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Masha Qrella singt Brasch : Ich kann nicht tanzen, ich warte nur

  • -Aktualisiert am

Wiedergängerisches Wortmaterial trifft auf empathische Lieddichterin und erzeugt Reibung: Masha Qrella macht sich was draus. Bild: Staatsakt

Zwischen Geister-Techno und Neuem Geistlichem Lied: Die Sängerin Masha Qrella hat sich von Texten des Dichters Thomas Brasch zu ihrem großartigen Album „Woanders“ inspirieren lassen.

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          Angesichts der jetzigen Situation erinnert jegliche Tanzmusik an Kafkas „Wunsch, Indianer zu werden“: Erst ist da ein Bild des wilden Ritts, aber dann bröckelt es. Es gibt gar keine Zügel, es gibt gar keine Sporen, es gibt nicht mal ein Pferd. Erst ist da dieser Raum voller wild zuckender Leiber – aber dann gibt es gar keine Leiber, keine Discokugel, nicht mal eine Tanzfläche.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Was tun? Vielleicht die innere Tanzfläche betreten, jetzt erst recht. Das scheint auch der Grundgestus von Masha Qrellas Album „Woanders“ zu sein: Ein Stilwille zum pumpenden Beat liegt ihm zugrunde, dazu ein rastlos gespielter, harter E-Bass, der immer weiter will. Auch Industrial und andere Genres der elektronischen Musik werden darauf aufgegriffen; gewisse sphärische Verfremdungseffekte aber lassen alles geisterhaft wiedergängerisch wirken, ein bisschen so wie beim nachgeträumten Techno des Stückes „Insomnia“ von Faithless.

          Das hat weniger mit Corona zu tun als vielmehr damit, dass die Sȁngerin Masha Qrella – die als Tochter einer Deutschen und eines Russen 1975 als Mariana Kurella in Ost-Berlin geboren wurde – auf diesem Album vorgefundenes Material traumhaft verschiebt, verdichtet, geisterhaft weiterspinnt: das Sprachmaterial des Dichters Thomas Brasch.

          „Wie soll ich dir das beschreiben / Ich kann nicht tanzen. Ich warte nur: / In einem Saal aus Stille. Hier treiben / Geister ihren Tanz gegen die Uhr“: So lautet die aus Braschs Gedicht „Sprachlos die Tȁnzer“ adaptierte lyrische Hookline von „Geister“, die sich, rhythmisiert gesungen über dem treibenden Beat, wunderbar selbst belügt: Denn alles an diesem Lied drängt zum Tanzen.

          Manche Lieder sind regelrecht vertonte Gedichte, andere collagiert auch aus sonstigen Äußerungen Braschs: Qrella geht frei mit dem Material um, versäumt aber nicht, einige fast schon klassische Verse aus Braschs Gedichtbänden „Kargo“ (1977) und „Der schöne 27. September“ (1980) als Pflöcke einzuschlagen, um die sie kreist – also „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“ oder „Wolken gestern und Regen / Jetzt ist keiner mehr hier / Ich bin nicht dagegen / Singe und trinke mein Bier.“ Die Letzteren überführt Qrella in eine traurige Volksweise, die an jiddische Klagelieder oder solche von Partisanen erinnert – nicht ohne auch sie mit Hilfe der Musiker Chris Imler und Andreas Bonkowski einer blechern scheppernden und dunkel hallenden Hardcore-Klangkur zu unterziehen.

          Das Album ist entstanden aus einem Liederabend im Berliner Theater „Hebbel am Ufer“. Von Thomas Brasch, dem immer noch unterschätzten ost-westdeutschen Dichter, der 2001 starb, war die Sängerin schon früher fasziniert und fand zudem in dem Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ von dessen jüngerer Schwester Marion Brasch viel Resonanz für ihre eigene Lebensgeschichte.

          Wovon träumen die Maschinen?

          Die adaptierten Texte indessen, so viel Resonanzraum sie etwa im Ringen mit dem Sozialismus und seinem Gegenteil haben, offenbaren jetzt erst recht ihre universelle Wirkung, umso mehr, indem sie nicht von Braschs Bariton gelesen, sondern von einer weichen Stimme gesungen werden und dann noch stark erweitert durch Musik und Gerȁusche. Es sind bittere Balladen, gemacht für einsame Großstȁdter und moderne Arbeiter, manchmal voller Technikmelancholie. Sie zeigt sich, wenn Qrella bei einem Gastauftritt des Sȁngers Andreas Spechtl mit diesem im Duett singt: „Nach der Arbeit an den Maschinen / Träumen die Leute von den Maschinen / Wovon träumen die Maschinen / Nach der Arbeit an den Leuten?“

          Das Auseinanderklaffen von Musik und Text fordert auf diesem Album noch manches Mal die Hörer heraus und erzeugt bisweilen eine sarkastische Wirkung, wie man sie etwa vom Electro-Liedermacher PeterLicht kennt: „Lass die Ideale liegen / Wie Leichen am Strand“, singt Qrella mit einer Art fröhlichem Fortschrittspathos zum ewig marschierenden Beat. Vielleicht ist die kontraintuitive Vertonung aber auch der einzige Weg, Zeilen wie die folgenden auszuhalten: „Du fehlst keinem / Wenn du das begriffen hast / Kannst du die Tür schließen hinter dir“. Fast schon grotesk wirkt die federnd-fröhliche Hüpfmusik des Stücks „Hure“, die eine maximale Reibung erzeugt mit dem derben Brasch-Text: „Jetzt bist du weg ein halbes Jahr / Ich sauf mich voll vom Morgen in die Nacht / Hab schon vergessen wer ich war / Und hab mir eine Hure angelacht / Sie trinkt mich aus und leckt mich blank / Sie reitet mich zuschanden“.

          Dann wieder gibt es musikalische Momente und Harmonien, die zwischen den Balladen von Bettina Wegner und dem Neuen Geistlichen Lied changieren, bevor im langen instrumentalen Schlussteil von „Straßen“ das Solo eines seltsamen elektronischen Instruments anhebt, das wie eine Vertonung des bei Brasch werkbestimmenden Werkzeugs der Frȁse anmutet. Sie schneidet einem tief in Herz und Hirn.

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