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Bistum Limburg und Missbrauch : „Das darf nicht wieder Jahre dauern“

Abschlussbericht: Die Projektstudie des Bistums Limburg will auch Präventionsarbeit leisten. Bild: Wonge Bergmann

Das Bistum Limburg setzt sich aktiv mit sexuellem Missbrauch in der eigenen Institution auseinander. Die dafür initiierte Studie findet weitgehend Lob unter Betroffenen, Laien und Priestern.

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          Der von Sexualverbrechen in der katholischen Kirche betroffene Kai Moritz fordert „eine zeitnahe Umsetzung“ aller 61 Vorschläge zur Missbrauchsprävention, die eine Expertengruppe im Auftrag des Bistums Limburg jüngst vorgestellt hat. „Das muss schnell gehen und darf nicht wieder Jahre dauern, weil das eine neuerliche Verletzung aller Betroffenen bedeuten würde“, sagt der 1976 geborene Schauspieler. Moritz war als Kind und Jugendlicher sieben Jahre lang von seinem priesterlichen Pflegevater im Bistum Limburg sexuell missbraucht worden. Personalverantwortliche vertuschten die Tat, der Täter ist im Ruhestand, ein Strafverfahren gegen den Mann gab es nicht.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Er sehe die Studie „Betroffene hören – Missbrauch verhindern“ zwar durchaus positiv, sagt Moritz. Er habe in der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten aber zu oft erlebt, dass trotz Ankündigungen nichts geschehen sei. „Bei mir bleibt deshalb ein großes Maß an selbstschützender Skepsis.“ Dass die Täter in der Studie aus Gründen des Persönlichkeitsrechts nicht mit Klarnamen benannt würden, sei zwar nicht entscheidend. Die Nennung wäre aber wünschenswert gewesen. „Eigentlich müssten die Täter von der Kirche dazu gebracht werden, sich von sich aus zu ihrer Schuld zu bekennen.“

          „Merkwürdige Form von Aktionismus“

          Vom Aufklärungswillen des Limburger Bischofs Georg Bätzing habe er einen guten Eindruck. „Es bleibt aber abzuwarten, inwiefern dieser gute Wille durchsetzbar ist. Da habe ich Zweifel“, sagt Moritz. Von rein symbolischen Vorschlägen wie der Abschaffung thronartiger Sitze für die Priester in den Kirchen halte er wenig. „Das ist eine merkwürdige Form von Aktionismus.“ Ihm sei wichtig, dass außer der Prävention die Aufarbeitung der Taten im Blick bleibe. Zu der Übergabe der Studie an Bätzing und Ingeborg Schillai, die Präsidentin der Limburger Diözesanversammlung, am Samstag in der Paulskirche in Frankfurt sei er nicht eingeladen gewesen. „Das hat mich gewundert.“

          Marianne Brandt, die Vorsitzende der Stadtversammlung der Frankfurter Katholiken, heißt es gut, dass die Studie die Perspektive der Betroffenen ins Zentrum stelle. Die zusätzliche externe Projektbeobachtung sei überdies sinnvoll gewesen. Dass die Klarnamen der jeweiligen Personalverantwortlichen im Bistum, die weggesehen und vertuscht hätten, in der Studie genannt würden, finde sie richtig. „Sie waren Beteiligte. Wir dürfen nicht die Augen verschließen vor dem, was geschehen ist“, meint Brandt. Für sehr wichtig halte sie es, die nun geplante Implementierung der Vorschläge mit einem transparenten Zeitplan zu versehen, inklusive einer Priorisierung der Teilschritte. „Auch die Zwischenstände müssen immer wieder öffentlich gemacht werden.“

          Der Vorsitzende des Priesterrats im Bistum, Werner Otto, der in einem der neun Teilprojekte mitgearbeitet hat, sagt, er sei „beeindruckt, mit welcher Ernsthaftigkeit und Leidenschaft alle mitgewirkt haben in dem festen Willen: Es muss sich wirklich etwas ändern“. Die 61 Vorschläge der Experten seien allerdings „kein Programm für Monate, sondern für Jahre“, meint der Pfarrer von St. Bonifatius in Frankfurt. Entscheidend ist aus seiner Sicht, „dass nicht nur wieder ein weiteres Papier formuliert wird“. Die Kirche müsse endlich rechtsstaatliche Prinzipien einführen, die Gewaltenteilung ermöglichten. Über die Prominenz der in der Studie namentlich genannten Personalverantwortlichen sei er nicht überrascht. „An welchen Stellen vertuscht worden ist, weiß man im Bistum.“

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