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Stierkampf in Spanien : Langsam stirbt der Tod am Nachmittag

  • -Aktualisiert am

Der Matador Jose Antonio Ruiz bei einem Stierkampf in Sevilla Bild: Reuters

Spaniens nationale Fiesta war die längste Zeit eine Wachstumsindustrie – die Jugend geht nicht mehr zum Stierkampf. Auch, weil die Tradition schlicht nicht mehr das ist, was sie über die Jahrhunderte war: eine Sache des Volkes.

          Einmal noch, am Ostersonntag, schien die Welt des Stierkampfs in Ordnung. In der „Maestranza“ zu Sevilla, der Kathedrale der Tauromachie, hing am Kartenschalter das Schild „ausverkauft“. Drinnen hörte das Publikum die ersten Paso-doble-Klänge, sah die Rauchschwaden aus hundert Havannas aufsteigen und erhob sich wie ein Mann, als Juan Antonio Ruiz, genannt „Espartaco“, das Rund betrat.

          Grau war das straff zurückgekämmte Haar des 52 Jahre alten Toreros, der sich nach vierzehn Jahren Pause wegen einer Verletzung doch noch ein letztes Mal der Gefahr aussetzen wollte. Sein Schüler Borja Jiménez, der vom Neuling (Novillero) zum Meister (Matador) aufsteigen wollte, hatte den Lehrer für diese Zeremonie an seine Seite gebeten.

          Obwohl die Stiere, wie so oft im gegenwärtigen Spanien, ihnen mit knieweicher Kraftlosigkeit den Auftritt etwas verdarben, waren die „Aficionados“ auf Triumph eingestimmt. Für „Spartakus“ – er stammt aus einer Gemeinde namens Espartinas in Andalusien – und seinen Zögling wurden schließlich ausreichend Ohren abgeschnitten. Und weil es das erklärte Ende der Karriere des Grauhaarigen war, schnitten dessen Sohn und Vater ihm gemeinsam das kennzeichnende Zöpfchen (Coleta) der Zunft ab, bevor er auf den Schultern seiner Getreuen durch das Große Tor (Puerta Grande) aus der Arena getragen wurde.

          Zunehmende Gleichgültigkeit bei jungen Spaniern

          Ist also alles gut bei dieser spanischsten aller spanischen Traditionen? Fernándo Sánchez Dragó, ein Buchautor und Journalist, der in der „Maestranza“ eine Hommage an Espartaco und den Stierkampf ausbrachte, sprach von der Corrida gar als einem „Sakrament“. Über den Torero als Prototypen sagte er: „Wenn er den Stier besiegt, lehrt er uns zu leben.“ Aber in Wirklichkeit stirbt der Stierkampf in Spanien eines langsamen Todes. Das archaische Schauspiel, das in Zeiten vor den Katholischen Königen zurückreicht und von Philipp II., der kein großer Enthusiast war, dennoch gegen eine Bannbulle des Papstes Sixtus V. verteidigt wurde, ist in ernster Gefahr, an der Gleichgültigkeit einer neuen Generation junger Spanier zu scheitern.

          Die Osterzeit markiert immer den Beginn der Saison. Bei den „Fallas“ von Valencia sah man in der Arena, wie die Spanier sagen, „schon viel Zement“. Da waren also reichlich Plätze frei. Würden Touristen sie nicht wie Eintagsfliegen noch einigermaßen füllen, das Geschäft wackelte vielerorts an der Küste schon. Im Frühling und Sommer kommen dann Sevilla und Madrid, wo der gefühlig patriotische Geist der Stierkampfleidenschaft am längsten zu überdauern verspricht. Bei den Sanfermines im Juli in Pamplona geht es wiederum weniger um Stiere als um eine heitere, ausgelassene Fiesta. Und wenn die Saison im Herbst in Saragossa endet, wird auch in diesem Jahr wieder mit gemischten Gefühlen Bilanz gezogen werden müssen.

          Die Zahlen des Kulturministeriums deuten unerbittlich auf einen Niedergang des von Ernest Hemingway einst in seinem Buch „Tod am Nachmittag“ emotional propagierten Unternehmens, das sogar der wilde Westgotenkönig Sisebuto schon mit gemischten Gefühlen sah, weil ihm der Bischof von Barcelona bei dem Anblick der Stiere immer ganz aus dem Häuschen zu geraten schien. Inzwischen ist der Stierkampf – weniger aus tierschützerischen, sondern vor allem aus politisch-separatistischen Gründen – in Katalonien verboten worden. Auch der atlantische Touristen-Archipel der Kanaren hat ihn untersagt. Im Baskenland, wo sonst alles „Spanische“ tabu ist, ist die Corrida hingegen noch ziemlich lebendig. Aber auch dort wie im übrigen Spanien gehen die Gewinnzahlen und die der Besucher merklich zurück. Die Wirtschaftskrise, das Desinteresse der fußballorientierten Jugend, die andauernden Proteste grüner Tierfreunde und die Regionalnationalismen machen dem Stierkampf zu schaffen, und seine Instrumentalisierung durch die Politik hat ihm mehr geschadet als genutzt.

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