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Hochbegabung bei Kindern : Ein Ferrari mit angezogener Handbremse

  • -Aktualisiert am

Schlagfertig zu antworten, wenn sie angepöbelt werden, fällt auch Hochbegabten schwer: Max (in der Mitte) überlegt, wie er am besten reagieren soll. Bild: Niklas Grapatin

Was heißt Normalität, und wie erreicht man sie? Für hochbegabte Kinder und ihre Eltern ist das oft schwierig. Ein Blick in den Alltag von Max, Tahra und Selin zeigt: Die Hürden sind hoch.

          Zwei Mädchen und sechs Jungen sitzen still in einem weißgestrichenen Raum und werfen sich gegenseitig schüchterne Blicke zu. Sie treffen sich heute zum ersten Mal, und dennoch teilen sie ein Geheimnis. Nur wenigen Menschen verraten sie es. „Meinen Freunden Marvin und Joscha, denen kann ich so was erzählen“, sagt Max, „die erzählen das bestimmt nicht weiter.“ Auch Tahra hütet ihr Geheimnis: „Ich würde es auch nicht in der Schule rumerzählen. Die sagen dann bestimmt ,Angeber‘.“ Max, Tahra und die anderen sind hochbegabt. Und sie wissen genau, warum sie das vor vielen Klassenkameraden geheim halten - weil viele Kinder so darauf reagieren wie die Jungen aus Selins Klasse: „Die ärgern mich dann. Sie sagen dann ,Klugscheißer‘ und ,Du weißt ja eh alles!‘“

          Hier, im Mehrgenerationenhaus Frankfurt, sind die Kinder unter sich und müssen keine Hemmungen haben, von ihrer Hochbegabung zu erzählen. Selin und die anderen nehmen heute an einem Kurs zum Thema Schlagfertigkeit teil. Kursleiterin Kerstin Eisbrenner ist beim Hochbegabtenzentrum (HBZ) für die Leitung der Elterngruppen zuständig. „Dabei kam mir auch die Idee für den Schlagfertigkeitskurs“, erzählt sie. Die Eltern hätten oft davon berichtet, dass ihre Kinder als Streber gehänselt würden. Doch auch die Vorschläge der Eltern - meist raten sie schlicht zum Gegenangriff - zeigen eine gewisse Hilflosigkeit. „Ich dachte oft: Nein! So ein Vorgehen ist ganz falsch!“, erzählt Kerstin Eisbrenner.

          Förderung für Hochbegabte

          Vor fünfzehn Jahren wurde das HBZ als Anlauf- und Beratungsstelle für hochbegabte Kinder und ihre Eltern gegründet und 2005 in die Volkshochschule Frankfurt am Main eingegliedert. „Eltern haben irgendwann festgestellt, dass es keine Angebote für Kinder gab, die schneller sind und anfangen, sich in der Schule zu langweilen“, erzählt die Leiterin des HBZ, Petra Laubenstein. Das Zentrum informiert unter anderem Eltern und Pädagogen zum Thema Hochbegabung, dient aber auch als Begegnungsstätte für hochbegabte Kinder.

          Ein ähnliches Angebot bietet auch das Hoch-Begabten-Zentrum Rheinland in Brühl an, ebenfalls im Jahr 2000 gegründet. Die deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) mit Sitz in Berlin setzt sich bereits seit 1978 für die Hochbegabtenförderung ein und gliedert sich mittlerweile in einen Bundes- und fünfzehn Regionalvereine. Das HBZ Frankfurt bietet jedes Jahr ein umfangreiches Kursprogramm an. Vom Forschercamp über „Mathematik in der Antike“ bis hin zur Roboterkonstruktion ist alles dabei. Durch das Kursprogramm sollen die Kinder nicht nur besonders gefördert werden, sondern auch die Möglichkeit bekommen, sich mit anderen Kindern in ähnlicher Lage auszutauschen.

          Im Schlagfertigkeitskurs sollen die Acht- bis Zehnjährigen deshalb lernen, wie sie mit den Hänseleien anderer umgehen können - ohne dabei arrogant oder gemein zu wirken. Noch aber kommt dieser Austausch eher stockend voran. Schüchtern nennen die Kinder auf Nachfrage von Kerstin Eisbrenner ihren Namen, Alter und Klassenstufe.

          Führen wirklich alle Wege nach Rom?

          Die jüngsten Kinder sind gerade in der zweiten Klasse, zwei gehen aufs Gymnasium. „Ich bin auf einer Schule, auf der ich sehr gut gefördert werde“, erzählt Tobias. „Da ist niemandem langweilig. Das ist eine ganz normale Schule.“ Auf eine besondere Schule nur für Hochbegabte geht keines der Kinder. Mit Sonderbehandlung haben manche aber dennoch Erfahrung, so wie Jonah: „Manchmal werde ich zu Extra-Arbeiten gezwungen und bekomme Aufgaben, die eigentlich für Dritt- oder Viertklässler sind. Das nervt, aber besser, als sich zu langweilen.“

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