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#MeToo-Kommentar : Ian Burumas Sturz

  • -Aktualisiert am

Ian Buruma Bild: Picture-Alliance

Als Chefredakteur der renommierten „New York Review of Books“ wollte Buruma kontroverse Stimmen zur MeToo-Debatte abbilden. Massiver Twitter-Protest auf einen Beitrag hin kostete ihn den Posten.

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          Wehe denen, die den Zorn der MeToo-Bewegung auf sich laden, indem sie, ohne jede Rechtfertigungsabsicht, nichts weiter fordern als eine nuanciertere Betrachtung der Sexismusdebatte mit deren bisweilen totalitaristischen Zügen. Den niederländisch-britischen Publizisten Ian Buruma hat der Versuch, auch die Perspektive eines Beschuldigten zu berücksichtigen, jetzt um seinen Posten des Chefredakteurs der Literaturzeitschrift „New York Review of Books“ gebracht. In ihrer nächsten Ausgabe bringt die angesehene Publikation drei Texte zum Titelthema „Der Sturz der Männer“, darunter einen Beitrag des einst beliebten kanadischen Hörfunkmoderators Jian Ghomeshi über seinen persönlichen Sturz, nachdem er einige Jahre vor der explosionsartigen Verbreitung des MeToo-Hashtags grober sexueller Übergriffe beschuldigt wurde.

          Mehrere Frauen hatten seinerzeit behauptet, Ghomeshi habe sie beim Geschlechtsverkehr gebissen, gewürgt, geprügelt oder verbal verletzt. Das Gericht stellte die Glaubwürdigkeit der Aussagen von drei Beschwerdeführerinnen in Frage und sprach Ghomeshi frei. Eine weitere Klage gegen ihn wurde durch eine außergerichtliche Einigung geregelt, die eine öffentliche Entschuldigung beinhaltete.

          Als Schriftsteller, der viel über moralische Schuld und die Grenzen der Toleranz nachgedacht hat, war Buruma unter anderem an der Frage interessiert, wie die Gesellschaft mit Personen umgeht, die zwar juristisch exkulpiert worden sind, aber vom Gericht der öffentlichen Meinung verurteilt werden, oder es womöglich verdienen, der Schande preisgegeben zu werden, obwohl sie strafrechtlich nicht für schuldig befunden worden sind. Wie Ian Buruma in einem Interview mit der Online-Zeitschrift „Slate“ erläuterte, sei es ihm wichtig, im allgemeinen Klima der Denunziation über unerwünschte Begleiterscheinungen von MeToo nachzudenken, wobei er ausdrücklich hervorhob, dass er die Bewegung trotz seiner ambivalenten Gefühle als ein notwendiges Korrektiv von männlichem Verhalten gutheiße.

          Deswegen hielt er Ghomeshis Text für publikationswürdig. Noch bevor dieser Ende vergangener Woche im Internet vorveröffentlicht wurde, bekam die feministische Autorin Nicola Cliffe wohl durch eine Quelle innerhalb der Redaktion Wind davon und schlug auf Twitter Alarm. Die darauf folgende Flut der Empörung, die durch das „Slate“-Interview weiter angefacht wurde, hat Buruma dann seinen Posten gekostet. Über die Meriten von Ghomeshis Beitrag lässt sich streiten: Der Ton ist wehleidig und selbstgerecht. Dass jedoch eine selbstbewusste liberale Zeitschrift wie die „New York Review of Books“ Gegenmeinungen nicht verkraften kann und sich dem Druck der selbsternannten Moral-Elite beugt, gibt zu denken.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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