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Begräbnisriten der Antike : Die Schatten dahinter

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Der Umgang mit dem Tod hat nichts Selbstverständliches mehr. Wie haben die Alten den Tod verwunden? Begräbnisriten der Griechen, Römer und frühen Christen.

          7 Min.

          Die Fruchtbarkeit der Natur ist erstorben, wenn westliche Christen im Kollektiv ihrer Toten gedenken, die Katholiken zu Allerseelen am 2. November, die Protestanten am Totensonntag, dem letzten Sonntag ihres Kirchenjahres. Während der Totensonntag erst knapp zweihundert Jahre alt ist und seine Einführung durch den König von Preußen nach den Kriegen gegen Napoleon auch politische Bedeutung haben sollte, geht Allerseelen auf die Antike zurück, allerdings nicht so direkt wie der 25. Dezember, sondern eher kapillarisch.

          Ebenfalls in der vegetationslosen Zeit, im Februar, feierten die Römer das Fest der Parentalia für die verstorbenen Eltern (parentes) und Verwandten. Es dauerte eine Woche, und zumindest am letzten Tag wurden zum Zeichen der öffentlichen Trauer die Tempel geschlossen, die Altäre blieben ohne Weihrauch, die Amtsträger legten ihre Tracht ab, es sollten auch keine Hochzeiten stattfinden.

          Gesetzliche Grenzen für den Prunk

          Der römische Dichter Ovid erklärt in seinem poetischen Festkalender (Fasti) die Parentalia aus einer Grundüberzeugung antiker Menschen: Die Seelen der Toten müssen besänftigt werden. Wer dies versäumt, wie es einst Aeneas, dem Stammvater der Römer, einmal unterlief, der beschwört Schlimmes herauf: Den Gräbern entstiegen die Ahnen, mit heulendem Ruf huschten entstellte Seelen durch die Straßen der Stadt, über die Äcker und Fluren. Und erst als man den Gräbern die versäumten Ehren erwies, endeten schlimme Zeichen und Sterbewellen, zeigten sich die Manen - Geister der Toten - versöhnt.

          Um die Schatten an den Parentalia zu versöhnen, sind Gebete und Frömmigkeit wichtiger als große Gaben. Diese Mahnung Ovids führt mitten hinein in eine andere antike Debatte: Wie prachtvoll müssen oder dürfen Grabbeigaben und überhaupt der Aufwand bei einer Bestattung sein? Ihn zu begrenzen war in griechischen Stadtstaaten wie auch in Rom Gegenstand gesetzlicher Regelungen, deren Sinn freilich nicht leicht zu entschlüsseln ist. Sollten die Wohlhabenden davon abgehalten werden, sich durch immer prachtvollere Bestattungen zu ruinieren? Oder ging es darum, die Störung durch einen Todesfall nicht eskalieren zu lassen, indem dieser zu lange, zu laut und zu sichtbar in den mühsam stabilisierten Alltag hineinfuhr?

          Ausschluss aus der Gemeinschaft der Lebenden

          In Ovids Festkalender war die Sache klar: Am Tag nach den Parentalia trafen sich Verwandte und enge Freunde zum Familienfest der „lieben Verwandtschaft“ und versicherten einander ihre Verbundenheit durch kleine Geschenke, mache es doch Freude, „von Gräbern und toten Verwandten nun endlich den Blick auf die Lebenden wenden zu können und zu sehen, wer noch da war“.

          Unabhängig von der jeweiligen Kultur hat die Bestattung allgemein verschiedene Funktionen. Der Leichnam und mit ihm die durch den Tod verursachte Befleckung (Miasma) müssen beseitigt werden, die Trennung vom Verstorbenen und die Erfahrung des Todes schlechthin sind zu bewältigen. In der Abfolge der Rituale schließen die Lebenden den Toten schrittweise aus ihrer Gemeinschaft aus und ordnen ihn zugleich in einen neuen Zusammenhang ein. Materiell bezieht der Verstorbene eine neue Wohnung, im Gedächtnis wird er zum Ahnen. Das Grab soll ihn vor Angriffen jeder Art schützen. „Wenn mich einer von der Stelle rückt, wird er den Zorn der Götter auf sich laden und bei lebendigem Leibe verbrennen“, solche und ähnliche Warnungen finden sich zahlreich auf antiken Grabinschriften.

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