Mittelstand : Was Hessens stille Giganten besser machen

Eine Maschine, die Metall wie Knete formt. Ein Messgerät, das Laser in der Produktion kalibriert: Zum Hessischen Unternehmertag wurde die Kraft der hessischen Industrie gefeiert.
Die großen hessischen Unternehmen kennt jeder: Sei es Opel in Rüsselsheim, Merck in Darmstadt oder die Deutsche Bank in Frankfurt. Doch was ist eigentlich mit den ganzen Mittelständlern und mittelgroßen Unternehmen, die die Wirtschaft im Hintergrund am Laufen halten? „Gerade die kleinen und mittleren Unternehmen sind das Rückgrat unserer Wirtschaft“, sagt Steffen Huth, Geschäftsführer der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Hessen. „Hinter ihrem Erfolg stehen mutige unternehmerische Entscheidungen und Beschäftigte, die mit ihrem Können jeden Tag dazu beitragen“, sagte der stellvertretende Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD).
Die Unternehmen hatten nun ihren großen Auftritt zum 34. Hessischen Unternehmertag in Wiesbaden. Die jährliche Spitzenveranstaltung der hessischen Wirtschaft mit rund 1000 Gästen ist ein Schaulaufen zahlreicher Unternehmen und soll einen besseren Dialog zwischen der Wirtschaft und der Landespolitik ermöglichen.
Stahl wird kalt in Form gepresst
In diesem Rahmen wurde am Dienstag die „Hessen Champions 2026“ ausgezeichnet. Der Wettbewerb richtet sich an Unternehmen aus ganz Hessen, die sich in ihrem Feld durch neue Ideen, eine starke Führung oder eine besondere Marktposition hervorheben. Mansoori lobte die Preisträger: „Die Hessen Champions zeigen, welche Stärke in unserer hessischen Wirtschaft steckt.“ Wolf Matthias Mang, Präsident der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, ergänzte: „Sie sehen Chancen, wo andere Grenzen erkennen, und machen aus mutigen Ideen konkrete Erfolge.“ Ausgezeichnet wurde schließlich in drei Kategorien: „Innovation“, „Arbeitgeber des Jahres“ sowie „Weltmarktführer & Hidden Champion“.
Im Bereich Innovation gewann „Baier & Michels“ (B&M) aus Ober-Ramstadt. Das Unternehmen mit 500 Mitarbeitern gilt als führender Hersteller für metallische Präzisionsteile. Kurz gesagt stellt B&M Metallteile her, die andere Firmen in ihre Produkte einbauen. Das können spezielle Schrauben sein, aber auch Dichtsysteme oder spezielle Antriebswellen. Das Standardverfahren dafür ist die Zerspanung: Hier wird das Material aus einem Block weggeschnitten, gedreht oder gefräst, es entstehen Späne. Doch Baier & Michels setzt auf Kaltumformung: Das Metall wird in dem Fall bei Raumtemperatur gepresst oder gewalzt und so in Form gebracht. Man kann sich das wie Knete vorstellen, die man in eine Form drückt.
Präzise Laserstrahlen brauchen Messtechnik
Warum ist das so besonders? Den Preis gab es für die innovative Fertigungstechnologie. In einem neuen Verfahren namens „B&M-Ecco-Tec“ werden komplexe Präzisionsteile, die bislang nur durch Zerspanung hergestellt werden konnten, per Kaltumformung gefertigt. Dabei geht es zum Beispiel um sogenannte Schneckenwellen. Wo bislang vier bis sechs solcher Teile je Minute entstanden, sind es nun bis zu 40 Teile. Da keine Späne mehr anfallen, verbessert sich auch die Ökobilanz, je nach Bauteilgeometrie sind Material und CO₂‑Reduktionen von bis zu 67 Prozent realisierbar.
Als „Weltmarktführer & Hidden Champion“ konnte sich „Primes“ auszeichnen. Das Unternehmen hat sich auf Laserstrahlen spezialisiert. Laser sind stark gebündelte Lichtstrahlen mit viel Energie. Diese werden in Fabriken zum Schweißen, Schneiden und dem 3D-Druck von Metallteilen genutzt. Damit dieser Prozess funktioniert, muss man wissen, wie der Strahl genau beschaffen ist: Wie stark ist er und wo hat er seinen Brennpunkt?
Primes selbst fertigt hochpräzise Messsysteme zur Analyse von Laserstrahlen und Laserleistung, um genau diese Fragen zu beantworten. Sie finden heraus, wie viel Energie ein Laser je Sekunde wo abgibt, gemessen in Watt. Diese Leistungs- und Fokusmesser gibt es vom kleinen Handgerät bis zu großen Systemen, die die Produktion dauerhaft überwachen. Stimmen Leistung oder Fokus nicht, entsteht Ausschuss oder ist Nacharbeit nötig – so oder so teuer für die Unternehmen. Die Messgeräte helfen in den Fabriken dabei, die Prozesse stabil zu halten und die Qualität zu sichern. Das Unternehmen selbst formuliert es so: Ziel sei es, den Laserstrahl für den Kunden optimal nutzbar zu machen und Ausschuss und Nachbearbeitung zu reduzieren. Für diese Arbeit hat das Unternehmen zuvor mehrere Preise gewonnen – im Jahr 2022 etwa den Innovation Award Laser Technology in Aachen. Im Jahr 2025 folgte der hessische Staatspreis für Energie.
Als Arbeitgeber des Jahres wurde „Georg Fehl & Sohn“ aus Freiensteinau ausgezeichnet: Das Gebäudetechnik-Unternehmen wird in dritter Generation von der Familie geführt und beschäftigt 210 Mitarbeiter. Im Handwerk gelten sie als Vorreiter, da sie eine Viertagewoche anbieten. Zur Ausbildungsstrategie gehört eine eigene Ausbildungswerkstatt sowie eine Übernahmegarantie nach der Gesellenprüfung. Dazu führte das Unternehmen mit Ettenberger und Nanz Betriebe weiter, die keinen Nachfolger hatten. So blieben Arbeitsplätze in der Region erhalten. Wirtschaftsminister Mansoori hob hervor: „Eine starke Wirtschaft bemisst sich für mich aber nicht allein an Umsätzen und Gewinnen. Entscheidend ist auch, was bei den Beschäftigten ankommt: faire Löhne, sichere Perspektiven und gute Arbeitsbedingungen.“





