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Image-Projekt Berlin-Marzahn : „Aus sozialem Brennpunkt sozialen Klebstoff machen“

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So soll er am Ende aussehen: Der Marzahn-Schriftzug hoch oben auf den Ahrensfelder Bergen. Bild: dpa

Schon bald soll ein riesiger Marzahn-Schriftzug über das Plattenmeer von Berlin-Marzahn ragen. Ganz im Stile Hollywoods.

          Frau Köber und Frau Mühlberg, Sie planen ein Wahrzeichen im Stile Hollywoods, einen Schriftzug mit großen Lettern – in Berlin-Marzahn. Wieso?

          Köber: Wir wollen Menschen in den Stadtteil holen, Berliner und Touristen. Sie anregen, Marzahn nicht nur von außen zu betrachten, sondern auch von innen.

          Weg aus den Szenevierteln und hinein in den sozialen Brennpunkt?

          Köber: Marzahn ist ein Ort, der viele Gegensätze aufweist, Dichte und Freiheit, Armut und Reichtum, aber vor allem auch Klischee und Wirklichkeit.

          Das heißt, der üble Ruf ist unberechtigt?

          Köber: Jein. Wir sind in Marzahn groß geworden und kennen die Innenperspektive, die besten Verstecke und Geheimwege, die spannenden Seiten. Die Platte war ein Paradies für uns. Doch alles, was die Außenwelt begreift, ist von innen auch sichtbar. Die stereotypen Mandys, ohne Arbeit und Perspektive. Die Hochhäuser. Und übergewichtig sind manche Marzahner tatsächlich auch. Doch gibt es diese Probleme nicht in jedem Stadtteil?

          Zum Beispiel in Hollywood? Dort prangt ja auch ein solcher Schriftzug.

          Köber: Ganz nach dem Motto „mehr Schein als Sein“. Wieso also kein M-A-R-Z-A-H-N am Rande der Hochhauswüste? Wie man Vorurteilen trotzt, das haben wir Marzahner schon früh gelernt. In der Komik liegt das Geheimnis.

          Die Künstlerinnen Nicole Mühlberg und Karoline Küber sind im Plattenmeer groß geworden. Heute setzen sie sich für das Image ihrer Heimat ein.

          Wie dürfen sich die Marzahner ihr zukünftiges Wahrzeichen vorstellen?

          Mühlberg: Selbstironisch.

          Und wie genau wird es aussehen?

          Mühlberg: Gewaltige Buchstaben sollen es werden, aus Blechpaneelen, jeweils zwölf Meter hoch. Ein Stahlgerüst wird die Konstruktion tragen. Robert Kahlow, ein befreundeter Architekt, hat sie entworfen. Ob sich unser Projekt in dieser Dimension umsetzen lässt, wird sich zeigen. Das letzte Wort hat schließlich das Bauamt, wir warten auf die Genehmigung.

          Und die Farbe? Grellpink, ganz im Stile von „Cindy aus Marzahn“?

          Köber: Auf keinen Fall. Schlicht und elegant. Vielleicht elfenbeinweiß. Wir gehen in den Baumarkt und lassen uns die schönsten Weißtöne zeigen.

          Das Projekt finanzieren Sie durch Sponsoren – und Buchstabenpaten. Wer kommt dafür in Frage?

          Köber: Jeder, der dazu beigetragen möchte, dass Marzahn weiter Marzahn heißt und nicht etwa Arzahn. Ganz egal ob Marzahner oder Nicht-Marzahner, denn der Schriftzug wird auch vom Fernsehturm zu sehen sein. Das „M“ ist bereits reserviert, und auch für das „Z“ haben wir Interessenten.

          Wie teuer ist eine Patenschaft?

          Mühlberg: Von Buchstabe zu Buchstabe unterschiedlich, je nach Größe und Material, aber alle im unteren fünfstelligen Bereich. Die Namen der Paten werden auf dem jeweiligen Buchstaben verewigt.

          Tausende Euro sind viel!

