dem Schwänzen große Not“

Viele Kinder bleiben dauerhaft der Schule fern, manche landen deswegen im Arrest. Was Eltern und Schulen tun können, damit es nicht so weit kommt.
Wer in der Schule fehlt, ist ein Schwänzer. Er gilt als faul, dumm oder rebellisch. Und irgendwann auch als kriminell. So blicken viele Menschen auf Kinder, die dem Unterricht fernbleiben: Schulschwänzer hätten keine Disziplin, und ihre Eltern würden sie nicht anständig erziehen. Dagegen hilft hartes Durchgreifen, glaubte man lange. Deutschland ist nicht zimperlich, wenn es um Verstöße gegen die Schulpflicht geht. International sind nur wenige Länder strenger. Wer längere Zeit dem Unterricht fernbleibt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, Eltern drohen Bußgelder, Jugendlichen Sozialstunden und sogar Gefängnis.
Ab wann wird das Schwänzen zum Problem? Die überwiegende Zahl der Schüler, mehr als achtzig Prozent, fehlen höchstens fünf Prozent des Schulhalbjahres. Wissenschaftler bezeichnen das illegitime Fernbleiben vom Unterricht als Schulabsentismus. Der beginnt, wenn die Fehlzeiten mehr als fünf Prozent des Schulhalbjahres betragen. Die Kinder lassen häufiger die erste und letzte Stunde aus, manchmal fehlen sie ganze Tage. Als schwergradiger Absentismus gilt, wenn Kinder mehr als zehn Prozent des Schulhalbjahres verpassen. Manche gehen monatelang nicht zum Unterricht.
Jede Schule kann selbst entscheiden, wie sie auf solche Abwesenheiten reagiert. Schulen schöpfen zunächst den pädagogischen Spielraum aus, bevor sie ein Ordnungswidrigkeitsverfahren einleiten. Bußgelder müssen bis zum Alter von 14 Jahren die Eltern zahlen, danach werden die Jugendlichen zur Kasse gebeten. Zahlen sie nicht, drohen Sozialstunden, in schweren Fällen der Arrest. Der dauert gewöhnlich ein paar Tage. Hunderte Schülerinnen und Schüler mussten im Jahr 2025 wegen Schwänzen in Deutschland in den Arrest, allein in Niedersachsen und Bremen waren im ersten Halbjahr 355 Schüler.
Die unterschiedlichen Typen des Schulschwänzers
Schon dieser Begriff verengt die Sicht auf das Problem: Schwänzen. Zwar gibt es Schüler, die notorisch keine Lust auf Schule haben und lieber andere Dinge währenddessen machen. „Oft steckt hinter dem Schwänzen große Not“, sagt Martin Knollmann, leitender Psychologe der Kinder- und Jugendpsychiatrie am LVR-Klinikum der Universität Düsseldorf. Zusammen mit seinem Kollegen Volker Reissner erforscht er die Gründe, warum Kinder der Schule fernbleiben. Das Phänomen bewege sich in einer schwierigen Gemengelage zwischen psychischen Erkrankungen, pädagogischen Schieflagen, familiären Konflikten und schulischen Problemen, sagt Knollmann. Die Düsseldorfer Psychologen und Kinder- und Jugendpsychiater haben verschiedene Typen in Bezug auf das Verhalten entwickelt. Sie werden in leicht abgewandelter Form auch von Pädagogen, Soziologen, Psychologen und Medizinern verwendet.
Eine Kategorie ist die Schulverweigerung. Eine wachsende Zahl von Schülern meidet den Unterricht, weil sie emotionale Probleme hat. Schulangst ist verbreitet, vor Prüfungen, Lehrern, sozialen Kontakten oder mobbenden Mitschülern. In der Regel wissen die Eltern Bescheid.
Manchmal sind auch die Eltern das Problem: Beim elterlichen Zurückhalten untersagen die Eltern den Schulbesuch, etwa weil ihnen etwa die politische oder religiöse Haltung des Bildungssystems nicht passt.
Dann gibt es noch den vierten Typus, das klassische Schulschwänzen, wobei die Kinder „unlustbedingt“ dem Unterricht fernbleiben. Auch das ist nicht harmlos. Es geht oft mit oppositionell-regelbrechendem Verhalten einher, Lügen, Delinquenz, Aggressivität. Auch ADHS spielt dabei eine Rolle. Die Eltern wissen gewöhnlich nicht, was ihr Kind tagsüber treibt.
