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Tunisreise : Am Anfang war der Teppich

  • -Aktualisiert am

Als wär’s ein Bild von Klee: tunesischer Teppich Bild: Cornelia Lütkemeier

Vor hundert Jahren reisten August Macke, Paul Klee und Louis Moilliet nach Tunesien. In Europa schrieb ihre Studienfahrt Kunstgeschichte. In Tunesien werden die drei gerade erst entdeckt.

          Sie müssen die Ruhe weggehabt haben - August Macke, Paul Klee und Louis Moillet, als sie vor hundert Jahren in der Altstadt von Tunis skizzierten und aquarellierten. Zumindest, falls die Medina auch 1914 solch ein Gewimmel war wie heute. Stehenzubleiben ist gar nicht so einfach: Wie ein Strom trägt uns die dichte Menge durch die engen, auf- und absteigenden Gassen der Souks. Alle paar Minuten machen wir Handkarren Platz, die sich rumpelnd ihren Weg durch die vielen Menschen bahnen.

          Wohlgerüche für die Nase

          Links und rechts locken Geschäfte mit leuchtend bunten Kelims und Kaftanen, gemusterter Keramik, glitzerndem Schmuck und zu Pyramiden gestapeltem türkischen Honig. Das Murmeln von Stimmen liegt in der Luft, es duftet nach Weihrauch, Gewürzen und Jasmin. Staunend verlieren sich unsere Blicke unter gestreiften Baldachinen, wir bewundern geschwungene maurische Torbögen, koloniale Fassaden, kleine Seitengassen, versteckte Hauseingänge und Obsthändler, die sich hinter Orangen, Zitronen oder Äpfeln verschanzen. Wo genau die Maler vor hundert Jahren wohl innegehalten haben mögen, um ihre Zeichnungen und Aquarelle anzufertigen? Wir können nur raten - Hinweise auf das Schaffen der drei Künstler findet man in Tunis auch im Jubliäumsjahr ihrer Reise nicht.

          Färbemittel oder Gewürz: Tunesische Märkte sind zu bunt, um alles zu begreifen.

          Dafür könnte die Auswahl manches Teppichhändlers als kleine Klee-Ausstellung durchgehen: Dort erinnert das bunte geometrische Muster an dessen abstrakte, in Rechtecke zerwirkte Bilder. Und die stilisierten Kamele mit ihren aus Dreiecken geformten Körpern, die Fische, Vögel und Pflanzenornamente finden sich ganz ähnlich auf seinen Aquarellen und Skizzen.

          Farben fürs Auge

          Die tunesische Glasbläserin, Designerin und Galeristin Sadika Kekses könnte stundenlang solche Vergleiche anstellen. Sie sammelt seit dreißig Jahren Berberteppiche, die meisten zwischen siebzig und hundert Jahren alt. In ihrem Haus am Stadtrand von Tunis zeigt sie zum Jubiläum der Künstlerreise einige ihrer Schätze und stellt sie Reproduktionen von Klee-Gemälden gegenüber. Gefaltet und gerahmt wirken die Kamelhaarteppiche mit ihren abstrakten Mustern wie moderne Kunstwerke. „Paul Klee hat Teppiche, wie ich sie hier zeige, während seiner Reise bestimmt immer wieder gesehen und sich davon anregen lassen“, ist Sadika Kekses überzeugt. „In Kairouan formulierte er ja den berühmten Satz: ,Die Farbe hat mich.‘ Wenn man aber nach Kairouan fährt, sieht man, dass die Landschaft von Braun und Beige dominiert ist. Die Farbe hat ihn darum wohl vor allem über die Textilien beeinflusst.“

          Neben den alten Teppichen sind in der Galerie auch neue zu sehen, die tatsächlich nach Vorlagen von Klee-Gemälden gewebt wurden. Sadika Kekses hat sie bei Frauen aus Foussana in Auftrag gegeben, einem kleinen Ort nahe der algerischen Grenze. Mit ihrem Projekt „Frauen, zeigt eure Muskeln“ möchte sie das traditionelle Handwerk in der verarmten Region wiederbeleben und den Frauen eine neue Einkommensgrundlage schaffen. Dafür organisiert sie Workshops, stellt Material zur Verfügung und kümmert sich um den Vertrieb der Arbeiten.

          Muster für die Seele

          „Im vergangenen Herbst habe ich den Frauen zum ersten Mal Bilder von Paul Klee gezeigt“, erzählt sie, „als Vorlage für die Teppiche.“ Sie war erstaunt, wie viel sie auf den ersten Blick damit anfangen konnten: „Sie haben direkt über die passenden Webtechniken gesprochen. Dabei haben sie Wörter aus der Berbersprache gebraucht.“ Für sie der schönste Beleg dafür, wie sehr es Klee in seinen Arbeiten gelungen ist, die tunesische Seele einzufangen.

          Sadika Kekses ist nicht die einzige tunesische Galeristin, die ins Schwärmen gerät, wenn sie über Paul Klee spricht. Etwa zwanzig Kilometer nordöstlich von Tunis liegt das malerische Küstenstädtchen Sidi-Bou-Saïd, das schon im neunzehnten Jahrhundert viele Künstler anzog. Hier betreibt Aïcha Gorgi seit 1988 ihre Galerie für zeitgenössische tunesische Kunst. Wir sitzen draußen vor dem Ausstellungsraum, in einem kleinen, weiß gefliesten Hof. Aïcha Gorgi hat auf einer geschwungenen Bank aus dunklem Holz Platz genommen. Klee? Ihre Augen strahlen. „Dieser Blick für Details! Er hat mir beigebracht, mein eigenes Land genauer zu betrachten. Und Macke. Wie der mit Licht umgeht!“

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