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Filmfestival Venedig : Leidende und Witzfiguren

Höherer filmischer Blödsinn: Antonio Banderas, Penélope Cruz und Oscar Martínez in der furiosen Satire „Competencia oficial“. Bild: Manolo Pavon

Man kann seine Pointen klug dosieren, man kann sie aber auch sinnlos verschwenden. Das beweisen Filme von Maggie Gyllenhaal, Paolo Sorrentino und anderen auf dem Festival am Lido.

          3 Min.

          Je mehr zwei Filme einander ähneln, desto interessanter werden die Unterschiede. Das gilt für Lustiges wie Trauriges. Beim venezianischen Filmfestival zeigt man dieses Jahr zum Beispiel zwei Kummerfilme, in denen die jeweilige Hauptfigur an einem Urlaubsort in größter Herzenseinsamkeit eine schwere Krise durchleidet. Beide Filme drehen sich um eminente Schauspielgrößen: In „Lost Daughter“, dem Spielfilmregiedebüt der Schauspielerin Maggie Gyllenhaal, sitzt Olivia Colman mit Büchern und Sorgen am Strand herum, in „Sundown“ von Michel Franco trinkt der routinierte Tim Roth in der Brandung Bier. Den Star von „Lost Daugh­ter“ unterstützen kurze Gastauftritte des großen Ed Harris, dem Star von „Sundown“ leistet denselben Dienst Charlotte Gainsbourg. Aber Gyllenhaals trübe Bebilderung einer Vorlage von Elena Ferrante fällt nach allerlei Selbstzersetzung ins flache Wasser, während Francos Schmerzensbild dem Premierenpublikum am Lido hörbar (Seufzer, erschrockenes Aufstöhnen) nahegeht.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Was macht den Unterschied? Die darstellerischen Leistungen sind in beiden Filmen erstklassig, „Lost Daughter“ deutet wie „Sundown“ lange Zeit spannungsförderlicherweise nur an, was mit der Gestalt im Zentrum nicht stimmt. Doch als man über Colmans Rolle schließlich genug weiß, wird deren Not mit einem eiligen Aufbruch und einem sentimentalen Telefonat auch schon wieder abgestellt, während durch die Existenz des unglücklichen Erben eines ob­szönen Großvermögens, den Roth bei Franco spielt, ein tiefer Riss geht, der mit nichts gekittet, sondern nur beim Ausbluten beobachtet werden kann.

          Witze wie Wunderkerzen

          Dazu kommt das Gefälle der Regietechniken: Gyllenhaal lässt Colman die ganze Erzählarbeit allein machen, drückt ihr höchstens ab und zu die Kamera ins Gesicht, ohne eine Idee davon zu besitzen, was man in dieser brutal erzwungenen Nähe mitteilen könnte, das nicht auch in einem plausiblen Dialogsatz unterzubringen gewesen wäre. Franco dagegen weicht dem siechen Mann, der sich vom Plastikstuhl übers Hotelbett Richtung Krankenlager treiben lässt, einerseits nicht von der Seite, weiß aber andererseits genau, wann er den Abstand zum Zweck des Atemholens in Fiktion wie Kinosaal auch mal vergrößern muss. Sein Lohn besteht darin, dass das Publikum zwar kaum ertragen kann, wie die Handlung weitergeht, es aber auch unbedingt wissen will. Noch mehr als beim Pathos wird die Wirkweise bei Komik von Distanz und Takt bestimmt.

          In Venedig lässt sich das am Unterschied zwischen Paolo Sorrentinos neapolitanischem Familienfußballfest „È stata la mano di Dio“ und der furiosen Schauspielerduellsatire „Competencia oficial“ von Gastón Duprat und Mariano Cohn erleben. Beide Werke handeln vom Filmemachen, sind aber viel zu unterhaltsam, als dass ihnen Menschen, die sich für die Begleitumstände der Kinokunst nicht interessieren, den Vorwurf der Selbstbezüglichkeit machen könnten. Beide Filme leben vom Lachen, teilweise bitterem. Manche der zu diesem Zweck aufgebotenen Witze gehen hoch wie Knallbonbons, andere brennen langsam ab wie Wunderkerzen. Unterwegs kommt auch der Ernst des Lebens (Tod durch Rauchvergiftung, Angst vor Krebs, Leute fallen von Dächern) nicht zu kurz.

          Sorrentino jedoch, oscarprämiert und Liebling der Kritik, ist sich seiner Sache zu sicher. Er kann zu vieles, als dass er noch die Ökonomie aufbrächte, sein Können zu zügeln. So verschwendet er Mittel (Tricks, Pointen, Schönheiten, Albernes) und schmeißt mit Haltungen um sich, die leider als Scherze desto unplausibler werden, je beliebiger sie den Menschen angepappt sind, die durch den Film tanzen: Dicke Frauen, die ins Wasser springen, sind zum Brüllen, muss das sein? Ein Mob, der eine böse alte Frau zusammenschlägt, wird augenzwinkernd beim Toben betrachtet, war das nötig? Ein Regisseur, der eine junge Schauspielerin vor aller Welt zusammenstaucht, weil sie ihn nicht überzeugt, soll das Gewissen der Kunst sein – empfindet der tatsächliche Regisseur die Peinlichkeit dieser Geste nicht?

          Zwei Spitzenkräfte und eine Legende

          Solche Zweifel und das Ärgernis, zu dem sie sich schließlich, bei aller Virtuosität vieler von Sorrentino gebauter Szenen, summieren, sind bei „Competencia oficial“ unmöglich. Denn da wird nichts verfehlt, vertan, verschwendet. Penélope Cruz, so geht der Plot, soll als kindhaft hemmungslose Regisseurin den berühmtesten Roman eines Literaturnobelpreisträgers fürs Kino adaptieren, in dem Brüder einander an die Gurgel gehen. Engagiert werden für diese Rollen zwei Spitzenkräfte, erstens ein Hollywoodstar, den Antonio Banderas als hinreißend instinktsicheren Idioten anlegt, und zweitens eine Legende der Edelfilmerei, die Oscar Martínez als teils abstoßenden, teils mitleiderregenden Snob interpretiert.

          Die horrende Katastrophe der ganzen Konstellation läuft vom Moment der ersten Begegnung des Trios ab wie ein Uhrwerk, genauer: wie ein Wecker, der sich mit jedem Ticken ärger darauf freut, endlich wie bekloppt zu klingeln. Als er das dann tut, fetzen seine Schrauben und Federn auseinander, dass das Ensemble vor panischem Vergnügen quietscht. Duprat und Cohn haben jeden ihrer prima Gags liebevoll von Hand aufgezogen; noch die beiläufigste Bemerkung und der flüchtigste Seitenblick tragen zur Seele der Sache bei – den Verantwortlichen in der Jury könnte wirklich erheblich weniger Lustiges in den Sinn kommen als ein goldener Löwe für diesen famosen philosophischen Blödsinn.

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