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Tierschutz : Schluss für Affen und Giraffen?

Tanzende Elefanten im Zirkus könnten bald der Vergangenheit angehören Bild: dapd

Der Bundesrat ist für ein Wildtierverbot in Zirkussen. Zirkusdirektoren sehen darin das Ende des Manege-Lebens.

          Deutschlands größter Zirkus, der Münchner Zirkus Krone, sei einer der am meisten kontrollierten Tierhaltungsbetriebe der Welt, sagt Krone-Sprecher Frank Keller. In allen 28 Städten, in denen sein Unternehmen in diesem Jahr gastiert habe, sei der Tierbestand von einem Amtsarzt überprüft worden. Doch diese Kontrollen hält der Bundesrat nicht für ausreichend. In einer am Freitag verabschiedeten Entschließung forderte er das Verbot der Haltung einer Reihe von Wildtieren in den fahrenden Betrieben, da diese nicht für eine artgerechte Unterbringung sorgen könnten. Damit folgte der Bundesrat einer Empfehlung des Agrarausschusses. Das "Manege frei" für endlos lange Giraffenbeine und watschelnde Flusspferde auf den Sägespänen unter der Zirkuskuppel könnte also bald der Vergangenheit angehören.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Verbot soll neben Giraffen und Flusspferden vorerst für Affen, Elefanten, Großbären und Nashörner gelten. Die Liste der Tiere, deren Haltung grundsätzlich verboten sein soll, soll aber offen bleiben, um im Bedarfsfall ergänzt werden zu können. Genau eine solche Ausweitung des Gesetzes befürchtet man bei den Zirkussen. "Erst verbieten sie Elefanten, danach Löwen und Tiger, anschließend Pferde - und dann ist der Zirkus tot", sagte Zirkusdirektor Sascha Melnjak vom Zirkus Charles Knie. In den vergangenen Jahren mussten schon einige bekannte Zirkusse ihre Zelte schließen, etwa der Zirkus Barum. Nach Angaben Frank Kellers werden in deutschen Zirkussen ohnehin gerade einmal noch zwei Nashörner und 20 Elefanten gehalten.

          Keine artgerechte Haltung

          Nach der Entschließung des Bundesrates ist nun die Bundesregierung am Zug. Sie muss entscheiden, ob das Verbot ausgesprochen wird. Für Tierschützer ist ein solches Verbot längst überfällig. Sie kritisieren immer wieder die angeblich schlechten Lebensumstände von Zirkustieren. Den Tieren fehle es an ausreichend Auslauf und großen artgerecht ausgestatteten Gehegen. Außerdem litten sie unter den vielen Transporten. Keller weist diese Vorwürfe zurück und hält ein Verbot von Wildtieren in der Manege für abwegig und überflüssig. Deutschland habe ein hervorragendes Tierschutzgesetz, sagte er. Wer exotische Tiere halte, müsse eine Art Führerschein machen. Verstoße jemand gegen die gesetzlich für jede Tierart festgelegten Leitlinien, werde ihm das Halten solcher Tiere untersagt.

          Der Berufsverband der Tierlehrer weist die Vorwürfe ebenfalls zurück und stellt in einem Hintergrundschreiben die Frage, warum der Zoo etwas darf, was dem Zirkus verboten werden soll. Es sei auf nachprüfbarer gesetzlicher Ebene widerlegt, dass den Tieren im Zirkus weniger Platz zur Verfügung stehe als im Zoo. Außerdem sei wissenschaftlich erwiesen, dass der Transport für Zirkustiere weder Leid noch Stress bedeute. Daneben verweisen Zirkussprecher immer wieder darauf, dass die vorgeführten Kunststückchen natürlichen Verhaltensweisen der Tiere entsprächen.

          Noch nicht am Ziel: Tierschützerin vor dem Bundesrat

          Schon 2003 hatte der Bundesrat einen Anlauf für ein Verbot von Wildtieren gemacht. Damals sah die Bundesregierung in einem Verbot aber einen verfassungswidrigen Eingriff. Ein Verbot berühre die Berufsfreiheit der Dompteure und auch die Eigentumsrechte der Zirkusunternehmen, hieß es damals. Das sehen die Länder anderes: Das Kulturgut Zirkus gehe nicht unter, wenn einige exotische Tierarten nicht mehr in die Manege dürften.

          Bislang war das Bundeslandwirtschaftsministerium gegenüber einem Verbot von Wildtieren zurückhaltend. Ein Sprecher der zuständigen Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner sagte allerdings, dass ein Verbot bestimmter Wildtiere für den Fall geprüft werde, dass eine tierschutzgerechte Haltung in Zirkussen nicht möglich sei und bisherige Maßnahmen wie das 2008 eingeführte Zirkusregister nicht ausreichten. In dem Register sind die rund 250 Zirkusbetriebe gelistet. "Dazu kann in letzter Konsequenz auch ein Verbot bestimmter Wildtiere gehören", sagte der Sprecher. Auch Juristen messen dem Zirkusregister eine entscheidende Rolle zu. Sie argumentieren, dass ein Verbot verfassungsrechtlich nur möglich wäre, wenn das Zirkusregister als "milderes Mittel" keine Wirkung zeigt.

          Keller hingegen bleibt dabei, dass ein solches Gesetz schlicht verfassungswidrig sei. Es könne durchaus einige schwarze Schafe in der Branche geben, sagt er. In diesen Fällen sei es Aufgabe der Behörden einzuschreiten. Das rechtliche Instrumentarium sei längst vorhanden. Auch Sascha Melnjak hält ein Verbot für verfassungswidrig. Ein Wildtierverbot bedrohe die Existenz des Zirkus Charles Knie. Zwar habe sein Unternehmen keine eigenen Elefanten oder Nashörner im Bestand. Aber man engagiere immer wieder einmal Elefanten- oder Raubtiernummern. Das Programm sei stark auf Tierdressuren aufgebaut. Bei allen 46 amtlichen Kontrollen in diesem Jahr bei seinem Zirkus habe es keine nennenswerten Beanstandungen gegeben.

          Melnjak rät dem Gesetzgeber, sich weniger um die Zirkustiere Sorgen zu machen als um die Tiere in der Massentierhaltung oder in Privatwohnungen. Sollte es diesmal endgültig heißen "Vorhang zu für tanzende Bären und Elefanten" und die Bundesregierung das Verbot verhängen, werden die Tiere den Zirkusbetreibern aber nicht sofort weggenommen. Es solle eine Übergangsfrist geben, heißt es in der Entschließung. Den Zirkussen wird es nicht viel helfen.

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