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Wettlesen um den Bachmannpreis : Immergrüner Psychoterror

  • -Aktualisiert am

Ihr Text hieß so wie ihr Arbeitgeber: Ronja von Rönne liest „Welt am Sonntag“ Bild: dpa

Bei sonnigen Höchsttemperaturen bekommen beim Bachmannpreis in Klagenfurt gleich mehrere Autoren die Schärfe des Kritikerurteils zu spüren. Von Bonsai-Barock und einem riesigen Floskel-Haufen war da die Rede.

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          Gleich dreimal hintereinander erklang in der vergangenen Nacht am Lendhafen in Klagenfurt die hawaiianische Steel-Gitarre von „Sleepwalk“ – aufgelegt vom D.J. Tex Rubinowitz, der im Nebenberuf Bachmannpreisträger des Vorjahres ist. Die traditionelle Plattenstunde nennt er spaßhaft „Evergreens of Psychoterror“. Ob das aber auch ein heimliches Motto des Lesewettbewerbs sein soll? Denn bei allen bekannten Annehmlichkeiten der großen Literaturbetriebsveranstaltung am Wörthersee gilt ja weiterhin, dass sich hier Schriftsteller einem enormen Druck ausgesetzt sehen, dem des öffentlichen Ausgestelltseins und besonders dem eines Kritikertribunals, vor dem sie liefern müssen, sich aber nicht verteidigen dürfen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Schärfe des Kritikerurteils bekam am Freitag der Autor Peter Truschner zu spüren, in dessen Text „RTL-Reptil“ über einen aggressiven Macho der Juror Klaus Kastberger nur einen „riesengroßen Haufen von Floskeln“ sah. Nicht viel besser erging es Tim Krohn mit seiner Neufassung der Geschichte von Adam Eva, die im angeeigneten biblischen Ton die Frage verhandelt, ob der Mensch Tiere töten darf.

          Auf Kollisionskurs mit Bummelstudenten

          Begeistert zeigte ich die Jury hingegen von Monique Schwitters vertrackter Familienaufstellung „Esche“, die ihren Konflikt anhand der Streitfrage erörtert, wer neben wem dereinst im Grab liegen soll- und zwar im Forst von Buxtehude: eine durch literarische Verweise hochaufgeladene, vielleicht auch überladene Story, für die Kastberger den hübschen Ausdruck des „Bonsai-Barock“ fand, während Hubert Winkels sich an die Programmhefte von Händelopern erinnert fühlte.

          In Ronja von Rönnes Text „Welt am Sonntag“ schließlich, der eine junge Frau der „Generation Produktiv“ auf Kollisionskurs mit teetrinkenden Bummelstudenten schickt, erkannte man dekadenten Nihilismus, der an die amerikanische Jugend der fünfziger Jahre sowie die Tristesse Royale der Neunziger erinnere.

          Zwei Damen mit Hündchen

          Während die dreiundzwanzig Jahre alte Berlinerin hier ihr literarisches Debüt präsentierte, haben Autorinnen wie Teresa Präauer, die heute am dritten und letzten Lesetag in Klagenfurt antritt, bereits prämierte Romane im Gepäck („Johnny und Jean“). Die in Bukarest geborene Schweizerin Dana Grigorcea wie auch die in Zagreb geborene Österreicherin Anna Baar präsentieren beide Auszüge aus noch nicht erschienenen Romanen, und auch der Berner Lyriker und Performancekünstler Jürg Halter arbeitet gerade an seinem ersten.

          Gespannt sein kann man ferner darauf, welche Impressionen von Klagenfurt heute während der Lesungen bei der Fernsehübertragung eingeblendet werden: Gestern der Schnitt auf zwei Damen mit Hündchen auf der Terrasse vom Schloss Maria Loretto am Wörthersee mitten in einer Lesung kam ziemlich überraschend. Am Sonntagmorgen dann wird man erfahren, wer dieses Jahr den Bachmannpreis gewinnt.

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