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Süßwassersee in Südamerika : Am Titicacasee stinkt es

Fischfang ist eine Lebensgrundlage für Uferbewohner am Titicacasee – doch viele Fischarten sind bereits verschwunden. Bild: dpa

Der Titicacasee ist ein wichtiges Trinkwasserreservoir und Lebensgrundlage für die Uferbewohner. Doch es bahnt sich eine Katastrophe an: Der See ist von Abwässern und dem Klimawandel bedroht – und von Kriminalität.

          3 Min.

          Es stinkt am Titicacasee. Und das schon seit geraumer Zeit. Die Ursachen sind offensichtlich: Der mit einer Fläche von über 8000 Quadratkilometern größte Süßwassersee Südamerikas im Andenhochland zwischen Bolivien und Peru leidet unter dem Bevölkerungsdruck. Die Städte in seinem Einzugsgebiet, darunter Puno und Juliaca in Peru sowie El Alto in Bolivien, sind rasant gewachsen.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Ein großer Teil der Abwässer aus diesen Städten fließt ungeklärt in den riesigen See. Zweieinhalb Kubikmeter sind es pro Sekunde. Hinzu kommen Rückstände aus der Landwirtschaft und dem illegalen Bergbau in der Region, in der es Tausende Minen gibt. Viele Fischarten sind bereits verschwunden, was auch die Lebensgrundlage der Uferbewohner und des indigenen Volkes der Uru bedroht, die vom Fischfang leben. Gleichzeitig ist der See auch ein wichtiges Trinkwasser-Reservoir für die Region.

          Schon seit Jahren schlagen Wissenschaftler und Aktivisten Alarm. Die Regierungen der beiden Länder haben in der Vergangenheit wiederholt Maßnahmen wie den Bau von Kläranlagen und eine Einschränkung der Bergbautätigkeit versprochen. Doch getan hat sich wenig. Der Zustand des Gewässers hat sich nicht wesentlich verbessert. Der Biologe Dr. Thomas Schaefer, der bei der internationalen Umweltstiftung Global Nature Fund die Bereiche Naturschutz und das von ihr koordinierte globale Seen-Netzwerk Living Lakes leitet, spricht von „einer sich anbahnenden ökologischen Katastrophe“.

          Der Regenmangel verschärft das Problem

          Die Bedeutung des Gewässers für die Menschen, die mit und von ihm leben, und seine ökologische Ausbeutung stünden in einem „besonders eklatanten Missverhältnis“. Zum heutigen Welttag der Feuchtgebiete haben der Global Nature Fund und Living Lakes dem Titicacasee den traurigen Titel „Bedrohter See des Jahres“ verliehen, den er schon 2012 erhalten hatte. Die Umweltstiftung setzt sich gemeinsam mit lokalen Partnern für eine Sensibilisierung der Bevölkerung sowie der Behörden in Peru und Bolivien ein, um Maßnahmen zum Schutz des Sees einzuleiten.

          Müll bedeckt das Ufer des Titicacasees bei Coata, Peru.
          Müll bedeckt das Ufer des Titicacasees bei Coata, Peru. : Bild: dpa

          Doch nicht nur die Abwässer bedrohen den Titicacasee. Als Folge des Regenmangels im Andenhochland ist der Pegel des Sees in den vergangenen Monaten um 97 Zentimeter gesunken, wie der Nationale Dienst für Meteorologie und Hydrologie Boliviens (Senamhi) am Dienstag meldete. In verschiedenen Ortschaften hat der Rückgang Hafendocks trockengelegt, die normalerweise zum Einschiffen von Booten verwendet werden. Zudem hat der Pegelrückgang am höchsten schiffbaren See der Welt direkte Auswirkungen auf die Wasserfauna sowie die um diesen See angesiedelten Vogelpopulationen.

          Schon in vergangenen Jahren wurde die Region von Dürren heimgesucht, die sich auf den Pegelstand des Titicacasees auswirkten. Der derzeitige Rückgang ist jedoch einer der extremsten seit dem Messbeginn 1981. Wissenschaftler in Bolivien und Peru führen die Dürre im Andenhochland auf die globale Erwärmung und den Klimawandel zurück.

          Vom Drogenschmuggel bis zum Handel mit Fröschen

          Eine ganz andere Bedrohung lässt sich weder sehen noch riechen: das organisierte Verbrechen. Der See und die Region werden seit geraumer Zeit von verschiedenen kriminellen Aktivitäten überschattet, die vom Drogenschmuggel bis hin zum Handel mit Fröschen reichen. Laut Recherchen der bolivianischen Zeitung „El Deber“ dienen verschiedene illegale Docks rund um den See als Knotenpunkte für den Schmuggel von Kokain und Koka-Basispaste. In der Gemeinde Desaguadero beispielsweise wurden im vergangenen Jahr mehrmals kleinere Kokainlieferungen von bis zu 30 Kilogramm beschlagnahmt.

          Ein Boot transportiert einen Lastwagen über den Titicacasee.
          Ein Boot transportiert einen Lastwagen über den Titicacasee. : Bild: dpa

          Das Rauschgift und die Rohstoffe werden von Peru nach Bolivien geschmuggelt, wo sie einen höheren Preis erzielen. Auch Lebensmittel werden von Peru nach Bolivien geschmuggelt, während Kraftstoffe aller Art illegal in die andere Richtung fließen. Bekannt ist auch die Präsenz von lokalen Menschenschmuggel-Ringen, die zumeist minderjährige Frauen aus Bolivien nach Peru schleusen, wo sie oft zur sexuellen Ausbeutung in illegale Minen gebracht werden.

          Ein einzigartiges Phänomen ist der Handel mit dem sogenannten Titicaca-Riesenfrosch, einer Art, die auf der Liste der gefährdeten Arten steht und in Peru gesetzlich geschützt ist. Lokalen Medienberichten zufolge wird der Frosch jedoch in ganz Peru für die Zubereitung von Brühen, Mixturen und Extrakten verwendet, da ihm medizinische Eigenschaften zugeschrieben werden. Im vergangenen Mai wurde in Peru ein Lastwagen mit 1750 in Holzkisten gepferchten Riesenfröschen auf dem Weg nach Lima beschlagnahmt.

          Auch die Fischpopulationen im Titicacasee sind nicht allein durch die Verschmutzung gefährdet. Fischer ignorieren saisonale Fangverbote, um die kontinuierlich schrumpfenden Bestände auszubeuten. Der Titicacasee, der als die Wiege des Inkareiches gilt, befindet sich gleich in mehreren Teufelskreisen.

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