Frauen in der Psychiatrie : Wie es ist, als verrückt zu gelten

Mary Ellen Mark fotografiert Frauen in der Psychiatrie.
Wenn Fotografen einen Blick in die Abgründe am Rand der Gesellschaft werfen, dabei nicht von Sensationsgier getrieben sind und von jenen, denen sie begegneten, keine allzu sentimentalen Ansichten mit zurückbringen, fällt immer irgendwann die Vokabel „Würde“. Im Englischen wäre das „Dignity“. Aber Mary Ellen Mark, die 1976 für eine Bildreportage fünf Wochen in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung des Oregon State Hospital verbrachte und mit den knapp zwanzig Patientinnen Freundschaft schloss oder zu schließen versuchte, benutzte das Wort nicht. Vielleicht klang es in ihren Ohren falsch. Vielleicht erschien es ihr auch zu banal, zu selbstverständlich. Und womöglich ist es ja bloß wieder eine Schublade. Sie wollte, sagte sie später, die eingesperrten Frauen für ihren Beitrag nicht ausnutzen, vielmehr bot sie an, dass ebenjene sie ausnutzten, um von sich und ihrer Situation zu berichten: wie es ist, eingesperrt zu sein, um sich und anderen nichts anzutun; über Stunden und Tage ans Bett gefesselt zu werden; keinen privaten, uneinsehbaren Rückzugsort zu haben und gegen den eigenen, ausgesprochenen Wunsch und Willen Elektroschocks zu erhalten, bis zu drei am Tag. Am Ende natürlich auch, wie es ist, verrückt zu sein.
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