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Kommission zur Preußenstiftung : Stärken durch Zerschlagen?

Scharfer Schnabel, aber schwache Flügel: das Logo der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Bild: dpa

Der Wissenschaftsrat will die Preußenstiftung auflösen und dadurch ihre einzelnen Teile stärken. Das kostet Geld. Doch bei der Vorstellung der Evaluierungsstudie in Berlin werden weder Zahlen noch Namen genannt.

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          Es gibt ein rotes Tuch für Marina Münkler, die Leiterin der Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats zur Evaluierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Das ist die „Personalisierung der Debatte“. Über Personen statt Strukturen zu reden sei „ganz falsch“, sagte die Germanistin aus Dresden bei der Vorstellung des knapp dreihundert Seiten langen Berichts ihrer Kommission. Deshalb wurde bei der Pressekonferenz im Berliner Wissenschaftsforum auch wenig über Persönliches gesprochen, obwohl es hinter dem Schutzschild der Sachfragen natürlich genau darum ging.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Etwa darum, dass Monika Grütters, die Kulturstaatsministerin, die Evaluierungsstudie zwar in Auftrag gegeben hat, bei ihrer Umsetzung aber nicht mehr im Amt sein wird. Oder darum, dass Stiftungspräsident Hermann Parzinger, der ankündigte, „den Rest meiner Amtszeit komplett“ der Umgestaltung der Preußenstiftung zu widmen, bei seiner Pensionierung in fünf Jahren seinen Posten gleich mit abwickeln wird, wenn es nach den Empfehlungen des Wissenschaftsrats geht. Oder um die Stiftungsmitarbeiter, denen Grütters versicherte, ihre Stellen seien nicht in Gefahr. Schließlich soll die Struktur nicht schrumpfen, sondern effizienter werden, zeitgemäßer, moderner; an einen Stellenabbau ist dabei, anders als sonst, nicht gedacht.

          Am Ende werden es vier Stiftungen

          Der Wissenschaftsrat also will die Preußenstiftung – nein, nicht „zerschlagen“, das sei ein Schlagwort aus den Medien, sagte Marina Münkler, sondern bloß auflösen, zum Besten des Ganzen zerlegen. Auch von vier eigenen Stiftungen sei, anders als kolportiert, in dem Bericht keine Rede, sondern nur von einer Stiftung und drei selbständigen Einrichtungen in Bundesbesitz. Das stimmt, wenn man das Kommissionspapier beim Wortlaut nimmt; wahr ist aber auch, dass derzeit fast alle selbständigen Kulturinstitutionen in Bundesbesitz eben Stiftungen sind. Also doch vier.

          Die eine Stiftung, die auch der Wissenschaftsrat so nennen will, soll, von Berlin und vom Bund getragen, aus der Konkursmasse der Staatlichen Museen Berlin erwachsen und statt eines Generaldirektors einen Generalintendanten beziehungsweise eine Intendantin haben. Über ihr oder ihm soll ein Stiftungsrat aus Politikern und Vertretern der Zivilgesellschaft thronen, der auch „inhaltlich“ Einfluss nimmt. Das heißt, dass der Wissenschaftsrat die drei wichtigsten nichtmusealen Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz – Staatsbibliothek, Geheimes Staatsarchiv und Ibero-Amerikanisches Institut – dem Bund ins Portefeuille werfen und den Rest just nach dem Muster der Preußenstiftung organisieren will. Denn die einzelnen Museumsdirektoren sind unter einer Intendanz ja nicht selbständiger als unter der jetzigen Generaldirektion. Sie bekommen nur, wenn es nach der Kommission geht, deutlich mehr Geld.

          Alles hängt am Bundesfinanzminister

          Und das, nämlich der Kostenpunkt, ist eben der Knackpunkt dieses Reformprojekts. Nicht von ungefähr hatte die Vorstellung des Berichts in Berlin etwas eigentümlich Verdruckstes. Denn die Kommissionsvorsitzende wollte nicht nur nicht über Personen, sondern auch nicht über Zahlen reden. Der Jahresetat der Preußenstiftung liegt bei ungefähr dreihundertsechzig Millionen Euro. Davon steht nur ein Hundertstel für Neuerwerbungen und kaum mehr für Digitalisierung, Öffentlichkeitsarbeit oder Gebäudeerhaltung zur Verfügung.

          Wenn die Stiftung – oder ihre membra disiecta – bei gleichem Personalstand substantiell aufgerüstet werden soll, wäre wohl ein dreistelliger Millionenbetrag fällig. Irgendwann gegen Ende der Pressekonferenz raunte Hermann Parzinger, „vieles“ hänge am Bundesfinanzminister. Nein, nicht vieles, sondern alles. Frau Grütters und ihre Nachfolgerin werden als Bittstellerinnen ins Bundesfinanzministerium laufen und dort erklären müssen, warum sie die Staatlichen Museen retten wollen, indem sie ihren Überbau zerschlagen. Das ist die politische Realität hinter der kulturellen Malaise.

          Wo die Krankheit wirklich sitzt, erkennt man, wenn man einzelne Institutionen in der Studie nachschlägt. Etwa das Kupferstichkabinett. Der Wissenschaftsrat nennt seinen Jahresankaufsetat: fünfundzwanzigtausend Euro. Seine Räumlichkeiten sind sanierungsbedürftig, seine Depots auf den Bedarf vor 1990 zugeschnitten. Aber seine Sammlungen können international mithalten, und seine Direktorin Dagmar Korbacher brennt für ihre Schätze. Sie bekommt nur zu selten Gelegenheit, sie zu zeigen. Das mag an den Strukturen liegen. Aber noch mehr liegt es, wie auch jedes Gelingen und Versagen in der Politik, an den Personen. Reden wir also über Namen und Zahlen. Sonst sind alle Kommissionsempfehlungen nur bedrucktes Papier.

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