Nicht alle Kinder und Jugendlichen, die regelmäßig fehlen, lassen sich eindeutig einer dieser Kategorien zuordnen.
Klar ist jedoch: Wenn das Kind nicht mehr regelmäßig in die Schule geht, ist seine Entwicklung gefährdet, wie Metastudien belegen. Forscher fanden Zusammenhänge zwischen Schulabsentismus und Depressionen, Angststörungen, Drogenkonsum, Übergewicht, Suizidalität und selbstverletzendem Verhalten. Die Kinder würden viele psychosoziale Belastungsfaktoren erleben, sagt Knollmann. Sie hätten oft Stress zu Hause, mit Lehrern oder Freunden. Schließlich gefährdet das chronische Fehlen den Bildungserfolg. Studien aus Australien, Amerika und europäischen Ländern belegen, dass mit zunehmender Dauer der Fehlzeiten die Leistungen in der Schule schlechter wurden. Wer in der Schule fehlt, gefährdet seinen Abschluss. Und hat es dann schwerer im Leben: Es drohen Arbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit.
Jeder neunte Schüler fehlt regelmäßig im Unterricht
Wie viele Kinder in Deutschland regelmäßig dem Unterricht fernbleiben, wird nicht ermittelt. „So etwas wie eine Bundesfehlquote gibt es nicht“, sagt Heinrich Ricking, Erziehungswissenschaftler an der Universität Leipzig. Zwar dokumentieren Schulen Fehltage, aber die Daten werden nicht systematisch ausgewertet. Aus Stichproben, Umfragen und Untersuchungen in anderen Ländern wissen Forscher, dass etwa fünf bis zehn Prozent der Schüler mehr als fünf Tage im Schuljahr dem Unterricht unentschuldigt fernbleiben. Grundschüler fehlen weniger häufig. Mit zunehmendem Alter nimmt das Problem zu, sagt Ricking. Bei Jugendlichen erreicht das bewusste, unentschuldigte Fehlen den Höhepunkt. Jeder fünfte 15-Jährige gibt an, er habe in den vergangenen zwei Wochen mindestens einmal geschwänzt.
Schleswig-Holstein untersucht Schulbesuche und Schulabbrüche seit zwei Jahren ausführlich. Für die Sanscho-Studie, an der Heinrich Ricking beteiligt ist, wurden 5500 Schülerinnen und Schüler und 513 Lehrkräfte an 54 Schulen befragt. Erste Ergebnisse wurden im Frühjahr veröffentlicht. Jeder neunte Schüler fehlt regelmäßig im Unterricht, hochgerechnet auf die Bundesrepublik sind das 1,3 Millionen Schülerinnen und Schüler. Das Problem nimmt zu. Die Fehlzeiten sind zwischen 2012 und 2022 gestiegen, zeigt die Pisa-Studie. Besonders seit der Corona-Pandemie bleiben mehr Schüler dem Unterricht fern. Die Zahl der Bußgeldverfahren wegen Schulpflichtverletzungen ist etwa in Nordrhein-Westfalen sprunghaft angestiegen. Mehr als 8000 Fälle gab es im Jahr 2024, ein Anstieg von 45 Prozent.
Am häufigsten fehlen Jugendliche in Berufsschulen, am seltensten in Gymnasien. „Je höher der akademische Anspruch, desto geringer sind die illegitimen Fehlzeiten“, sagt Ricking. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und solche aus armen und bildungsfernen Haushalten bleiben häufiger dem Unterricht fern.
Meist bahnen sich die Probleme schon in der Grundschule an, zeigen Längsschnittstudien aus Nordamerika. Es beginnt scheinbar harmlos: Kinder bilden in vielen Fällen Aversionen und distanzieren sich innerlich von der Schule. Irgendwann schleichen sich die ersten Verspätungen ein, Unterrichtsstunden werden geschwänzt, aus Stunden werden Tage – und die Eskalationsspirale beginnt. Lernstarke Schüler mit guter Selbststeuerung können Fehlzeiten oft kompensieren. Bei schwachen Schülern hingegen reichen schon wenige Tage, und sie kommen nicht mehr mit. Je länger das Kind fehlt, desto schwieriger wird der Weg zurück in die Schule.
