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Neue Schulform geplant : Hauptschulen in Hessen vor dem Aus

  • -Aktualisiert am

Arbeitstitel „Sekundarschule“: Die Regierung beschäftigt sich mit der Idee, Hauptschulen und Realschulen bis zur sechsten Klasse zusammenzuführen. Bild: dpa

Schwarz-Grün erwägt, Haupt- und Realschulen für ein gemeinsames Lernen bis zur sechste Klasse zusammenzulegen. Diese Idee erzeugt ein geteiltes Echo - sogar in den eigenen Reihen von Schwarz-Grün.

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          Die schwarz-grüne Koalition in Wiesbaden erwägt, die Hauptschulen abzuschaffen und stattdessen eine neue Schulform einzuführen. Nach den Vorstellungen der beiden Regierungsfraktionen und von Kultusminister Alexander Lorz (CDU) könnten die nur noch vier reinen Hauptschulen sowie die verbundenen Haupt- und Realschulen in Hessen in eine neue Schulart - Arbeitstitel „Sekundarschule“ - überführt werden. Dort würden alle Schüler in den Jahrgangsstufen fünf und sechs gemeinsam, aber so weit wie möglich entsprechend ihren Begabungen und Fähigkeiten unterrichtet.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie die folgenden Jahrgangsstufen gestaltet werden könnten, müsse im Detail noch beraten werden, sagte der Minister in der Landeshauptstadt. Bei den Oppositionsfraktionen SPD, Linke und FDP stießen die schwarz-grünen Vorstellungen allerdings auf Ablehnung. „Das ist kein Gesamtkonzept, das ist eine Schönheitsreparatur“, konstatierte der SPD-Bildungsexperte Christoph Degen.

          „Ein Signal an die Eltern“

          CDU und Grüne wollen das von der Landesschülervertretung propagierte Modell in die Debatten des hessischen Bildungsgipfels einbringen und hoffen auf die Zustimmung der Opposition. Für die existierenden Gymnasien bedeutete die vorgeschlagene Regelung ebenso eine Bestandssicherung für „mindestens zehn Jahre“ wie für die integrierten und kooperativen Gesamtschulen, betonte Lorz.

          An den von der Konferenz der deutschen Kultusminister einvernehmlich vorgegebenen Schulabschlussvarianten - Hauptschul- und Realschulabschluss sowie Abitur - solle sich nichts ändern. Allerdings, so der Minister, werde es Jugendlichen in der fusionierten Haupt- und Realschule leichter fallen, einen möglichst guten Abschluss zu erringen. „Wir senden das Signal an die Eltern: In dieser Schulform haben Ihre Kinder alle Chancen.“

          Hoffen auf Einigung zwischen den Parteien

          „Faktisch heißt das, dass es in Hessen künftig keine eigenständigen Hauptschulen mehr geben würde“, räumte der Minister ein. Er sieht in dem Reformvorschlag eine Chance, die „klassischen Trennlinien“ in der hessischen Schulpolitik zu überwinden und die auf den Gegensatz von Gymnasien und Gesamtschulen fokussierte Bildungsdebatte zu entschärfen. Das Überbrücken der Gräben in der Schulpolitik ist eines der Hauptziele des von CDU und Grünen initiierten Bildungsgipfels, der noch bis Mitte Juli tagen soll.

          Er hoffe, dass auf der Basis des „Sekundarschulen“-Modells eine parteiübergreifende Einigung auf verlässliche Schulstrukturen möglich sei, äußerte Lorz. Die Regierungskoalition sei indes durchaus noch offen für Verbesserungsvorschläge, ergänzten der Grünen-Fraktionsvorsitzende Mathias Wagner und der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Armin Schwarz.

          Neues System werde „noch komplizierter“

          Schwarz betonte, dass mit den Hauptschulen nicht zugleich der Hauptschulabschluss abgeschafft werden solle, dass auch künftig zwischen unterschiedlichen Leistungsfähigkeiten differenziert und eine Nivellierung der Abschlüsse verhindert werden müsse. Die angestrebte gemeinsame Beschulung aller Schüler unterschiedlicher Begabungen und Fähigkeiten über die Grundschulen hinaus löse in der CDU-Fraktion „keine ungeteilte Freude“ aus. Gleichwohl sei die Union zu einem solchen Kompromiss bereit, sofern den Schulen dadurch der über allem stehende Wunsch nach Planungssicherheit und Verlässlichkeit für die nächsten zehn Jahre erfüllt werden könne. Wagner sprach von einem „tragfähigen Kompromiss“, der dazu beitragen könne, die Fronten zwischen dem von der CDU propagierten gegliederten Schulsystem und dem von SPD, Grünen und Linkspartei angestrebten Ziel möglichst langen gemeinsamen Lernens aufzuweichen.

          Der bildungspolitische Sprecher der SPD im Landtag, Degen, nannte es indes einen „Hohn“, eine Veränderung, die allein die echten Hauptschüler betreffe, also lediglich zwei Prozent aller hessischen Schüler, als Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit zu verkaufen. Das bereits extrem zersplitterte hessische Schulsystem würde mit einer neuen Schulform sogar noch komplizierter. Das von Schwarz-Grün forcierte Modell sei zudem kaum eine Veränderung gegenüber den bisherigen verbundenen Haupt- und Realschulen, von denen viele schon heute über eine Förderstufe verfügten.

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