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Bachmannpreis : Der Veranstalter sieht schon das Ende der Schriftkultur

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Was es heißt, die Sprache zu wechseln: Maja Haderlap bei ihrer Klagenfurter Rede zur Literatur Bild: dpa

Ein resignativer Vergleich, ein Krankheitsfall und eine Rede über das Trauma des Sprachwechsels: In Klagenfurt haben die Tage der deutschsprachigen Literatur begonnen, das Wettlesen um den Bachmannpreis.

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          Immer in der ersten Woche im Juli verwandelt sich das beschauliche Klagenfurt am Wörthersee zum Nabel der deutschsprachigen literarischen Welt. Zumindest glauben das alle hier, all die Autoren, Verleger, Lektoren und Agenten, die aus Wien, Berlin, Hamburg und Zürich angeflogen kommen und die Stadt für ein paar Tage belagern, um dem 1976 von Marcel Reich-Ranicki mitbegründeten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb beizuwohnen, der aus rechtlichen Gründen inzwischen „Tage der deutschsprachigen Literatur“ heißt.

          Schon bevor es am Mittwochabend mit der Eröffnung des „Bewerbs“ im überfüllten ORF-Theater vor viel lokaler Prominenz richtig losging, machte die erste schlechte Nachricht die Runde: Karen Köhler, eine der vierzehn geladenen Autoren, deren Erzählungsband „Wir haben Raketen geangelt“ in Kürze erscheinen wird, ist an Windpocken erkrankt und kann nicht kommen. Das hat es in den achtunddreißig Jahren, die der Preis existiert, noch nicht gegeben, dass jemand nicht kommt. Man hat überlegt, die Situation zu retten, etwa durch eine Einspielung der Autorin per Videostream. Doch was im Fernsehen gang und gäbe ist, erlauben die Statuten nicht, weshalb es jetzt unter dem Motto „Gegen Windpocken - für Raketen“ eine „Soli-Lesung für Karen Köhler“ geben wird. Beim Wettstreit um den mit 25.000 Euro dotierten Bachmann-Preis steigen nun nur noch dreizehn Kandidaten in den Ring.

          Aus der Zeit gefallen

          Und die staunten nicht schlecht, als sie sich zur Eröffnungsfeier im ORF-Theater in einer „Jurassic Stage“ inmitten von wilden Sauriern wiederfanden. Der Bühnenbildner Reinhard Taurer hat die Bühne der Literatur mit lauter Echsen, Dinos und Lindwürmern bevölkert, die sich in der Bühnenmitte um einen See versammeln wie um eine Tränke. Bekanntlich thront am Neuen Markt von Klagenfurt ein Lindwurm, der in der Stadt einst Angst und Schrecken verbreitete, bis eine Handvoll Ritter ihn erledigte. Doch weil die Klagenfurter auch die Skulptur noch fürchteten, stellte man dem Biest im siebzehnten Jahrhundert einen Herkules mit Morgenstern gegenüber, der es bis heute bewacht. Auch der Klagenfurter Jury geht seit je der Ruf voraus, ein schreckenerregendes Ungeheuer mit sieben Köpfen zu sein. Mit den putzigen Bühnenechsen aber wird niemanden hier das Fürchten gelehrt.

          Eher schon das Klagen. Die Landes-Chefin des ORF-Studios verleiten die Geschöpfe jedenfalls zu dem sehr resignativen Vergleich, dass der Literatur doch etwas Dinohaftes innewohne, ja, sie wie aus der Zeit gefallen wirke, auch wenn sie natürlich keineswegs ausgestorben sei. Dem Bachmann-Wettbewerb ausgerechnet ein Jahr nachdem man ihn mit letzter Kraft und großem Aplomb vor dem Aus gerettet hat, derart kulturpessimistisch zu kommen, wirkt dabei selbst wie aus der Zeit gefallen. Die neue 3sat-Direktorin im ORF, Petra Gruber, wollte im Anschluss gar schon das Ende der Schriftkultur erkannt haben und hielt zum besseren Verständnis der Misere ein paar Schautafeln mit Emoticons hoch. Gerade einmal 20.000 Zuschauer im gesamten deutschsprachigen Raum verfolgten die Live-Übertragung des Wettbewerbs bei 3sat. Und was beweist das jetzt?

          Text Rubinowitz weiß es schon

          Nach einer guten Stunde kam dann auch die Literatur noch zu Wort. Vorher mussten die aufgeregten Kandidaten im Beisein des Justitiars aus einer verspiegelten Box noch ihre Lesezeiten ziehen, wobei jeder insgeheim hoffte, nicht gleich am Donnerstagmorgen als Erster dranzukommen. Dann hielt Maja Haderlap ihre Klagenfurter Rede zur Literatur. Darin setzte sich die hier lebende Autorin, die den Wettbewerb 2011 gewonnen hatte, mit dem Phänomen des literarischen Sprachwechsels auseinander, den sie - als Angehörige der slowenischen Minderheit in Kärnten - ebenso selbst durchgemacht hat wie auch ihre Kolleginnen Katja Petrowskaja und Olga Martynova, die hier 2012 und 2013 siegten. Haderlap hat den Wechsel vom Slowenischen ins Deutsche traumatisch erfahren, verbunden mit vielen Konflikten, die sie nun beschreibt. Nicht nur habe sie Sprache von Beginn an als ideologische, politische Kategorie erlebt, „als zwei einander ausschließenden Pole, zwischen denen ich mich entscheiden musste“. Noch in der Kindheit der 1961 geborenen Autorin wurde der seit Jahrhunderten in Kärnten lebenden slowenischen Bevölkerung nahegelegt, ihre Sprache nicht in der Öffentlichkeit zu sprechen. Dass das Ankommen in einer Sprache aber zugleich immer eine Rettungsgeschichte ist, auch davon berichtete die Schriftstellerin konzentriert und unaufgeregt ihrem Publikum.

          Auch Tex Rubinowitz war schon einmal in Klagenfurt, nachzulesen ist das in seiner Geschichte „Die Tage der reitenden Leichenwäscher“, die 2012 in seinem Buch „Rumgurken“ erschien. Der Wiener Cartoonist, der am Samstag um 11 Uhr lesen wird, ergründet darin nicht nur das Wesen der hier versammelten Literaturhooligans und warum es unter Autoren auffällig viele Totengräber und Leichenwäscher gibt. Er weiß auch, was es mit der Gruppe „Free Ernst A. Grandits“ auf sich hat und warum das Vorkommen von Frotteetüchern, Sporttaschen und Nagetieren in Texten für Pluspunkte sorgt.

          Das Klagenfurter Ritual mit seinen okkulten Regeln und Gesetzen hat begonnen. Und warum sich die Leute freiwillig dazu bereit erklären, sich mitten im Sommer in ein stickiges Theater zu setzen, um sich halbstündlich Texte anzuhören, die anschließend von einer lichtscheuen Jury zerpflückt werden - Tex Rubinowitz weiß es schon.

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