Warum leichtfertige Krankschreibungen nicht hilfreich sind
Schnell gegenzusteuern, wenn die ersten Fehlstunden auftauchen – das halten Psychiater wie Pädagogen für die wirksamste Präventionsstrategie, um gegen Schulabsentismus vorzugehen. Eltern sollten sofort erfahren, wenn das Kind in der Schule fehlt.
Doch in Deutschland sind die Kommunikationswege oft lang oder laufen ins Leere. „Wir liegen weit hinter dem internationalen Standard an Erfassung von An- und Abwesenheiten“, sagt Marie-Christine Vierbuchen der Universität Flensburg. Wie es besser ginge, zeigen manche amerikanischen Bundesstaaten. Dort werden tagesaktuell Schulbesuchslisten veröffentlicht, die Eltern einsehen können. Schulen fragen aktiv nach, warum das Kind nicht zum Unterricht erscheint. Zudem gibt es Interventionsprogramme wie Check and Connect. Schüler führen Buch über ihre Anwesenheit als eine Art Selbstkontrolle, dazu wird ihnen ein Mentor an die Seite gestellt, mit dem sie sich regelmäßig treffen.
Lehrkräfte können das nicht zusätzlich leisten. Experten fordern multiprofessionelle Teams in Schulen aus Psychologen, Pädagogen, Therapeuten und Sozialarbeitern, die Kinder mit hohen Fehlzeiten auffangen. Doch in Deutschland ist das Geld knapp, viele Kommunen streichen die Schulsozialarbeit eher zusammen, als dass sie sie ausbauen.
Auch die Sanscho-Studie zeigt: Gegen das Fernbleiben vom Unterricht hilft am wirksamsten ein Schulumfeld, das Zugehörigkeit und Sicherheit vermittelt. Pädagogik bedeute das Eingehen auf kindliche Bedürfnisse, sagt Heinrich Ricking. Schüler möchten ein Mitspracherecht, meint er, und nicht bloß in einem bestehenden System funktionieren, das von Lehrern gestaltet wird. Das bedeute nicht, dass Kinder sagen, wo es langgeht. Kinder brauchten klare, unverhandelbare Grenzen.
Eine solche Grenze ist der Schulbesuch. Jedes Kind muss begreifen: Illegitimes Fehlen wird nicht akzeptiert. Aber wie soll die Schule reagieren, wenn die Kinder nicht zum Unterricht erscheinen? „Erst kommt die Pädagogik, dann die Sanktion“, sagt Ricking. Zunächst müsse Klarheit herrschen, warum das Kind fehlt. Die Antwort der Schule müsse spezifisch sein. Kinder mit Depressionen etwa brauchen pädagogische Hilfe und womöglich eine Psychotherapie. Eltern, die ihre Kinder aus religiösen Gründen zu Hause lassen, trifft man mit Bußgeldern. Jugendarrest hingegen sollte immer nur das letzte Mittel sein, sagt auch Martin Knollmann.
Ohne Druck geht es manchmal nicht. Diese Erfahrung machen alle Eltern. Neben Einfühlungsvermögen ist auch eine gewisse Strenge nötig, wenn immer Montagfrüh Kopf- oder Bauchschmerzen auftauchen. Eltern sind oft unsicher, wie sie mit den Beschwerden umgehen sollen, sagt Knollmann. Aber Entschuldigungen oder Krankschreibungen verschlimmerten meist das Problem. Kurz: Kinder müssen auch mal was aushalten. Wer bei jedem angeblichen Wehwehchen eine Entschuldigung schreibt, tut seinem Kind keinen Gefallen.
Eltern mit permissivem Erziehungsstil gehen fälschlicherweise davon aus, dass sie ihr Kind brechen, wenn sie gegen seinen Willen handeln. Das steht im Widerspruch zur Entwicklungsforschung. Eltern sind liebevolle Autoritäten, die ihr Kind anhören und dessen Wünsche berücksichtigen, am Ende aber entscheiden, was richtig ist.
Eltern können ihren Kindern helfen, gute Schüler zu werden, die gern den Unterricht besuchen, zeigen mehrere Studien. Am besten haben sie eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Kind, unterstützen es, sind ansprechbar bei Sorgen. Sie schaffen ein positives Familienklima. Und sehen auch mal über eine schlechte Note hinweg.




