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„Start the fck up“ im ZDF : Haut ab, ich kann das allein!

  • -Aktualisiert am

Programmiererin Jana (Olga von Luckwald) glaubt, sie hat das nächste große Ding in petto Bild: ZDF und © Frank Dicks

Junge Leute programmieren coole Sachen und sortieren ihr Leben im Coworking-Space. Das ist das Szenario der ZDF-Serie „Start the fck up“. Warum nur gerät das so kindisch?

          3 Min.

          Die Geschichte dieser Comedy-Serie klingt vielversprechend. Sie erweckt ein ähnliches Gefühl wie jenes, das die Protagonistin Jana selbst zum Ausdruck bringt, als sie über ihre Vergangenheit spricht. Alles sei super gelaufen, sagt sie. „So super, eigentlich hätte ich da schon stutzig werden müssen.“

          Kim Maurus
          Volontärin.

          Auch die Beschreibung der ZDFneo-Serie „Start the fck up“ liest sich super. Eine junge Frau, die programmieren kann – allein diese Kombination gibt es im Fernsehen nicht allzu oft –, wird von Freund und bester Freundin aus dem gemeinsamen, erfolgreichen Start-up geschmissen und sucht fortan in einem Coworking-Space nach der nächsten großen Idee. Es scheint, als wolle sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit seinem Programm dieses Mal wirklich in die Realität der jüngeren Generationen im Jahr 2021 begeben. Die Absurditäten und Unsicherheiten im Leben der Zwanzig- bis Dreißigjährigen, deren Beziehungsprobleme ernsthafter und berufliche Findungsphasen zermürbender werden, ein bisschen aufs Korn zu nehmen und gleichzeitig gängige Klischees zu entlarven – warum denn eigentlich nicht?

          „Studiert man das auf Master?“

          Die Erkenntnis, dass man gerade angesichts dieses Versprechens hätte stutzig werden müssen, erreicht einen wenige Minuten nach Beginn der ersten Folge der achtteiligen Miniserie. Jana (Olga von Luckwald) kommt mit nichts als einem Tandem an ihrem Arbeitsplatz an. Sie ist denkbar schlecht gelaunt, hat kein Interesse an den anderen Jung-Unternehmern und begrüßt die Instagram-Influencerin Melina (Lena Meckel) mit den Worten: „Studiert man das auf Master?“

          Kenny (links) und sein bester Freund Jens haben viele Ideen – aber nur wenig Erfolg.
          Kenny (links) und sein bester Freund Jens haben viele Ideen – aber nur wenig Erfolg. : Bild: ZDF und © Frank Dicks

          Die Überheblichkeit des alten Onkels im Körper einer jungen Informatikerin? Erstaunlich, hat Jana in ihrem früheren Start-up doch selbst eine Social-Media-App programmiert. Erstaunlich ist auch, wie Jana, aber auch ihre neuen Kollegen, in jeder Folge neu zu der Erkenntnis gelangen, sie schafften eigentlich alles allein, obwohl sie sich stets das Gegenteil beweisen. Kenny (Kelvin Kilonzo), der vor mehr oder weniger originellen Ideen nur so sprudelt, aber keine Ahnung von Informatik hat, pitcht Jana unter Einfluss mehrerer Flaschen Bier die Idee zu einer auf Künstlicher Intelligenz basierenden digitalen Therapeutin, die Jana daraufhin in einer Nacht mal eben runterprogrammiert, auch das ist ziemlich erstaunlich.

          Sie versucht, ihren Ideenklau vor Kenny zu verheimlichen, der sich an seinen Einfall überhaupt nicht mehr erinnern kann, hat aber ohne Kennys Charisma keine Chance, mit ihrer App bei Investoren zu landen. Er wiederum kann ohne sie keine funktionierende App bauen. Eine Aussprache würde helfen, aber nein: „Ich kann alles allein“ ist das Motto, das in seiner Naivität der Einstellung einer Vierjährigen entspricht, nicht der zweier studierter Menschen, die im besten Fall etwas gründen wollen. Und dabei weder spannend noch lustig ist.

          Motto „Kekse backen nach dem Sleepover“: Jana hilft Melina aus Geldsorgen beim Influencen.
          Motto „Kekse backen nach dem Sleepover“: Jana hilft Melina aus Geldsorgen beim Influencen. : Bild: ZDF und © Frank Dicks

          Überhaupt scheint die Serie Humor mit Verniedlichung zu verwechseln. Kennys bester Freund Jens (László Branko Breiding) ist unsterblich in Influencerin Melina verliebt, traut sich aber nicht, also überhaupt nicht, sie anzusprechen. Gegenüber Kenny fantasiert er in einer Szene: „Ich habe gedacht, ich helf ihr bei ihrem Problem, und dann gehe ich rüber und sag ‚Milady, nichts für ungut, gern geschehen.‘ Und dann sie so: O mein Gott, J, ich wusste nicht, wie viele Gefühle ich für dich habe, und jetzt kommen sie alle hoch.“ Kenny antwortet recht trocken: „So geht man mit Frauen nicht um“, was naheliegend ist, aber auch nicht sonderlich amüsant.

          Propeller für Suppenlöffel?

          Viele der Ideen, an denen die angehenden Unternehmer im Coworking-Space werkeln, sollen ebenfalls belustigen, reichen aber allemal für ein müdes Lächeln: Ein Propeller für Suppenlöffel, eine App, die unnötige Apps löscht und sich schließlich selbst, haha, oder auch Zahnbürsten zum Miteinander teilen, wie eben Carsharing, nur mit Zahnbürsten, das ist eklig. Haha?

          Die Jung-Unternehmer im Coworking-Space: Wieso nur arbeiten sie nicht mehr zusammen?
          Die Jung-Unternehmer im Coworking-Space: Wieso nur arbeiten sie nicht mehr zusammen? : Bild: ZDF und Joseph Strauch

          Dabei steckt so viel guter Stoff in dieser Serie, die als Koproduktion von Network Movie und btf entstanden ist, vielleicht am Ende zu viel. Die Emanzipation von den eigenen Eltern, der permanente Druck junger Menschen, vor allem kreativ und außergewöhnlich sein zu müssen, der Umgang mit dem Scheitern, die Sorge, andere könnten sich am eigenen Erfolg bereichern. All das beschäftigt Mittzwanziger, insbesondere jene, die in einem Coworking-Space arbeiten, und all das ist klischeehaft und deshalb auch einen Witz im deutschen Fernsehen wert. Aber eben nicht in dieser überreizten Form, die bei den meisten Menschen dieser Generation nur zu Stirnrunzeln führen dürfte. Vor allem, wenn die Serie das, was keinen Witz wert ist, etwa „Suizidgefahr“ oder „Depression“, die die digitale Therapeutin bei Jana selbst das ein oder andere Mal eilig diagnostiziert, mit seltsamer Leichtigkeit präsentiert.

          Es scheint, als wollten die Autoren allen gerecht werden, dem ZDF-Stammzuschauer, der mal sieht, was die „Jugend“ so treibt, und ebendiesen jungen Erwachsenen. Na ja. Man hätte stutzig werden müssen.

          Start the fck up beginnt in Doppelfolgen heute um 23.15 Uhr bei ZDFneo.

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