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Eintracht Frankfurt : Wochen der Wahrheit

Wie machen wir es? Steubing (links), Fischer (hinten) und Hellmann (rechts) suchen Ersatz für Bruchhagen. Bild: Wonge Bergmann

Wer wird Nachfolger von Vorstands-Chef Bruchhagen? Im Aufsichtsrat der Eintracht existieren viele Ideen – von diesem Mittwoch an wird geklärt, welche am realistischsten ist.

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          Für die Eintracht hat das neue Pflichtspieljahr mit dem schmeichelhaften Erfolg über Wolfsburg einen guten Anfang genommen. Ihrem Ziel, den Abstieg aus der Bundesliga zu vermeiden, kam das Team dadurch einen kleinen Schritt näher. Was die Zukunft des Klubs betrifft, wird an diesem Mittwoch eine richtungsweisende Entscheidung erwartet. Der Aufsichtsrat der Eintracht Frankfurt Fußball AG trifft sich zu seiner ersten Sitzung 2016, wobei die neun Mitglieder über ein Thema zu beratschlagen haben, das sie allesamt schon länger beschäftigt, nun aber mit höchster Dringlichkeit auf der Tagesordnung ganz oben steht – und für das im bevorstehenden Frühjahr ein Ergebnis erwartet wird. Der Klub braucht demnächst einen Nachfolger für Heribert Bruchhagen. Der 67-Jährige scheidet am 30. Juni aus dem Amt des Vorstandsvorsitzenden aus, für das er seit dem 1. Dezember 2003 die Verantwortung trug.

          Wer ihm nachfolgen soll und dann den Titel „Sport-Vorstand“ trägt, darüber ist sich die Eintracht noch nicht im Klaren. Sie hat Ideen und Vorstellungen, und das Gremium, das seit der Neubesetzung des Aufsichtsrats im vergangenen Juni die Richtung vorgibt und dem ausnahmslos Männer angehören, versucht aktuell, seine vielfältigen Wünsche mit den eigenen Möglichkeiten in Einklang zu bringen.

          Mögliche Kandidaten

          An Mutmaßungen, wer die sportliche Entwicklung der Eintracht fortan mitgestalten könnte, mangelt es seit Wochen nicht. Es existiert eine Kandidatenliste, auf der bis zu sechs Namen stehen sollen, mit denen sich die Kontrolleure bei ihrem nun anberaumten Treffen auseinandersetzen werden: Horst Heldt, der Noch-Sportdirektor des FC Schalke, gehört wohl zu den Aspiranten; auch Jörg Schmadtke, in gleicher Funktion momentan beim 1.FC Köln beschäftigt, Fredi Bobic, im September 2014 als Manager beim VfB Stuttgart entlassen, ist dabei; Christian Nerlinger, ehedem Nationalspieler in Diensten des FC Bayern (dort vorübergehend von Uli Hoeneß auf der Geschäftsstelle gefördert) und jetzt seit 18 Monaten Geschäftsführer von „SAM Sports“, der Sport-Management-Agentur des Fernsehunternehmens ProSiebenSat.1, ebenfalls; genau wie der 42 Jahre alte Max Eberl, der nach seinem Abtritt von der Profi-Bühne bei Borussia Mönchengladbach als Geschäftsführer und Sportdirektor mit erfolgreicher Transferpolitik von sich Reden macht.

          Gleichermaßen ins Anforderungsprofil passt Christoph Metzelder. Der 35-Jährige, der mit Borussia Dortmund und Real Madrid Meister wurde, arbeitet seit drei Jahren als Geschäftsführer bei der Hamburger Sportmarketingagentur Jung von Matt/sports und außerdem als Experte und Co-Kommentator von Sky. Mit dem FC Schalke 04 wurde er Pokalsieger (2011) – und bei den Königsblauen ist er gegenwärtig auch im Gespräch: Fleischfabrikant Clemens Tönnies, der bei dem Revier-Verein das Sagen hat, ließ zuletzt anklingen, dass er sich Metzelder durchaus als Heldt-Ablösung vorstellen könnte, sofern sich der geplante Deal mit dem Mainzer Christian Heidel zerschlagen sollte.

