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Preisverfall : Das Öl ist spottbillig

Ewiges Eis? Hier in der Arktis steigt das Thermometer gerade über null Grad. Bild: Jiri Rezac / VISUM

Früher klagten alle über den hohen Ölpreis. Jetzt ist er so günstig wie schon lange nicht mehr - und wieder ist es nicht recht.

          7 Min.

          Umweltschützer atmen auf. In der Arktis werden auf absehbare Zeit keine Bohrinseln zu sehen sein. Vor einigen Tagen hat auch der britisch-niederländische Ölkonzern Shell seine umstrittenen Pläne aufgegeben, in der Tschuktschensee im Eismeer am Nordpol Erdöl zu fördern. Die Ergebnisse der Probebohrungen seien zu enttäuschend gewesen, hieß es knapp.

          Inge Kloepfer
          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Welt staunte über diese plötzliche Kehrtwende nicht schlecht. Hatte der Shell-Chef Ben van Beurden nicht noch vor kurzem das enorme Potential gepriesen, das Ölbohrungen in der Arktis versprächen, und immerhin schon sieben Milliarden Dollar in das Abenteuer investiert? Experten sind sich immer noch sicher: Im Meeresboden ruhen Milliarden Liter Rohöl. Sie halten die Begründung des Konzerns für die Abkehr von seinem langjährigen Vorhaben deshalb auch nur für die halbe Wahrheit.

          An der Entscheidung von Shell wird auch der dramatische Verfall des Ölpreises einen Anteil haben. Binnen eines Jahres hat sich der Preis auf 45 Dollar je Fass der Sorte WTI halbiert. Und kaum einer glaubt derzeit daran, dass es bald wieder aufwärtsgeht. Mit dem Abrutschen des Preisniveaus hat sich für die ÖlKonzerne das Verhältnis von Chance und Risiko verändert. Je größer die Unsicherheit und die politischen Risiken, desto höher muss der Ölpreis sein, um ein Vorhaben zu wagen. Oder es muss zumindest die berechtigte Aussicht darauf bestehen, dass er bald wieder kräftig steigt. Und genau das ist derzeit nicht der Fall.

          Die Entscheidung von Shell liegt in zeitlicher Nähe zu einer Prognose der mächtigen Investmentbank Goldman Sachs vor gut zwei Wochen. Der Ölpreis werde längerfristig nicht nur niedrig bleiben, er könnte sogar noch auf 20 Dollar fallen. „The New Oil Order“ - die neue Ölmarktordnung hatte Goldman Sachs-Analyst Jeffrey Currie seine Studie mit der spektakulären Prognose überschrieben und darin sogar von einem Paradigmenwechsel am Ölmarkt gesprochen. „Das amerikanische Fracking hat die globalen Energiemärkte vollkommen verändert“, sagt er. Das heißt: Die Strukturen auf der Angebots- und Nachfrageseite des Marktes haben sich derart verschoben, dass die alten Mechanismen der Preisbildung außer Kraft sind. Mit der umfangreichen Förderung von Schieferöl sind die Vereinigten Staaten in wenigen Jahren vom Nachfrager zum Produzenten geworden. Dabei ist das Fracking ein vergleichsweise schnelles Geschäft, das kurzfristig Kapazitätsanpassungen erlaubt. Es ist nicht halb so komplex und langwierig wie Tiefseebohrungen.

          „Die Vereinigten Staaten fallen auf der Nachfrageseite als genau jener Marktteilnehmer aus, auf dessen Marktverhalten der Ölpreis früher reagierte“, sagt Goldman-Sachs-Analyst Currie. Dadurch hat die Opec als größter Anbieter ihre Macht über die Preisentwicklung verloren. Früher passte sie die Fördermengen an und versuchte weitgehend erfolgreich, den Preis auf etwa dem Zehnfachen ihrer Produktionskosten stabil zu halten. Das funktioniert nicht mehr.

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