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Freilichtausstellung : Wellen schlagen in einer zerrissenen Stadt

  • -Aktualisiert am

Sorgt für Empörung und Begeisterung: der von Roman Signer unter dem Titel „Versinken“ im Schloßteich deponierte Skoda Superb Bild: dpa

Kleine Aufreger erhöhen die Aufmerksamkeit: Die Freilichtausstellung „Gegenwarten“ in Chemnitz eröffnet zwanzig Perspektiven auf unser heterogenes Heute – und provoziert Widerspruch.

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          In ihren Leserbriefspalten sah sich die Chemnitzer „Freie Presse“ kürzlich zu einem Hinweis in eigener Sache gedrängt. Zur Ausstellung „Gegenwarten“ hätten „ausschließlich sehr kritische bis ablehnende Lesermeinungen“ die Redaktion erreicht; wären zustimmende Kommentare eingegangen, hätte man sie gern abgedruckt. Allein, es gab sie nicht, keinen einzigen. Die allgemeine Empörung entlud sich vornehmlich an einer Skulptur des 82 Jahre alten Künstlers Roman Signer. Der Schweizer hat einen entkernten Škoda Superb im Schlossteich versenkt. Kühlerhaube, Windschutzscheibe und Seitenfenster lugen an einer Fußgängerbrücke noch eben aus dem Wasser hervor – bald nach der Eröffnung wurde das Wrack zum Ziel von Vandalismus. Der Bildhauer will nach eigenem Bekunden ein Zeichen gegen eine auf das Auto fixierte Stadt setzen; seine Intervention ist, verglichen mit dem, was als Kunst im öffentlichen Raum in den letzten Dezennien so alles erprobt wurde, wie auch die automobile Gesellschaft ein bisschen in die Jahre gekommen.

          Antifa-Querelen im Museumsshop

          Aber die Provokation wirkt. So auch die des Kollektivs mit dem bezeichnenden Namen „Peng!“. Im Museumsshop der Kunstsammlungen Chemnitz haben die Aktivisten eine Reihe von Gegenständen aufgesockelt, darunter eine Spraydose, mit der eine mutige Bürgerin regelmäßig Hakenkreuze übersprühte, und einen Einkaufswagen mit dem abgefackelten Bild eines Polizeiwagens als Symbol einer unruhigen Nacht in Leipzig-Connewitz. Sämtliche zehn Relikte unter den Plexiglashauben hatte das Kollektiv mit Mitteln aus dem Ausstellungsbudget von politisch gleichgesinnten Aktionisten angekauft und dann bei Ebay versteigert. Ein Antifa-Sticker, für den die Bundestagsabgeordnete Martina Renner (Die Linke) 2019 einen Ordnungsruf erhielt, weil sie ihn bei einer Rede im Parlament am Revers trug, erlöste 700 Euro; der Entwurf für das Logo avancierte mit satten 3600 Euro zum Los de Tages. Genüsslich brachte Peng! zudem die Museumsleitung in die Klemme, indem es einige Parteien in einem Wandtext dafür attackierte, die „Hufeisentheorie“ zu vertreten – dieser zufolge wird die politische Mitte gleichermaßen von rechts wie links in die Zange genommen. Weil dies im kommunalen Wahlkampf als Parteinahme erscheinen kann, sah sich das Museum genötigt, mit einer Klarstellung auf Distanz zu dem Beitrag im eigenen Haus zu gehen. So erzielte auch dieser kleine Knalleffekt, ganz im Sinn einer Ökonomie der Aufmerksamkeit, die erwünschte mediale Breitenwirkung. Unterdessen freut sich das Alternative Jugendzentrum AJZ, dem der Auktionserlös von 6700 Euro zufließt.

          Chemnitz ist kein „akademisches Florida“, wie Kasper König die Universitätsstadt Münster wegen ihres notorischen Wohlfühlfaktors zu nennen pflegt. Dort hatte der Ausstellungsmacher vor fünfzig Jahren die „Skulptur Projekte“ an der Seite von Klaus Bußmann ins Leben gerufen, Vater von Frédéric Bußmann, der seit zwei Jahren die Chemnitzer Kunstsammlungen leitet und die Stadt mit zeitgenössischen Impulsen beleben soll. Die „Gegenwarten“ nehmen nicht nur erkennbar an den Skulptur Projekten Maß, mit Florian Matzner hat Bußmann auch einen Kurator engagiert, der schon 1997 an der westfälischen Open-Air-Schau mitgewirkt hatte – Typ alter Haudegen, der sich im Geschäft auskennt.

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