Karl May heute :
Wir sehen uns, Winnetou!

Tilman Spreckelsen
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Pas de deux: Lex Barker als Old Shatterhand trägt 1965 in Harald Reinls Film „Winnetou 3“ Pierre Brice als soeben verstorbenen Winnetou auf Händen.
Pas de deux: Lex Barker als Old Shatterhand trägt 1965 in Harald Reinls Film „Winnetou 3“ Pierre Brice als soeben verstorbenen Winnetou auf Händen.Allstar

Winnetou, Old Shatterhand, der Schut: Der Ruhm von Karl Mays Büchern ist längst verblasst, aber seine Figuren leben weiter. Zum Beispiel auf Freilichtbühnen überall in Deutschland. Eine von ihnen macht jetzt dicht.

Wenn es ein Autor gut mit seinen Figuren meint, dann gönnt er ihnen vor dem Tod noch ein paar schwergewichtige Worte. Mit Winnetou meinte es Karl May vor 130 Jahren besonders gut. „Schar-Iih, ich glaube an den Heiland“, sagt der Apache auf dem improvisierten Totenbett, während die umstehenden braven Siedler das „Ave Maria“ anstimmen: „Winnetou ist ein Christ. Lebe wohl!“ Das Ave Maria verklingt, Winnetou stirbt. Vorhang.

Dass von Totenruhe keine Rede sein konnte, zeigten dann die folgenden Dekaden. Nicht nur die Bücher um Winnetou verkauften sich prächtig, auch andere Medien wie Hörspiele, Filme und Comics griffen sein Schicksal auf, und seit 1952 die ersten Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg abgehalten wurden, sind auch diverse Freilichtbühnen ein Ort, an dem Winnetou und andere Figuren aus dem Kosmos des 1912 gestorbenen Vielschreibers gefeiert werden.

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Karl May, das war einmal eine sichere Bank: Die Gesamtauflage seiner Bücher soll die 200 Millionen übersteigen. Heute kann der gebeutelte Buchhandel nicht mehr darauf bauen, für den mittlerweile rechtefreien Autor ein nennenswertes Publikum zu finden, allen Versuchen in die eine oder andere Richtung zum Trotz. Die Bemühungen Arno Schmidts und Hans Wollschlägers, May als verkannten, durch böse Verleger und deren entstellende Bearbeitungen literarisch ruinierten Großschriftsteller zu etablieren, werden auch durch Nachahmung nicht überzeugender, und alle versimpelten Adaptionen für ein sehr viel jüngeres Publikum zahlten sich ebenso wenig aus.

Kreuzbrave Sachsen trifft man überall auf der Welt

Dass jedenfalls die Zeit über einen Autor hinweggegangen ist, der sein Epos von Winnetou mit den Worten einleitet: „Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein“, liegt auf der Hand, von den ewigen Stereotypen über weltweit anzutreffende, kreuzbrave Sachsen ganz abgesehen, während andere schon aufgrund ihrer ethnischen Herkunft von vornherein verdächtig sind und diesem Verdacht auch gerecht werden.

Kein reines Vergnügen bei der Lektüre, als Parodie (wie im „Schuh des Manitu“) oder als harmlose Bühnenadaption aber mitunter durchaus schwungvoll – so könnte man das Schicksal der Stoffe aus der Feder Karl Mays in unserer Zeit umreißen. Wer derlei schätzt und nicht bis nach Bad Segeberg oder ins sächsische Rathen reisen will, wird bedauern, dass sich nun das Karl-May-Festival im oberschwäbischen Burgrieden vorerst aus dem Kreis dieser Bühnen abmeldet. In diesem Jahr habe man zwar 22.000 Besucher gezählt, aber unter der wetterbedingten Absage von fünf Vorstellungen gelitten, für die keine Versicherung eingesprungen sei, teilte die Leitung mit. „Der Schatz im Silbersee“, „Unter Geiern“ und immer wieder „Winnetou“ wurden dort seit 2014 gegeben.

Nun also die Insolvenz. „Jetzt stecken sie da droben die Köpfe und die Schädel zusammen, um zu beraten“, sagt Sam Hawkens am Ende von „Winnetou 1“ und macht sich heimlich davon. Ave Maria, Vorhang.

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