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TV-Doku zu Universitätsskandal : Er schleust sie durch die Seitentür

  • -Aktualisiert am

Matthew Modine spielt den Großbetrüger William „Rick“ Singer. Bild: Courtesy of Adam Rose / NETFLIX

Der Dokumentarfilm „Operation Varsity Blues“ rollt den Bestechungsskandal an Amerikas Elite-Universitäten auf. Regisseur Chris Smith zeigt meisterhaft, wie das Geschäft mit der Eitelkeit funktioniert.

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          Vor zwei Jahren beherrschte die amerikanischen Medien viele Wochen lang ein Skandal, der auch in Deutschland Aufsehen erregte und den schließlich sogar junge Fans von Youtube- und Instagram-Influencerinnen mitbekamen. Olivia Jade Giannulli, Social-Media-Starlet und Tochter der Schauspielerin Lori Loughlin und des Modedesigners Mossimo Giannulli, war nur wenige Monate lang stolze, wenn auch ziemlich lustlose Studentin an der University of Southern California, als bekannt wurde, dass ihre Eltern ihr den Studienplatz gekauft hatten. Das war kein Einzelfall.

          Der Kampf um die Ausbildung an amerikanischen Eliteuniversitäten hat absurde Züge angenommen. Ein Jahr an der USC kostet knapp 80.000 Dollar, Highschool-Absolventen sind bereit, sich für ihre Ausbildung ein Leben lang zu verschulden. Doch nur jeder Zehnte bekommt überhaupt die Chance dazu, in Harvard jeder Zwanzigste. Das Bedürfnis, sich irgendwann zum exklusiven Alumni-Kreis dieser Unis zählen zu dürfen, steigt und steigt, auch durch Social Media. Regisseur Chris Smith reiht in seinem Film junge Menschen aneinander, die das Ergebnis ihrer Bewerbung live durch die Kamera in ihren Jugendzimmern mit ihren Followern teilen. Manche sitzen umringt von Familie und Freunden, andere allein auf der Toilette, zu zittrig, um die E-Mail zu öffnen. Auf eine Zusage folgt kollektive Ekstase, die Absagen begleiten leise Tränen und spätere Bekenntnisse: „Ich habe mehrere Tage mein Zimmer nicht verlassen“, „Ich habe auf die Wand eingeschlagen“, „Ich habe mich wie ein Stück Dreck gefühlt“.

          Eltern wollen ihren Kindern solchen Kummer ersparen. Was also tun? Man kann sie zu akademischen Höchstleistungen motivieren, zu außerschulischen Aktivitäten kutschieren, mit ihnen lernen und sie zu selbstbewussten Menschen erziehen. Geld ist selbstverständlich auch nützlich. Nachhilfe bezahlen, einen Coach anheuern, der bei den Bewerbungen hilft (mittlerweile eine lukrative Industrie), oder, wenn Geld gar keine Rolle spielt, der Uni ein neues Gebäude spenden.

          Ein Strohmann für die Prüfung

          Solche Investitionen nennt Rick Singer die „Hintertür“: Sie sorgen dafür, dass auf die Bewerbung ein zweiter Blick geworfen wird, doch es ist noch keine Garantie, angenommen zu werden. Die Garantie hat Singer als „Seitentür“ ehrgeizigen Eltern für den Preis von einer halben bis einer Million Dollar verkauft. Seine Türen sahen von Fall zu Fall etwas anders aus, entriegeln konnte er sie immer.

          Schüler, die bei den standardisierten Leistungstests keine Spitzenpunktzahl erreichen, müssen sich bei den Eliteunis gar nicht erst bewerben. Bei Bedarf organisierte Singer also einen Strohmann, der die Prüfung nachträglich anstelle des reichen Kindes ablegte, meist ohne dessen Wissen. Gute schulische Leistungen haben aber alle Bewerber vorzuweisen, für die Ivy League braucht es also mehr. Und weil es nicht nur den Studenten, sondern auch den Unis um Prestige geht, sind Bewerber gern gesehen, die den Ruf der Institution auch jenseits der Wissenschaft stärken. Leistungssportler zum Beispiel. Hier haben Kinder aus reichen Familien schon immer einen Vorteil, weil sie es sind, die mit Sportarten wie Rudern, Segeln oder Fechten aufwachsen. Der Vorteil wächst allerdings noch mal erheblich, wenn ein Betrüger wie Rick Singer Trainer besticht und die Köpfe seiner jungen Klienten auf Profisportler montiert, um sie auf dem Papier zu potentiellen Leistungsträgern für die Unis zu machen. So wurde die Make-up-Influencerin Olivia Jade zu einer Topruderin, obwohl in keinem ihrer Online-Tagebücher auch nur einmal von der Sportart die Rede war.

          Es ist ein verworrenes Geflecht von Fakten, die Chris Smith in seinem vierten großen Dokumentarprojekt für Netflix innovativ präsentiert. Die Hälfte des Films ist inszeniert. Matthew Modine spielt Rick Singer, fast immer am Telefon, im Gespräch mit seinen Klienten, die nervös durch ihre Marmorküchen oder um den Pool herumschleichen. Jeder Dialog hat tatsächlich stattgefunden, aufgezeichnet vom FBI, mit dem Singer sofort kooperierte, als es ihm selbst an den Kragen ging. Es sind faszinierende Einblicke in die Denkwelten der Reichen, ihre Ängste, Ansprüche und Scheinheiligkeit. Die Szenen wechseln sich mit klassischen Interviews ab, in denen Beteiligte zu Wort kommen, Bekannte von Singer, ehemalige Klienten, Anwälte, Universitätspersonal. Sie präsentieren den faktischen Ablauf, ordnen ein und leuchten aus.

          In Kombination mit den Social-Media-Aufnahmen junger Amerikaner gelingt Chris Smith so ein halbdokumentarisches Meisterstück, das weit über Rick Singers „Seitentüren“ hinausschaut und die ganze Misere des amerikanischen Bildungssystems auf den Punkt bringt: Das Ansehen der Eliteunis ist durch den Skandal keineswegs beschädigt worden, ganz im Gegenteil. Es hat zu ihrem Mythos beigetragen, in dem der Studienplatz Selbstzweck und die tatsächliche Ausbildung zweitrangig ist.

          Operation Varsity Blues: The College Admission Scandal, ab Mittwoch, 17.3., bei Netflix

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