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Buchreihe im Secession Verlag : Vielleicht muss sogar die Literaturgeschichte umgeschrieben werden

Auf dass Frauen „nicht nur an Schönheit, sondern auch an Gelehrsamkeit und Tugend die Männer übertreffen“: Louise Labé. Bild: Picture-Alliance

Es gibt so viel zu entdecken: Der Secession Verlag bringt eine neue Buchreihe heraus, in der vergessene europäische Autorinnen der Frühen Neuzeit zu Wort kommen.

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          In einem Berliner Hinterhof an der belebten Potsdamer Straße zwischen Tiergarten und Schöneberg lädt ein kleiner Raum im Erdgeschoss zum Verweilen ein. Hier stehen Druckmaschinen, einige Bücher liegen aus, an den Wänden hängen eingerahmte Wörter, Buchstaben, Zahlen in verschiedenen Typographien. An diesem Abend wird Wein ausgeschenkt, es gibt etwas zu feiern.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Der in Berlin ansässige Secession Verlag für Literatur – nicht zu verwechseln mit der neurechten Zeitschrift „Sezession“ von Götz Kubitschek – begeht sein zehnjähriges Jubiläum. Und nicht nur das: Stolz präsentieren die Verleger Christian Ruzicska und Joachim von Zepelin die neue Buchreihe „Femmes de Lettres“. In ihr sollen europäische Autorinnen vor allem des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts zu Wort kommen, die vergessen oder nie entdeckt worden sind, deren Werke hierzulande nicht übersetzt oder publiziert wurden und deshalb bislang kaum zugänglich waren.

          Die europäische Literaturgeschichte, wie wir sie kennten, stimme nicht, sagt Renate Kroll. Die Erzählungen seien von Männern dominiert, dabei habe es schon in der Frühen Neuzeit so viele Frauen gegeben, die in ihrem Schreiben den männlichen Schriftstellern weit voraus gewesen seien. Fänden sie Berücksichtigung, müsste die Literaturgeschichte umgeschrieben werden, glaubt Kroll. Die emeritierte Literaturwissenschaftlerin hat die Reihe in Kooperation mit der Fonte-Stiftung ins Leben gerufen.

          Den Auftakt macht dabei die französische Autorin Louise Labé, die wahrscheinlich von 1524 bis 1566 gelebt hat. In einer ausgesprochen schönen Ausgabe erscheinen ihre Werke unter dem Titel „Torheit und Liebe“ zweisprachig: auf Mittelfranzösisch und in deutscher Übersetzung von Monika Fahrenbach-Wachendorff. Schon auf den ersten Seiten staunt man über Labés emanzipatorische Kritik an der Ungleichbehandlung der Geschlechter. Sie wünsche sich, dass die Frauen „nicht nur an Schönheit, sondern auch an Gelehrsamkeit und Tugend die Männer übertreffen“, schreibt sie im Widmungsbrief, mit dem das Buch beginnt. Welch ungeheure Kraft die Sätze haben, wird erst richtig deutlich, als die Schauspielerin Angela Winkler sie meisterhaft zum Sprechen bringt. Tief berührend sind die Gedichte von Labé, in denen sie über den Tod nachdenkt, über den Sinn der Ehe, über Glück und Leid in der Liebe.

          Die sehr gelungene Buchreihe ist ein Trost für alle, die fürchten, schöne Bücher gingen in diesen krisengeschüttelten Zeiten unter. Und sie drückt einen doppelten Widerstand aus: gegen die männlich dominierte Literaturgeschichte und gegen die eindimensionale Digitalisierung, die das gedruckte Buch verdrängt und mit ihm die Ruhe, sich von diesen besonderen Texten ansprechen zu lassen, ihnen zuzuhören und sie immer wieder genau zu lesen.

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