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Library of America : In welcher Denktradition steht Joe Biden?

Schön gedruckt und erdbebensicher gebunden: Library of America, die angesehenste Buchreihe des Landes Bild: Library of America

Bildung kann nur erworben, demokratisches Mitspracherecht nur praktiziert werden, wenn die nötigen Texte dafür zugänglich sind: Die Wahl von Joe Biden weckt auch in dieser Hinsicht neue Hoffnung.

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          Das Pathos in Joe Bidens erster Rede als künftiger amerikanischer Präsident mag von der Altersgelassenheit des Siebenundsiebzigjährigen im Zaum gehalten worden sein, doch es blieb Pathos in der besten Tradition des Landes: Eine neue Seite wird aufgeschlagen. Der Glaube an die Verfassung hat sich erneuert. Doch Biden ist auch „der Ehemann von Jill“, und Jill ist Lehrerin. Jills Gemahl wird also nicht in Versuchung geraten, das Budget jener kulturellen Institutionen des Landes zu kappen, die seinem Vorgänger Donald Trump so sehr ein Dorn im Auge waren, dass er es Jahr für Jahr wieder probiert hat – und vom Kongress genauso regelmäßig daran gehindert wurde.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die Rede ist unter anderem vom National Endowment for the Humanities. Zusammen mit der Ford Foundation ist diese staatliche Einrichtung zur Förderung der Geisteswissenschaften der Hauptgeldgeber der Library of America, der angesehensten Buchreihe des Landes. Seit 1982 erscheinen hier mustergültige Klassikerausgaben, schön gedruckt und erdbebensicher gebunden. Bis heute ist ihre Gestalt gleich geblieben. Es sind Editionen auf seriöser Textgrundlage in den Farben blau, grün, rot oder beige, immer in derselben Typographie und mit Umfängen bis zu 1500 Seiten, als stünde der Zerfall der Druckerpressen unmittelbar bevor.

          Stoff für Schulklassen und Universitäten

          Neben den Klassikern Poe, Melville, Twain, Faulkner und Baldwin erschienen von Anfang an die Historiker, allen voran Francis Parkman, aber auch politische Schriften von Jefferson und Thomas Paine, wichtige Memoirenliteratur oder die erlebte Bürgerkriegsgeschichte des Generals und späteren Präsidenten Ulysses S. Grant. Mit den Jahren erweiterte sich das Programm, und parallel zur digitalen Revolution, vielleicht auch zur wachsenden politischen Zerstrittenheit des Landes wuchs die Zuständigkeit der Reihe für das, was Amerika wissen und sich vor Augen halten sollte. Wie hart um die Verfassung gerungen wurde, dokumentieren zwei fette Bände mit dem Titel „The Debate on the Constitution“. Wenn man die 56 Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung durchschaut, fällt dem Laien nur eine Handvoll Namen auf: John Adams etwa, „Benj. Franklin“, „Th Jefferson“. Der Rest ist vergessen. Aber da stehen sie, zusammen mit all den anderen, Stoff für Schulklassen und Universitäten.

          Inzwischen sind von der Buchreihe zehn Millionen Exemplare in Umlauf, berühmte Persönlichkeiten werben für sie, Mäzene geben Geld, damit es weitergehen kann: Immer mehr, immer wieder neue, andere und vielfältige Kultur wird hereingeholt. Ein eigener Platz ist für den amerikanischen Journalismus reserviert, mit Ausgaben über den Vietnamkrieg und das Ringen um die Bürgerrechte. Ein nagelneuer Band, Nummer 332, erzählt vom Kampf um das Frauenwahlrecht 1776 bis 1965, und längst sind auch populäre Genres zugelassen, die bei ihrem Erscheinen auf billigem Zeitungspapier konsumiert wurden. Erstaunlicherweise sind es oft diese Autoren – von der Science-Fiction-Ikone Philip K. Dick bis zu dem großen Moralisten Ross Macdonald –, die sich in ihrem literarischen Nachleben als dauerhafter erweisen als manche Großperücke der Tages.

          Gerade ist in der Library of America, passend zu den wilden Zeiten, ein schmaler Band des Historikers Nicholas Lehman mit dem Titel „American Democracy: 21 Answers to 5 Urgent Questions“ erschienen. Er mahnt, nicht so sehr darauf zu achten, wer ganz oben steht, sondern die Essenz der Demokratie im Auge zu behalten – das Recht auf freie und geheime Wahlen zum Beispiel, eingeschlossen das genaue Auszählen der Stimmen. Politik sei oft unsauber, schreibt Lehman, Politiker könnten niedrig sein, Interessengruppen gierig, die Presse sensationalistisch. Aber all das gehöre nun einmal zum System. „Eine Zeit, in der die amerikanische Demokratie in perfekter Verfassung gewesen wäre, hat es nie gegeben.“

          Feine Klassikereditionen bringen den Menschen am Rand nicht automatisch Bildung. Aber Bildung kann nur erworben, demokratisches Mitspracherecht nur praktiziert werden, wenn die nötigen Texte dafür zugänglich sind. Jetzt geht die amerikanische Erneuerung von einem alten Herrn aus, der schon eine Ehefrau und zwei Kinder zu Grabe getragen hat. Die Denktradition, auf die seine Botschaft an die Nation sich stützt, ist weit und tief genug, um immer wieder zum Leben erweckt zu werden.

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