          Mühlberg: Die Kosten müssen nicht von einem Paten alleine getragen werden, auch Einrichtungen, Vereine oder Nachbarn gemeinsam können eine Patenschaft übernehmen. Einen Zusammenschluss begrüßen wir sogar, weil sich dann noch mehr Menschen mit dem Stadtteil identifizieren.

          Köber: Es gibt ja ohnehin weniger Buchstaben als Marzahner. Auch kleine Spenden helfen dabei, das Projekt zu verwirklichen, wir freuen uns über jeden Betrag.

          Was sagen die Bewohner? Empfindet niemand das Hollywood-Imitat als Spott?

          Mühlberg: Eher als selbstbewusst. Die Rückmeldungen aus dem Stadtteil sind überwiegend positiv. Die meisten Bewohner wünschen sich eben mehr Präsenz für ihr Marzahn. Auf der Meinungsseite unseres Internetauftritts kann jeder Kritik und Anregungen loswerden.

          Der Bezirk ist groß, mehr als 250.000 Menschen haben ihr Zuhause im Plattenmeer. Wo wird das Wahrzeichen errichtet, etwa auf einem Dach?

          Mühlberg: Nein, in den Marzahn Hills.

          Die Marzahn Hills?

          Mühlberg: Sie liegen nahe der Hochhaussiedlung, bilden die Grenze zwischen Ost-Berlin und Brandenburg und bestehen aus Schutt: die Ahrensfelder Berge. Kaum ein Berliner weiß, welch schöner Ausflugsort das ist. Und selbst wir, waschechte Marzahner, staunen jedes Mal, wenn wir dort oben stehen und bis weit nach Mitte blicken können. Doch gigantisch ist vor allem die Sicht auf Marzahn selbst.

          Die Sicht von den Ahrensfelder Bergen reicht bis nach Berlin-Mitte.

          Warum?

          Köber: Es sprüht geradezu vor Grün. Seit dem Stadtumbau Ost ist das Viertel viel bewachsener als noch in den neunziger Jahren. Mit Konzepten des Rückbaus wie den Ahrensfelder Terrassen oder der farbigen Neugestaltung der Fassaden hat man die Tristesse besiegt. Die Betonriesen sind nicht mehr grau, sondern bunt. Gibt es eine bessere Kulisse für ein Marzahn-Wahrzeichen?

          Wie ist die Idee überhaupt entstanden?

          Köber: Durch einen Postkarten-Wettbewerb des Bezirks. Je witziger die Ansichtskarte, desto besser, dachten wir. Aus der Karte wurde mehr, aus Spaß dann Ernst: Ein Jahr nach dem Wettbewerb suchten wir einen Architekten, gründeten die Internetseite und holten den Bezirksbürgermeister mit ins Boot. Gewonnen hatten wir mit der Marzahn Hills-Postkarte übrigens nicht.

          Aber da haben Sie doch bereits lange in Friedrichshain gewohnt, oder?

          Mühlberg: Richtig, nach dem Abitur sind wir beide aus Marzahn weggezogen; ein Abnabelungsprozess, den wohl jeder beim Erwachsenwerden durchlebt. Der Umzug hatte nichts mit Marzahn zu tun. Heute fahren wir noch oft zurück, um Freunde und ehemalige Nachbarn zu treffen oder zum Zahnarzt zu gehen. Marzahn hat sich gewandelt, sowohl baulich als auch kulturell.

          Kulturell?

          Köber: Die Galerien auf der Marzahner Promenade, die alte Börse, jetzt Kulturzentrum, und das Orwohaus, der Betonklotz mit seinen 100 Proberäumen für die Musiker der Stadt. Seit knapp zwei Jahren sind wir selbst wieder im Viertel aktiv und setzen uns für sein Image ein. Für 2017 planen wir ein Festival im Herzen Marzahns, acht Tage lang Kunst.

          Was motiviert Sie?

          Mühlberg: Heimatliebe. Wir wollen Marzahn nicht zum Szeneviertel machen. Wir wollen zeigen, dass Marzahn cool ist, so wie es ist, trotz, ja wegen der dominanten Platte. Wir wollen Grenzen öffnen und die Menschen verbinden. Aus sozialem Brennpunkt sozialen Klebstoff machen: Das wollen wir, das motiviert uns.

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