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Bonner Beethovenfest : Nike Wagner setzt ihre Intendanz aufs Spiel

Aktuell in der Kritik: Die deutsche Dramaturgin Nike Wagner Bild: dpa

Mit ihrer Verteidigung des Sexualstraftäters Siegfried Mauser gefährdet Nike Wagner ihre Intendanz beim Bonner Beethovenfest. Aber auch die Zahlen und ihre Haltung gegenüber den Beethoven-Fans trüben das Klima.

          3 Min.

          Die Gedanken sind frei, und weil sie das sind, hat sich Nike Wagner jetzt vom Reden aufs Denken zurückgezogen, denn wahre Freundschaft soll nicht wanken, sondern, wie ein anderes Lied es weiß, noch in Gedanken fortleben und der Treue nicht vergessen. Nike Wagner, die Intendantin des Bonner Beethovenfests, ist ihrem Freund Siegfried Mauser treu. Der ist nicht nur Pianist und Musikwissenschaftler, sondern auch ein vor dem Landgericht München rechtskräftig verurteilter Sexualstraftäter. Nachdem Nike Wagner im vorigen Jahr öffentlich geäußert hatte, hinter dem Prozess stehe eine hochschulinterne Intrige, und Frauen, die Karriere machen wollen, seien auch keine Engel, hatte es Proteste und einen öffentlichen Brief des Münchner Hochschulrektors Bernd Redmann gegeben. Sie wollten Wagners Rechtfertigung nicht gelten lassen.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun hat Nike Wagner in einer weiteren öffentlichen Erklärung ihre bisherigen Ansichten nicht widerrufen, sondern nur mitgeteilt, dass sie sich persönlicher Meinungsäußerungen in diesem Fall enthalten wolle. Dem Ansehen des Beethovenfestes habe sie, so sieht es die Öffentlichkeit, durch eine solche Erklärung mehr geschadet als gedient.

          Diese Diskussion trifft Nike Wagner in einer Situation, da ihre Stellung als Intendantin ohnehin nicht mehr stabil ist. Ihr Vertrag läuft zwar noch bis zum Beethoven-Jahr 2020, und sie soll, wie man in Bonn hört, über eine Verlängerung nachdenken. Doch im November 2018 gelangten Zahlen an die Öffentlichkeit, wonach das Beethovenfest ein Defizit von 650.000 Euro erwirtschaftet habe. Verantwortlich dafür seien, so räumten Wagner und ihr Geschäftsführer Detloff Schwerdtfeger ein, sinkende Einnahmen aus dem Kartenverkauf. Das Publikum, erklärten sie schriftlich, nehme das World Conference Center Bonn als Ersatzspielort für die gesperrte, in Sanierung befindliche Beethovenhalle nicht an. Es war der Abgeordnete Norbert Jacobs (CDU), der bei einer Sitzung der Bonner Stadtverordneten die Bemerkung fallenließ, vielleicht liege das ja auch am Programm.

          Seit Nike Wagner die Leitung des Beethovenfests übernahm, sinken die Eigenerlöse stetig. 2012, unter ihrer Amtsvorgängerin Ilona Schmiel, waren es noch 1,5 Millionen, 2017 lediglich 592.000 Euro. Die Zahl der angebotenen Karten schrumpfte zwischen 2013 und 2017 von 48.000 auf 28.300, wie der Bonner „General-Anzeiger“ im Dezember unter Berufung auf vertrauliche Papiere der Stadt publik machte. Betrug der Deckungsgrad des Festivaletats durch Eigeneinnahmen 2016 noch 20,1 Prozent, so lag er ein Jahr später bei 16,5 Prozent. Erreichte Ilona Schmiel in den Spitzenjahrgängen 2008 und 2009 noch eine Auslastung von neunzig bis zweiundneunzig Prozent, so lag sie beim Beethovenfest 2018 bei siebzig Prozent, was bei allgemein steigenden Verkaufs- und Auslastungszahlen der Musikfestivals völlig quer zum Bundestrend liegt.

          Kritik an Nike Wagner

          Nike Wagner war als neue Intendantin des Beethovenfestes angetreten, um es „durch pointierte Programmgestaltung, Projektentwicklungen und Uraufführungen“ zu einem Fest wirklicher internationaler Ausstrahlung zu machen. Schon in Weimar, als Leiterin des Kunstfestes „Pèlerinages“, hatte sie allerdings mitgeteilt, dass sie am „Abfeiern des Kanons“ und an reiner „Pflege des kulturellen Erbes“ (wie es in der Funktionärssprache der DDR geheißen hatte) kein Interesse habe. Und jene Weimarer Bürger, denen genau das ein Bedürfnis war und ist, ließ sie spüren, dass sie postsozialistische Provinzler seien. In Bonn wiederholt sich nun Ähnliches. Unter Wagners Intendanz hat es bereits Beethovenfeste gegeben, in deren Eröffnungskonzert keine Musik von Ludwig van Beethoven erklang. Vielen Bürgern kommt ohnehin recht wenig Beethoven beim Fest vor. Stattdessen: Arbeiten des Objekt- und Installationskünstlers Georg Nußbaumer, der schon in Weimar dabei war, viel Tanztheater und sowjetischer Futurismus, weil Beethoven ja, so Wagner, „ein energetischer, revolutionärer Geist“ war.

          Die Beethoven-Woche im Beethovenhaus Bonn, die seit 2015 jährlich im Januar unter der Leitung der Bratschistin Tabea Zimmermann die Kammermusikfeste des Beethoven-Hauses fortsetzt, hat sich mittlerweile zu einem kleinen Gegenfest entwickelt, weil sich hier programmatisch alles um Beethoven dreht und trotzdem nicht nur Beethoven gespielt wird. Aus dem Werk selbst, seinem Material, seinen Besetzungen, den Gattungen werden hier Ideen für die inhaltliche Arbeit gewonnen.

          Dass die Kritik an Nike Wagner jetzt an Vehemenz gewinnt, hat damit zu tun, dass sie moralisch angreifbar geworden ist, wo man die ästhetische Kritik von lokalpolitischer Seite lange nicht wagen durfte, ohne als „provinziell“, „konservativ“ oder „kommerziell orientiert“ zu gelten. Heikel daran ist, das Nike Wagner ihren ästhetischen Kritikern mit den gleichen Argumenten begegnet, mit denen sie bislang Siegfried Mauser moralisch verteidigte. Das Online-Musikmagazin „VAN“ hatte schon im Mai 2018 einen Mailwechsel veröffentlicht, worin eine Besucherin des Beethovenfests von der Intendantin eine Erklärung erbat, warum sie 2017, als der Gerichtsprozess gegen Mauser bereits lief, diesen noch mit der Gestaltung eines moderierten Konzerts unter dem Titel „Lieder mit und ohne Worte“ beauftragt hatte. Wagner tat es, wie sie antwortete, weil Mauser „wie kein anderer einen solch vielschichtigen Abend zu bewältigen weiß. Veranstaltungen wie diese gehören zu den Kostbarkeiten des Beethovenfestes, weil sie in die Tiefe gehen und nicht nur ,events‘ sind.“

          Damit hat Nike Wagner „Tiefe“ und die Verweigerung gegenüber dem „Eventcharakter“ von Festivals zu moralischen Äquivalenten in der Auseinandersetzung um ihren Freund gemacht. Genau dieses Postulat einer romantischen Einheit und Gleichwertigkeit von Kunst und Leben – geradezu vom „Leben im Werk“ – macht es nun den Kritikern von Nike Wagner leicht, in der ästhetischen Auseinandersetzung deren eigene Postulate moralisch gegen sie zu kehren.

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