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Verlorener Ehering : Ein Ding, sie alle zu finden

Gefunden: Einige schwarze Flecken zeugen noch vom Missgeschick. Bild: Dieter Rüchel

Was bloß tun, wenn der Ring, der eigentlich ein Leben lang dranbleiben sollte, schon kurz nach der Hochzeit beim Baden vom Finger rutscht? Auftragssucher wissen weiter.

          Als es endlich bimmelt, ist die Hoffnung schon tief gesunken. Mindestens so tief wie der Ehering. Wo der Cospudener See in der Nähe von Leipzig ungefähr bis zur Schulter geht, also ziemlich weit draußen, muss das kleine Ding irgendwo auf dem Grund liegen. Alle eigenen Tauchgänge waren vergebens, jetzt muss ein Fachmann ran: Zweieinhalb Stunden lang ist Sven Ogrissek schon mit seinem Metalldetektor auf- und abgegangen. Zentimeter um Zentimeter hat er den Boden des Sees abgesucht, wo irgendwo in der trüben Dunkelheit zwischen Schlick, dichten Algen und Steinen der Ring liegen muss.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie mit einem Besen feudelt Sven mit dem Sensor den Boden ab, hin und her, den zu kurzen Stiel immer wieder von links nach rechts schwenkend. Das Wasser geht ihm dabei bis zur Brust, manchmal bis zum Hals.

          Sven ist etwas kleiner als der Trottel, der drei Wochen nach der Hochzeit seinen Ehering verloren hat. Genau kann der Trottel sich nicht mehr erinnern, wo der Ring vom Finger gerutscht ist. Nach zweieinhalb Stunden Suche dann das, was wir später das Wunder von Leipzig nennen werden. „Es bimmelt“, ruft Sven und macht es noch einmal spannend. „Erst mal eine rauchen“, sagt er, markiert die Stelle mit einer Metallreuse und watet zurück ans Ufer.

          Auf Tauchgang: Sven Ogrissek mit einem Metalldetektor im Cospudener See

          Es gibt ziemlich viele Geschichten über verlorene Ringe. Unnötige wie die vom Hudson River, wo eine Verlobte in einem Wutanfall ihren Ring ins Wasser schleudert, um sich später, nach der Versöhnung, umso mehr zu ärgern. Gut ausgehende wie die des Kollegen, der seinen Ehering verliert, als er das Auto vom Schnee befreien will. Säckeweise trägt er später den Schnee vom Parkplatz ins Haus und siebt ihn auf dem Balkon. Im folgenden Frühjahr taucht der Ring in einer schmalen Steinritze von selbst wieder auf. Aber wenige Geschichten sind so dämlich wie die des Mannes, der, weil er nicht weiß, dass Finger im kalten Wasser schrumpfen, beim Baden im Cospudener See nach nur drei Wochen an der Hand den Ring verliert, der eigentlich ein Leben lang dranbleiben sollte. Er taucht und schnorchelt stundenlang, tagelang, vergeblich.

          „Ring verloren“: Google weiß weiter und führt, über Umwege, zu den Auftragssuchern. Wer ein Rezept für gute Laune sucht, sollte einmal auf deren Internetseite vorbeischauen. Dort stehen in der Rubrik „Galerie der Ringfunde“ 35 Amateurfotos. Glückliche Menschen vor dem Hintergrund ihrer Schusseligkeit: strahlend vor dem Maisfeld, erleichtert auf dem Spielplatz, zufrieden im Schnee. Die Auftragssucher sind Technikfreaks und Sondengänger, die mit Metalldetektoren nicht nur nach alten Familienschätzen und römischen Münzen fahnden, sondern auch auf Ringsuche gehen.

          Wie findet man einen winzigen Ring im riesigen See?

          In Deutschland gibt es Hunderte solcher Schatzsucher, in jeder größeren Stadt sitzt mindestens einer. Die Statistik macht Mut: 192 Ringe haben sie schon gesucht, 133 gefunden.

          Die Deutschland-Karte auf der Homepage ist mit Wimpeln übersät, hinter jedem verbirgt sich ein Schatzsucher. Diese Karte führt zu Sven, er wohnt keine zehn Minuten vom Cospudener See entfernt. Sven Ogrissek ist eigentlich Metallbauer, aber in der Freizeit wird er zum Spürhund. Im Neoprenanzug, den Metalldetektor in der Hand, steht er am Ufer des Baggersees. Sven sächselt leicht und raucht wie ein Schlot. „Das kriegen wir schon hin“, sagt er. Fünf Ringe hat er bisher gesucht, vier gefunden. Aber noch nie unter Wasser.

          Wie findet man einen winzigen Ring in einem riesigen See? Zumal, wenn an dessen Grund auch andere Metalle, Anglerblei zum Beispiel, liegen? Jedes Metall hat einen Leitwert. Damit der Metalldetektor nicht bei jedem Kronkorken ausschlägt, misst Sven vorher diesen Wert. Dazu muss das Gegenstück zu dem verlorenen Ring ins Wasser, besser nur ins seichte. Es piept, wenn Sven mit dem Detektor über den zweiten Ring fährt, das notdürftig abgedichtete Display zeigt eine Zahl an. „Glasklare 67“, sagt Sven zufrieden.

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