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Krieg und Kunst : Kiew kommt nach Wiesbaden

Seit 2016 spielen die ukrainischen Künstler mit der Wanderbühne auf Schloss Freudenberg. Diesmal wird es um das gehen, was in ihrer Heimat gerade geschieht. Bild: Vollgraf Fotografie

Soll man Kunst machen oder kämpfen? Sechs ukrainische Schauspieler sind seit langem in Wiesbaden tätig. Nun reisen nur die Frauen zurück aus Kiew, um in Performances vom Krieg zu erzählen.

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          Sie haben es geschafft. Zumindest schon mal raus aus Kiew, nach Polen. Es wird ein langer Weg zurück, in ein anders Leben und auf eine Bühne. Oleksandra Indik, genannt Sasha, 25 Jahre alt, in Kiew ausgebildete Schauspielerin, ist unterwegs in ihr anderes, ihr eigentliches Zuhause, nach Wiesbaden. Zusammen mit ihren Kolleginnen Sofia Baskakova, Diana Baydun und Mira Zhuchkova sitzt sie im Zug. Das Selfie, das sie uns geschickt hat, sieht aus, als wäre alles normal. Vier junge Frauen lächelnd im Zug.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Seit dem 24. Februar aber ist auch ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt. „Es ist hart, nicht nur weil wir alles sehen und hören. Es sind ja viel mehr Gebiete und Städte als Mariupol betroffen. Überall gibt es Tote, Minen, nicht nur die paar Bilder, die ihr seht“, sagt Sasha. „Mein Onkel ist jetzt Soldat, Freunde von mir haben Familienmitglieder verloren, ich persönlich habe drei Personen verloren, die ich kannte. Es gibt niemanden, der nicht vom Krieg betroffen ist.“

          Unterwegs: Oleksandra Indik (rechts vorn im Bild) ist mit Mira Zhuchkova, Diana Baydun, und Sofia Baskakova (im Uhrzeigersinn) auf dem Weg nach Wiesbaden.
          Unterwegs: Oleksandra Indik (rechts vorn im Bild) ist mit Mira Zhuchkova, Diana Baydun, und Sofia Baskakova (im Uhrzeigersinn) auf dem Weg nach Wiesbaden. : Bild: Indik

          Erst vor ein paar Tagen, sagt Sasha, habe sie überhaupt anfangen können, darüber zu sprechen. „Es war sehr schwer für mich. Aber ich muss raus aus meiner Welt und wieder bereit sein, auf der Bühne zur Gesellschaft zu sprechen. Vorher konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, zu spielen.“ Jetzt aber steht ihr Entschluss fest: Vom 6. Mai an wird sie mit der „Wanderbühne“ wieder auf Schloss Freudenberg auftreten, spielen, singen, erzählen, Videos zeigen, sich den Fragen stellen. Es wird, so viel ist gewiss, ganz anders werden als das, was ursprünglich als „Extra“ der Internationalen Maifestspiele Wiesbaden geplant war.

          Ein lebhafter Kulturtransfer

          „Ich fühle, dass es sehr wichtig ist, jetzt dabei zu sein“, sagt Sasha. „Und genau diese Arbeit gibt mir Kraft und Sammlung. Ich habe mir so viele Fragen gestellt. Wie können wir über das sprechen – jetzt? Wie kannst du Kunst machen, wenn du mit dem Tod um dich herum konfrontiert bist? Es ist eine völlig neue Perspektive auf das Kunstmachen.“ Nach Tagen der Starre hat das auch zu Diskussionen unter den Kollegen geführt. Nun wollen die vier Frauen, die sich auf den Weg gemacht haben, zusammen mit den etwas älteren Musikern Anna und Serhiy Okhrimchuk, die derzeit auf Tour in Polen sind, in atemberaubend kurzer Zeit drei Programme erarbeiten: Über die Kunst, die Kultur und das Leben in der Ukraine, wie es ist. Jetzt. „The Diaries of War“ wird einer der drei Abende heißen. Denn der Krieg hat sie alle erfasst.

          Oleksandras Freund Semen Kyssly muss in Kiew bleiben.
          Oleksandras Freund Semen Kyssly muss in Kiew bleiben. : Bild: Indik

          Auch das halbe Dutzend ukrainischer Schauspieler, das seit 2016, Zufälle und die gemeinsame Leidenschaft haben sie zusammengeführt, in wechselnden Konstellationen auf Schloss Freudenberg Theater macht. Der alternative Kunst- und Kreativort, das von Beatrice und Matthias Schenk vor gut 30 Jahren gegründete „Erfahrungsfeld“, ist eine künstlerische Heimat geworden. Was mit der Tochter der Gründer, Katharina Schenk, 36, selbst Schauspielerin und Regisseurin und mittlerweile Leiterin auf Freudenberg, zu tun hat.

          Katharina Schenk von Schloss Freudenberg setzt alle Hebel in Bewegung, um auch Semen Kyssly die Ausreise zu ermöglichen.
          Katharina Schenk von Schloss Freudenberg setzt alle Hebel in Bewegung, um auch Semen Kyssly die Ausreise zu ermöglichen. : Bild: Wolfgang Schmidt


          Seit Schenk 2015 das erste Mal in der Ukraine gewesen ist, um mit einem Austauschprogramm der European Theatre Convention dort als Regisseurin mit jungen Schauspielstudenten zu arbeiten, darunter auch Sasha und Sam, ist ein enges Band entstanden, eine Liebesgeschichte. Ein lebhafter Kulturtransfer zwischen der lebendigen Kiewer Theaterszene, wo die in Wiesbaden erarbeiteten Produktionen dann gezeigt wurden, und dem Schloss. „Die Ukraine ist immer in unseren Performances, wie singen auf ukrainisch, wir kochen ukrainisch“, sagt Schenk. Auch die Pandemie haben sie, teilweise mit abenteuerlichen transeuropäischen Autofahrten, gemeinsam gemeistert.

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