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„Gott“ am Residenztheater : Absurdität zum Greifen nah

  • -Aktualisiert am

Haltungen und Positionen können eindeutiger wirken, als sie sind: Cathrin Störmer als Vertreterin des Ethikrats in Max Färberböcks Inszenierung von „Gott“ Bild: Sandra Then

Darf ein Mensch sein Leben beenden lassen? Das Residenztheater in München bohrt „Gott“ von Ferdinand von Schirach neu auf.

          3 Min.

          Im Prinzip ist alles möglich. Die ad absurdum geführte Idee, diesen Abend über das Leben, das Leiden und das Sterben im funktionsnackten Ordnungssystem bürograuer Lochwände spielen zu lassen, spricht für sich: Die gesamte Bühnenbreite des Münchner Residenztheaters, ein-schließlich der Türen an den kurzen Seiten, ist in die schwarz auf weiß gepunktete Suggestion unendlicher Gelegenheit wie Va­riabilität gekleidet, in einigen – unter un­zähligen überzähligen – Löchern Halt zu finden. Dabei gibt es keinen einzigen Ha­ken oder Aufhänger. Und weil die harten Stahlrohrbänke keine Lehnen haben, sind die darauf wie in Wartepositionen einer Sportlerreserve hockenden Protagonisten der einzige Wandschmuck, sind ihre Reden die Anhaltspunkte, aus denen sich zum Schluss ein individuelles Urteil bilden ließe. Eine grüne und eine rote Karte liegen schon bereit – was für eine lächerliche Auswahl angesichts der Fülle der Fälle, der Meinungen, der Löcher in Volker Thieles Bühnenbild.

          Gespielt wird „Gott“, nach „Terror“ der zweite dramatische Coup des in München geborenen Juristen und Autors Ferdinand von Schirach, an dessen Ende eine Publikumsabstimmung zu einem ethischen Dilemma steht. Bei „Gott“ wird im Anschluss an eine öffentliche Sitzung des Ethikrates entschieden: Soll ein Arzt dem Wunsch und Willen seines psychisch gesunden Patienten entsprechen, ihm ein tödliches Medikament zu verabreichen?

          Sachtheater im Fernsehen

          Dem neuen neunzigminütigen Sachtheater-Format verhalf jeweils ein Fernsehereignis zur Popularität (bei „Gott“ stimmten 70,8 Prozent mit „Ja“). Da passt es, dass Regisseur Max Färberböck, bekannt etwa für „Tatort“-Folgen, mit genau diesem brisanten Stoff gleich dreifach zurückkehrt: ans Theater, nach München und als Regisseur von Juliane Köhler („Aimée & Jaguar“, 1999). Die Aktualität der Themen Ferdinand von Schirachs ist unbestreitbar. Als das Bundesverfassungsgericht am 26. Fe­bruar 2020 mit der Abschaffung des Paragrafen 217 entschied, dass assistierter Suizid nicht länger strafbar sei, überarbeitete der Autor sein Lehrstück. Die Relevanz bleibt bestehen, da die Politik die Freigabe des todbringenden Medikaments bislang nicht anerkennt.

          Es gibt keine Rechtspflicht zu leben. Wann also hat ein Mensch sein Leben „zu Ende gelebt“? Elisabeth Gärtner ist 68 Jahre alt und völlig gesund, gut situiert, sozial eingebettet, aber traurig. Ohne ihren drei Jahre zuvor gestorbenen Mann Richard möchte sie nicht weiterleben. „Er ist weg, und ich bin noch da. Das ist nicht richtig. Nicht nach 42 Jahren.“ Deswegen sitzt sie nun da und fragt mit Leidenschaft: Wer bestimmt über den Wert des Lebens? Das Recht? Die Medizin? Die Kirche? Wer spielt Gott? Oder vielmehr: Wer ersetzt ihn, der am Ende als Angeklagter des Un­fassbaren bleibt?

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