          „Künstliche Aufregung hilft nichts“

          Armin Veh, der Trainer der Eintracht, der auch aus den eigenen Reihen mit dem Vorstandsposten immer wieder in Verbindung gebracht wird, betonte am Wochenende aufs Neue, dass ihn der Posten nicht reize und er „keine Lust mehr“ habe, diesen Standpunkt dauernd wiederholen zu müssen. Wer in Frankfurt das Rennen macht, soll, wenn möglich, noch vor Ostern, feststehen. Wolfgang Steubing, der Aufsichtsratsvorsitzende, ließ aber im Gespräch mit dieser Zeitung auch anklingen, dass die Eintracht bei ihrem Casting keine übertriebene Eile an den Tag legen werde – weil es darauf ankomme, die stimmigste Lösung zu wählen und nicht bloß die schnellstmögliche. Er, Peter Fischer (Vereinspräsident) und Philip Holzer (Vorsitzender des Finanz- und Prüfungsausschusses) bilden den sogenannten Hauptausschuss des Aufsichtsrats. Das Trio wird bei der Zusammenkunft, für die ein Zeitfenster von bis zu sechs Stunden vorgesehen ist, die übrigen Kollegen im Aufsichtsrat mit dem Stand der Dinge vertraut machen: „Es ist unsere Aufgabe, etwas zu präsentieren“, sagte Steubing, „dann erfolgt die Diskussion, und im Anschluss wird ein Mandat benötigt, um Verhandlungen beginnen zu können.“

          Konkreter wollte er sich zum Procedere nicht äußern. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass mit den in Frage kommenden Protagonisten längst Sondierungsgespräche stattgefunden haben, die Erörterungen über etwaige Vertragsbestandteile (Laufzeiten, Gehälter) aber erst im nächsten Schritt folgen. Steubing sagte, dass der bislang geräuschlose Ablauf des Prozesses, bei dem sich anders als bei manchem Mitbewerber alle Beteiligten einer öffentlichen Zurückhaltung verpflichtet fühlten, mache die Aufgabe einfacher: „Es herrscht Einigkeit, dass künstliche Aufregung nichts hilft. Wir müssen die Angelegenheit intern lösen und dann, wenn es geschafft ist, die Lösung präsentieren.“

          Deadline ist Frühlingsbeginn - am liebsten

          Fakt sei, so Steubing weiter, dass „wir nach 13 Jahren mit Heribert Bruchhagen Dinge anders machen werden“. Auch daher sei die Geschäftsordnung des Vorstands modifiziert worden: „So umfassend, wie Heribert Bruchhagen sich um die Sachen gekümmert hat, ist es nicht mehr vorgesehen.“

          Mit anderen Worten: Dass es einen neuen Vorstandsvorsitzenden geben wird, der im Zweifelsfall „einen Stern mehr hat“ (O-Ton Bruchhagen), ist nicht abschließend debattiert. Die Entscheidung darüber obliegt dem Aufsichtsrat. Axel Hellmann (Marketing, Recht, Medien) wird auch künftig dem Vorstand angehören, genauso wie Oliver Frankenbach (Finanzen). Vorstellbar, dass sie – das Einverständnis von Steubing und Co. vorausgesetzt – zusammen mit ihrem noch zu findenden Mitstreiter demnächst einen Vorstandssprecher aus ihrer Mitte wählen.

          Spätestens bis zum Frühlingsbeginn möchte die Eintracht am liebsten auf alle offenen Fragen Antworten gefunden und zugleich den Abstiegskampf gemeistert haben. Dem Klub stehen Wochen der Wahrheit bevor.

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