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Klinikleiterin in Groß-Gerau : „Krise muss zu Umdenken führen“

Vorbild:Die Klinik hat ein Drive-in für Corona-Tests eröffnet. Bild: Getty

Liquiditätsengpässe und Insolvenzen fürchten viele Krankenhäuser in der Krise. Die Kreisklinik Groß-Gerau kennt diese Probleme schon länger und muss mit ihnen täglich umgehen. Jetzt könnte sie profitieren.

          3 Min.

          In der Coronavirus-Krise fürchten viele Klinikchefs um die Zukunft ihrer Häuser. Weil sie mit dem Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur Rettung der Krankenhäuser nicht zufrieden sind, der am Mittwoch im Bundestag verabschiedet wurde, hatten einige Geschäftsführer geäußert, dass sie Kurzarbeit, Entlassungen und Insolvenzen fürchten. Kliniken berichten zudem, sie hätten kein Geld für Material. Um die Liquidität zu sichern, wurde mit der AOK nun vereinbart, dass Rechnungen der Häuser innerhalb von fünf statt wie bisher binnen 28 Tagen bezahlt werden sollen.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Kreisklinik Groß-Gerau hat schon im Dezember ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eröffnet. In diesem sollte die Klinik bis zum Sommer in ein regionales intersektorales Gesundheitszentrum umgewandelt werden und Stellen abbauen, um wieder wirtschaftlich arbeiten zu können. Für Geschäftsführerin Erika Raab ist die aktuelle Lage deshalb eine „schizophrene Situation“.

          „Um wirtschaftlich zu arbeiten, müsste eigentlich weiter der Sanierungsplan durchgesetzt werden“, sagte Raab dieser Zeitung. Die Insolvenzsachwalterin habe sie während der Vorbereitungen auf die Pandemie und etwaige Einkäufe schon wegen der Liquidität angeschrieben. Denn wie in allen Krankenhäusern seien auch in Groß-Gerau seit der vergangenen Woche planbare, medizinisch nicht zwingend notwendige Operationen abgesagt worden. Damit fehlten der Klinik Einnahmen.

          „Wir haben keine Bankrücklagen. Insofern ist es für uns wirtschaftlich eine sehr schwierige Situation“, sagte die 46 Jahre alte Insolvenzgeschäftsführerin. Wenn der Landrat des Kreises Groß-Gerau sich nicht eingesetzt hätte, würde es das Krankenhaus gar nicht mehr geben, meint Raab. „Nur die Zuschüsse vom Kreis halten die Klinik noch offen.“

          Raab, die auch Professorin für Medizincontrolling und Vorstandsmitglied der entsprechenden Fachgesellschaft ist, hatte sich am Wochenende schon zu Wort gemeldet und Spahns Gesetzentwurf als „Sterbepaket für kleine Kliniken“ angegriffen. „Eigentlich müssten kleinere Krankenhäuser, um zu überleben, vermeiden, Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise vorzunehmen“, äußerte sie angesichts des zu geringen Ausgleichs der Mehrkosten.

          Raab: „Unser Beruf ist unsere Berufung“

          Dennoch hat Raab mit ihrem Team entschieden, eine „aktive Rolle in der Krise“ zu übernehmen und sich von sofort an vollständig auf die Versorgung von Corona-Kranken zu konzentrieren. „Wir sind Idealisten, unser Beruf ist unsere Berufung“, sagt die Juristin, die seit 2006 für Kliniken arbeitet. Die Rettungsdienste hätten sich zwar über längere Wege und Fahrzeiten beklagt, als sich die Klinik von der klassischen Notfallversorgung abgemeldet habe. „Diese Situation zeigt nun, was auch in dem Fall eintreten würde, wenn es unser Haus nicht mehr gäbe.“ Dann wäre das Krankenhaus in Rüsselsheim die einzige Klinik im Kreis. Die Krise sei nur ein Warnzeichen für die Versorgungssituation, so Raab.

          „Wir sind eines der ersten Häuser, die aufnahmefähig sind für Corona-Fälle“, hebt die Sechsundvierzigjährige hervor. „Das ist der Vorteil eines kleinen Hauses, dass es weniger Abstimmungsbedarf und kürzere Wege gibt.“ Somit konnte die Kreisklinik auch als erstes Krankenhaus in Deutschland einen „Drive-in“ für Corona-Tests eröffnen. Auch eine Fiebersprechstunde für Infizierte biete man an. „Wir machen zurzeit viel ambulant und nehmen die Patienten nur stationär auf, wenn es nötig ist.“ Das entspreche auch dem Plan des intersektionalen Versorgungszentrums.

          Schwächen des Gesundheitssystems werden nun sichtbar

          Ihr Haus sei auch so schnell einsatzfähig gewesen, „weil das qualifizierte Personal da ist“. Sie könne sogar zwei Teams von Mitarbeitern bilden und diese trennen, damit immer eines einsatzbereit bleibe. Dass das Haus noch eine eigene Zentralsterilisation betreibe und die Aufgabe noch nicht an externe Anbieter vergeben habe, sei zurzeit auch von Vorteil. Dabei sei ihr das zuvor immer vorgeworfen worden. „Ich bin im Minus, weil ich ausreichend hochqualifiziertes Fachpersonal habe, darunter langjährig erfahrenes Pflegepersonal, welches laut Tarifvertrag hoch eingestuft ist.“

          In der derzeitigen Lage seien die Schwächen des Gesundheitssystems gut zu erkennen. Raab hofft, dass die Krise zu einem Umdenken führt und man sich fragen wird, ob wirklich alle kleinen Kliniken verzichtbar seien. Noch sei es nicht zu spät, meint sie. „An unserem Haus kann man sehen, dass die Diskussion noch einmal aufgenommen werden muss.“ Vielleicht sei die Krise sogar eine Chance für ein kleines Krankenhaus wie das in Groß-Gerau.

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