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Päpstliches Schreiben : Wo beginnt der Götzendienst?

Papst Franziskus spricht am Neujahrstag das Angelusgebet an einem offenen Fenster im Petersdom zu den Menschen auf dem Petersplatz. Bild: dpa

Welche Bombe ist in dem päpstlichen Schreiben „Querida Amazonia“ versteckt? Keine? Nein! Als hochbrisant erweist sich die Frage, bis zu welchem Grad das Evangelium inkulturierbar ist.

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          Erstaunlich, wie unbefangen der Papst in seinem Schreiben „Querida Amazonia“ dann doch dem von der Ethnographie fallen gelassenen Kulturkreis-Gedanken nähertritt, im Sinne eines mehr oder weniger geschlossenen Raums kultureller Ähnlichkeit in Abgrenzung zu anderen Örtlichkeiten. „Stellen wir uns eine Heiligkeit vor, welche die Züge des Amazonasgebietes trägt und die dazu berufen ist, die Weltkirche herauszufordern“, heißt es in dem Papier. Das christliche Konzept der Heiligkeit von der Geographie her zu denken, von den partikularen Merkmalen eingegrenzter Areale (so auch von Regionen und Nationen), ist für den universalkirchlichen Anspruch Roms zumindest nicht naheliegend, erst recht nicht in einer längst global gewordenen Zivilisation.

          Was ist am Hellenischen unaufgebbar?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Kirche verfüge schließlich nicht nur „über ein einziges kulturelles Modell“, gibt Franziskus zu bedenken. Doch war und ist die Frage bei aller Inkulturation ja gerade, in welches Verhältnis „Evangelium“ und „Kultur“ zu setzen sind. Die immer wieder diskutierte Frage lautet hier: Was ist am Hellenischen konstitutiv geworden für das christliche Selbstverständnis, für seine Lehrgestalt? Hat es etwa den Rang eines abschließenden Vokabulars? Noch jeder überzeitliche und überregionale Anspruch artikuliert sich notwendig kulturell. Anderenfalls bliebe er sprachlos. Die Missionsgeschichte bei den Römern und Germanen, die der Papst anklingen lässt, stellt sich jedenfalls in weiten Teilen als Kontrast- und nicht als Konsensgeschichte dar. Die Lebenswirklichkeit von Römern und Germanen wurde christlicherseits irritiert und nicht etwa als Offenbarungsort affirmiert.

          Es gehe, so präzisiert das Schreiben, im Christentum nicht darum, „eine bestimmte Kulturform durchsetzen zu wollen, so schön und alt sie auch sein mag“. Hier wäre man jedoch – womöglich zu Lasten päpstlicher Regenwald-Poesie – auf nähere Kriterien für den kulturellen Konfliktfall gespannt gewesen. In welchem Grad ist das Evangelium selbst eine Kulturform, die sich bei einer Übersetzung ins Amazonische (was immer das wäre) gleichwohl nicht einfach abstreifen lässt, ohne als Evangelium Substanzverlust zu erleiden? Und welche Gründe – theologische, historische – wären hier von Belang, wenn nicht Befindlichkeiten und Ästhetisches den Ausschlag geben sollen? Wer das Fass der Inkulturation öffnet, sollte auch begründen wollen, warum es kein Fass ohne Boden ist. Mit dem Hinweis aufs „Kerygma“ (Franziskus), der Christus-Verkündigung, scheint diese Problematik nur verschoben, nicht gelöst.

          Kniefall vor Pachamama

          Im Blick auf Mutter-Erde-Rituale (Pachamama) am Rande der römischen Amazonien-Synode im vergangenen Jahr weist der Papst jeden Synkretismusverdacht ab: Es müsse möglich sein, sich „auf ein indigenes Symbol zu beziehen, ohne dass man es notwendigerweise als Götzendienst zu betrachten habe. Ein Mythos von spirituellem Sinngehalt kann aufgegriffen und muss nicht immer als heidnischer Irrtum angesehen werden.“ Na ja, möchte man ergänzen, immerhin hatte man sich in den Vatikanischen Gärten im Beisein des Papstes seinerzeit vor Pachamama-Figürchen auf die Knie geworfen, wenn die Bilder nicht täuschen. Ganz aus der Luft gegriffen war die – jetzt richtig gestellte – synkretistische Assoziation wohl nicht.

          Im ganzen Schreiben kein Wort zu den viri probati, der medialen Chiffre für Aufklärung und Reform im kirchlichen Dienst. Tatsächlich erstaunt, wie unbekümmert der Papst die Erwartungen „der Öffentlichkeit“ an eine explizite Reformagenda bricht. Kühl lässt Franziskus die „heißen Eisen“ des deutschen Synodalen Wegs links liegen. Weltkirchlich nimmt der Synodale Weg damit etwas den Geschmack von kaltem Kaffee an, jedenfalls büßt er ein wenig von seinem avantgardistischen Nimbus ein.

          Mit beinahe gegenreformatorischer Deutlichkeit stellt der Papst das katholische Priestertum als Teil einer kirchlichen Sakralordnung vor. Alles andere, so versteht man, ist Priesterselbstbetrug. Der ansonsten notorisch mit Reformbereitschaft kokettierende Franziskus macht hier keine Anstalten, das Amtspriestertum, auf dessen Weihe-Charakter Martin Luther noch eine Abwrackprämie ausgesetzt hatte, im allgemeinen Priestertum aller Gläubigen aufgehen zu lassen. Auch wenn jetzt die Tür für nicht geweihte Laien-Gemeindeleiter offen steht – „nicht delegierbar“, so Franziskus, sei die im Sakrament der Weihe begründete Vollmacht, welche ihn, den Priester, „allein befähigt, der Eucharistie vorzustehen“ und in der Amtsgewalt Christi zu sagen: „Das ist mein Leib“ sowie „Ich spreche dich los von deinen Sünden“. Diese beiden Sakramente seien für den Priester „die Mitte seiner exklusiven Identität“.

          Da spricht eine katholische Gnaden- und Ämtertheologie, von der die Brücke zum Protestantismus bisher noch nicht gefunden wurde. Für Franziskus mag nichts davon in Stein gemeißelt sein. Auf Papier hat er es nun aber festgeschrieben.

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